Zur Verteidigung der "Gutmenschen"

Userkommentar25. Jänner 2016, 14:05
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Die Integration von Flüchtlingen ist eine große Herausforderung. Dieser Aufgabe begegnet man besser mit Zuversicht und Pragmatismus als mit Resignation und Zynismus

Nach den fürchterlichen sexuellen Übergriffen von Ausländern, auch Flüchtlingen, auf Frauen und Mädchen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten haben einige Kommentatoren und Kolumnisten die Wurzel des Übels gefunden: Die "Gutmenschen" seien schuld an der Flüchtlingsmisere. Der "willkommenskulturelle Karneval" (© Christian Ortner) habe die hunderttausenden Flüchtlinge erst nach Zentraleuropa eingeladen, und sie trügen die Verantwortung für die negativen Begleiterscheinungen der Flüchtlingsbewegung.

Ich bin wohl Teil davon. Als Anfang September die ersten Züge aus Budapest mit Flüchtlingen in Wien ankamen, war ich am Westbahnhof, habe Lebensmittel gebracht und verteilt. In den folgenden Wochen war ich gemeinsam mit anderen Freiwilligen am Westbahnhof. Danach war ich tageweise als ehrenamtlicher Helfer in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Kurier-Haus tätig.

Nothelfer

In den Kommentaren werden den "Gutmenschen" ein Schuldkomplex wegen des Holocaust, grenzenlose Naivität und/oder Romantisierung der "edlen Wilden" unterstellt. Ich kann nur für mich sprechen. Ich habe es aus einem christlichen, humanistischen Anspruch getan, meinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten und den Schwachen zu helfen – unabhängig von Herkunft und Glaube; genauso, wie ich mit Freunden schon mehrmals in der Obdachloseneinrichtung Gruft gekocht habe und seit Jahren regelmäßig bei der Team-Österreich-Tafel von Rotem Kreuz und Ö3 mithelfe.

Es muss schon klar sein, dass die Zivilgesellschaft und die NGOs einspringen mussten und müssen, weil die staatlichen Strukturen versagt haben. Es hat sich gezeigt, dass die Verantwortlichen in Österreich und Europa mit der Aufgabe überfordert waren und noch sind. Die Regierung streitet in ihrer Angst vor der FPÖ lieber untereinander über Begrifflichkeiten und betreibt Wortklauberei, als gemeinsam Lösungen umzusetzen. Die Elendsbilder an den österreichischen Grenzen und an den Bahnhöfen, die ohne das beherzte Eingreifen der Zivilgesellschaft entstanden wären, möchte ich mir nicht ausmalen.

Sogwirkung

Die Bilder der anfänglichen Euphorie, die durch Social Media um die Welt gingen, hatten sicherlich auch eine Sogwirkung auf die Flüchtlingslager in der Türkei und dem Libanon sowie auf die Hoffnungslosen in Nordafrika. Nur, die originären Fluchtgründe sind der nicht endenwollende Krieg in Syrien und die politische und wirtschaftliche Lage in anderen Fluchtländern. Die Flüchtlingskrise gab es bereits vor den Selfies mit den freundlichen Helfern an den Bahnhöfen.

Wir alle haben uns zu lange in Sicherheit gewiegt und die Augen vor der Situation an Europas Grenzen verschlossen. Gerade die vielgelobte beziehungsweise -gescholtene "'Refugees Welcome'-Politikergeneration" (© Andreas Koller) hat sich jahrelang hinter den EU-Verträgen versteckt und die Verantwortung an die EU-Grenzländer abgeladen, während zehntausende Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Gleichzeitig wurden die Mittel des UNHCR für die lokale Versorgung der Flüchtlinge gekürzt.

Wertevermittler

Es ist viel von unseren Werten die Rede. Sind nicht auch Solidarität mit den Schwachen, Brüderlichkeit und Nächstenliebe Teil unserer abendländischen Kultur, die die sogenannten besorgten Bürger bewahren wollen? Ich verstehe, dass viele Menschen Ängste haben, nur den offenen Hass verstehe ich nicht. Auch ich habe meine Bedenken, ob wir das alles schaffen werden.

Die Integration der Menschen, die Asyl bekommen und hierbleiben werden, wird eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft. Nur, wollen wir dieser Aufgabe mit Zuversicht und Pragmatismus oder mit Resignation und Zynismus begegnen?

Für eine funktionierende Integration braucht es gerade die Freiwilligen, die Deutschunterricht geben, die durch ihr Engagement unsere Werte viel besser vermitteln können als Wertekurse, die Kleidung, Lebensmittel und Möbel spenden und so weiter. Wenn die Integration gelingen soll, braucht es mehr "Gutmenschen". (Mark Mitterhuber, 25.1.2016)

  • "Willkommenskultur" am Wiener Westbahnhof Anfang September 2015.
    foto: mark mitterhuber

    "Willkommenskultur" am Wiener Westbahnhof Anfang September 2015.

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