Strichmännchen, die Liebe und der Eiffelturm

Reportage16. November 2015, 18:11
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Paris ist am ersten Arbeitstag nach den Anschlägen seltsam ruhig und bedrückt

Zum Glück sind da noch die Kinder. Vor der École Maternelle Saint-Benoît lachen und springen sie an diesem Morgen auf dem Gehsteig, als wäre nichts geschehen. Mit fröhlichem Geschrei stürmen sie ins Gebäude. An sich müssten hier wegen des Anti-Terror-Plans "Vigipirate" Polizisten stehen. "Die werden andernorts gebraucht", sagt die Direktorin, die den Sicherheitsdienst nun selbst übernommen hat. Nach 11 Uhr wird sie die Kinder versammeln und die schwierige Aufgabe übernehmen, ihnen zu erklären, dass sie nun verstummen sollen – und auch, was diese Schweigeminute bedeutet.

Paris hat sich am Montag aufgerafft. Zugleich werden sich die Einwohner erst jetzt halbwegs bewusst, was passiert ist, wenn die Souvenirfotos von mehr als 100 Attentatsopfern in Endlosschleife auf den Medienbildschirmen der Stadt vorbeiziehen – junge, lachende, hoffnungsvolle Gesichter. Der Schock sitzt tief, die Spannung ist groß in der Stadt; mehrfach ist es schon zu Massenpanik gekommen, etwa als die Polizei wegen des von Präsident François Hollande ausgerufenen Notstandes einen Platz räumte.

Am sonst so betriebsamen Montag bleibt die Stadt allerdings seltsam leer. Im "Bonaparte", dem sonst brechend vollen Bistro neben dem Kindergarten Saint-Benoît, bleiben die roten Rohrstühle leer; nur eine Frau trinkt einen Kaffee, ganz am Rand der Terrasse – zwecks besserer Fluchtmöglichkeit? Noch erstaunlicher: Hier im sechsten Arrondissement findet man plötzlich freie Parkplätze. Die Erwerbstätigen fahren zwar zur Arbeit; alle anderen folgen aber dem Aufruf der Polizeipräfektur, doch lieber zu Hause zu bleiben.

Genaue Beobachtung

Auch in der Metro bleiben viele Sitzplätze unbenützt. Die Stimmung ist gedrückt, ältere Fahrgäste schauen wie beiläufig über den Brillenrand, in Wahrheit beobachten sie sehr genau, wer gerade einsteigt. In der Linie 4 hat jemand eine Zeichnung an ein Fenster geklebt: Ein paar Strichmännchen stemmen den zerbrochenen Eiffelturm wieder in die Höhe, daneben das Motto: "L'amour vaincra" – die Liebe wird siegen. Vor allem in der Stadt der Liebe.

Eine junge Frau zückt ihr Handy, um die Zeichnung zu fotografieren und sagt "pardon" zum Sitznachbarn, der wegen ihrer Bewegung nervös aufgeschaut hat. Er versteht aber rasch, dass es ihr um die Zeichnung geht, und rückt schweigend zur Seite. Alle verstehen, alle fühlen sich gleich. Die Linie 4 fährt vorbei an der Station Cité, gleich beim Spital Hôtel-Dieu, wo zahlreiche verletzte Anschlagsopfer liegen.

Beim Gare du Nord, wo täglich mehr als eine halbe Million Pendler und Reisende vorbeihasten, kommt den Fahrgästen in den Gängen eine Militärpatrouille entgegen; je drei Mann in Tarnanzügen, das Gewehr geschultert. Sie sind jetzt noch zahlreicher, obwohl das "Vigipirate"-Dispositiv bereits vorher auf der höchsten Alarmstufe war. (Stefan Brändle aus Paris, 16.11.2015)

  • Gedenken in der Nähe der Konzerthalle Bataclan.
    foto: apa / epa / christophe petit tesson

    Gedenken in der Nähe der Konzerthalle Bataclan.

  • Stilles Gedenken an die Opfer auch in Rennes.
    foto: apa/afp/damien meyer

    Stilles Gedenken an die Opfer auch in Rennes.

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