Germanwings-Absturz: Wo bleibt die Unschuldsvermutung?

Userkommentar30. März 2015, 14:21
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In der Berichterstattung und den sozialen Medien tun sich Abgründe auf

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht, dass jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, so lange als unschuldig anzusehen ist, bis seine Schuld nachgewiesen ist. Diesen Artikel 11 kennt jeder. Am Stammtisch und im Internet wird er jedoch als nicht so wichtig erachtet.

Etwa bei der Debatte um den Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 am 24. März. Welche Abgründe sich zur Zeit in der deutschen und österreichischen Medienlandschaft auftun! Ob Schundblatt oder vermeintliche Qualitätszeitung, alle springen auf den Zug "Der Sündenbock muss ausgeschlachtet werden" auf. Wenige Tage nach dem Unglück sind die Ermittlungen selbstverständlich noch nicht abgeschlossen, jedoch entdeckt man beinahe sekündlich neue Hintergrundinformationen zum "Killerpiloten", wie ihn Zeitungen nennen. Sein vollständiger Name, Fotos seines Elternhauses, von ihm selbst und der Hausdurchsuchung werden publiziert und in der Öffentlichkeit breitgetreten. Es wurden sogar Bilder eines unbeteiligten Mannes als Copilot veröffentlicht. Hauptsache reißerische Schlagzeilen und Bilder eines Massenmörders, um die Sensationsgier und -geilheit des Volkes zu stillen. Wer den größeren Aufreger liefert, erhält die meisten Klicks. Darum geht es, sonst ist nichts, aber auch gar nichts, von Bedeutung. Es muss ein Schuldiger her. Die verbliebenen Angehörigen des Copiloten sind entschuldbare Bauernopfer. Ohne Rücksicht werden mit dem Konjunktiv Leben zerstört.

Vermutungen, so weit das Auge reicht

Mutmaßungen, wie schwer psychisch krank dieser Copilot war, häufen sich. Ob der Mann beim Hausarzt oder Psychologen war, weil er eine Spinnenphobie, eine Psychose oder eine Spielsucht hatte, ist nicht geklärt. Vermutungen über Vermutungen werden im Minutentakt gepostet. Immer wieder tun sich neue Quellen auf, aber eines bleibt allen Medien gleich: Der Schuldige ist der Copilot. Zweifel ausgeschlossen. Acht Minuten ruhiger Atem, eine versperrte Tür und der Sinkflug lassen niemanden an der Unschuld zweifeln. Dabei liegen noch nicht alle Ermittlungsergebnisse vor – und der Datenrekorder ist auch noch nicht gefunden.

Im Netz wird eine Hetzkampagne veranstaltet, die ihresgleichen sucht: Auf Facebook gibt es eine Gefällt-mir-Seite mit dem Namen des Copiloten, auf der sich jeder über ihn auslassen kann, wie es ihm beliebt. Was dort vom Pöbel zu lesen ist, ist unter aller Würde.

Tote Fische schwimmen mit dem Strom

Die Tote-Fische-Mentalität der Gesellschaft lässt einen staunen. Man schwimmt mit dem Strom, so wie es das Boulevardblatt, die Qualitätszeitung, das soziale Netzwerk will. Es muss ja seine Richtigkeit haben, wenn alle Journalisten dasselbe schreiben. Es kann ja gar nicht anders sein. Plötzlich ist jedermann und -frau Flugzeugtechniker oder Flugzeugtechnikerin und Profiflieger oder Profifliegerin. Zu wenige bedienen sich des eigenen Verstandes, und fast alle platzen mit Schuldrufen heraus. Ich kann absolut nicht verstehen, dass so wenig kritisch hinterfragt wird. Selbst wenn der Mann ein persönliches Problem hatte und dieses Unglück mit Absicht verursachte, weil er Aufmerksamkeit wollte, wie viele vermuten, muss man nicht mit virtuellen Heugabeln zu einem Mob zusammenlaufen und hetzen. Das ist dergestalt geschmacklos, dass man sich in Grund und Boden schämen könnte. Diese widerliche Hexenjagd, die niemand verdient hat, muss ein Ende finden. (Simone Gsell, derStandard.at, 30.3.2015)

  • "Kamera distanzieren = Trauer akzeptieren": Ein Plakat vor der Schule in Haltern bittet Medien um Respektsabstand. Der Ort trauert um 16 Schüler und zwei Lehrerinnen.
    foto: epa/federico gambarini

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