Wenn Diversität keinen Platz hat, hat der Terror gewonnen

Userkommentar17. November 2015, 18:24
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"Pray for Paris", "Don't pray", das blau-weiß-rote Profilbild: In Social Media wird gestritten, wie man trauern soll

Die Social-Media-Community beschimpft sich gegenseitig. Posten die einen in Betroffenheit "Pray for Paris", antworten die anderen "Don't pray" mit Verweis darauf, dass anscheinend die Religionen die Wurzel allen Übels, daher auch des Terrors seien. Andere wiederum färben ihr Profilbild blau-weiß-rot in Solidarität mit den Opfern der Anschläge, schon kommen jene, die darin eine falsche Solidarisierung mit der kriegführenden Nation Frankreich und überhaupt mit Nationalismen sehen.

Trauer um die Toten ist auch nicht so einfach. "Wenn ihr um die Toten von Freitag trauert, warum trauert ihr nicht um jene vom Donnerstag in Beirut, um jene vor Monaten in Kenia, um jene in Syrien, Palästina, Israel oder sonst noch wo?"

Moralische Keulen

Manche scheinen sich also das Recht herauszunehmen, anderen Menschen ihre Betroffenheit vorzuschreiben. Dass Anschläge in unmittelbarer gefühlter Nähe schneller betroffen machen als Anschläge in vermeintlich sicherer Entfernung, ist wohl verständlich, wird aber zum Ziel moralischer Keulen der selbstdefinierten politischen Korrektheit.

Kann es also wirklich sein, dass sich manche das Recht herausnehmen, das Trauern, das Beten, das Weinen zu verbieten, solange es nicht auf absolute Weltgerechtigkeit durchdekliniert ist? Muss ich also das nächste Mal, wenn ich zu einem tödlichen Verkehrsunfall komme, meine Betroffenheit zurückhalten angesichts der tausenden Toten, die es sonst wo auf der Welt gibt?

Darf ich mein Profilbild bearbeiten, wie es mir gerade passt, oder soll ich vorher hundert Reflexionsschleifen durchlaufen, damit mir klar wird, dass eigentlich jedes Symbol, jede Reaktion ob ihrer individuellen Verkürzung auch genauso falsch sein kann? Ist meine Spontanität also immer verdächtig?

Social Media sind schnell – und voller Emotionalität

Die Social-Media-Community ist schnell. Sehr schnell. Und sie verbreitet sowohl Wichtiges wie Banales. Wenn aber die Plattformen einigermaßen sinnvolle Kommunikation ermöglichen sollen, dann müssen wir uns Emotionalität zumuten. Da haben Angst und Sorge ebenso Platz wie Humor und Satire.

Wenn aber manche glauben, anderen vorschreiben zu können, wie gefälligst richtig getrauert und korrekt protestiert wird, dann wird jene Diversität verloren gehen, die soziale Medien brauchen. Es muss meine höchstpersönliche Entscheidung bleiben, in welcher Form ich Betroffenheit und Trauer ausdrücke. Das können weder Religionsgemeinschaften noch säkularisierte Meinungsvertretungen diktieren. Wenn Diversität keinen Platz hat, hat der Terror gewonnen. (Bernhard Jenny, 17.11.2015)

  • In Social Media muss es meine höchstpersönliche Entscheidung bleiben, in welcher Form ich Betroffenheit und Trauer ausdrücke.
    foto: reuters/carlo allegri

    In Social Media muss es meine höchstpersönliche Entscheidung bleiben, in welcher Form ich Betroffenheit und Trauer ausdrücke.

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