Germanwings-Absturz: Pilotenvereinigung warnt vor vorschnellem Urteil

28. März 2015, 10:03
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Ex-Freundin: Kopilot habe spätere Bekanntheit bereits 2014 angedeutet

Berlin - Die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit hat im Zusammenhang mit dem Absturz der Germanwings-Maschine vom Dienstag die französischen Staatsanwaltschaft kritisiert. Sprecher Jörg Handwerg erklärte am Freitag in der ORF-ZiB2, dass es zu früh sei, aus der Auswertung des Voice-Recorders die Schlussfolgerung zu ziehen, dass der Kopilot Andreas L. das Unglück aus selbstmörderischer Absicht herbeigeführt habe.

Dabei gehe es nicht um Solidarität unter Kollegen. Vielmehr solle auf Fakten-Basis ermittelt werden, so der Cockpit-Sprecher. Dazu sei beispielsweise die Auswertung der nach wie vor verschollenen zweiten Blackbox notwendig, betonte Handwerg. Beim dem Unglück waren am Dienstag alle 150 Menschen an Bord ums Leben gekommen.

Spätere Bekanntheit angedeutet

Die Germanwings-Maschine war am Dienstag in den französischen Alpen an einer Felswand zerschellt. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler wurde der Absturz offenbar von dem Kopiloten des Flugzeugs bewusst herbeigeführt. Er soll unter Depressionen gelitten haben.

Diese These wird auch durch Aussagen einer früheren Freundin von Andreas L. gestützt. In der "Bild"-Zeitung erklärte eine 26-jährige Stewardess, die 2014 eine Beziehung zu dem Kopiloten gehabt haben soll: "Als ich vom Absturz hörte, ging mir immer wieder ein Satz durch den Kopf, den er sagte: 'Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.'", wurde sie zitiert.

Unmut über Arbeit

Die Interviewte beschreibt Andreas L. als "netten und aufgeschlossenen" Menschen, der allerdings Kritik an seiner beruflichen Situation geäußert habe. "Wir haben immer sehr viel über Arbeit gesprochen, und da wurde er ein anderer Mensch, er hat sich aufgeregt, unter welchen Umständen wir arbeiten müssen. Zu wenig Geld, Angst um den Vertrag, zu viel Druck." Getrennt habe sie sich von Andreas L., "weil immer klarer wurde, dass er Probleme hat. Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst." Andreas L. sei nachts aufgewacht und habe geschrien. Ihn hätten Absturz-Albträume geplagt.

Schwierige Bergung

In den französischen Alpen hat indes der fünfte Tag der Suche nach Opfern des Germanwings-Absturzes begonnen. Die Arbeiten waren über Nacht unterbrochen worden. Bilder des französischen Fernsehens zeigten, wie Hubschrauber erneut in den Einsatz flogen. Die Retter konzentrieren sich neben der Bergung und Identifizierung der Leichen weiter auf die Sicherung der Unfallstelle in dem schwierigen Gelände.

Rechtsmediziner arbeiten bereits an der Identifizierung der sterblichen Überreste, die schon ins Tal gebracht wurden.

Damit sie ungestört arbeiten können und keine Beweise zerstört werden, wird der Absturzort von vier Gendarmen bewacht. Ihre Aufgabe ist es, Neugierige davon abzuhalten, die Ermittlungen zu behindern.

Personalakt geprüft

Das deutsche Luftfahrt-Bundesamt in Braunschweig hat den Personalakt des Germanwings-Copiloten geprüft und die die Erkenntnisse mündlich an die Staatsanwaltschaft weitergegeben, sagte Holger Kasperski vom Luftfahrt-Bundesamt am Samstag.

"Mehr gibt es dazu aktuell nicht zu sagen", fügte Kasperski hinzu. Andernfalls könne es die Ermittlungen gefährden. Einen sogenannten SIC-Eintrag in der Akte wollte der Behördensprecher nicht bestätigen. Ein solcher Eintrag steht für besondere regelhafte medizinische Untersuchungen. Am Freitag hatte die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass der 27-Jährige am Unglückstag eigentlich krankgeschrieben war. Über die Art der Erkrankung bewahrten die Ermittler Stillschweigen.

Am 17. April wird in Deutschland mit einem Gottesdienst und einem staatlichen Trauerakt im Kölner Dom der Opfer des Flugzeugabsturzes gedacht. Erwartet werden neben Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch Vertreter aus Frankreich, Spanien und anderen Ländern, aus denen die Opfer der Flugkatastrophe stammten. Auch für die Bevölkerung werde es die Möglichkeit geben, an der Trauerfeier im Dom teilzunehmen. Eine Uhrzeit stehe noch nicht fest.

Angehörige der MH370 sprechen Beileid aus

Unterdessen haben Angehörige der Passagiere des verschwundenen Malaysia-Airlines-Fluges MH370 den Hinterbliebenen des abgestürzten Germanwings-Fluges am Samstag ihr Beileid ausgesprochen. "Unsere Gedanken und Gebete sind mit den Familien und Freunden der Passagiere und Besatzungsmitglieder von 4U9525", schrieben die MH370-Familien auf ihrer Facebook-Seite. "Wir geben ihnen unsere Unterstützung in diesen herzzerreißenden Zeiten."

Die malaysische Boing mit der Flugnummer MH370 war vor mehr als einem Jahr auf dem Weg nach Peking verschwunden. Anders als bei der Germanwings-Maschine, die am Dienstag gegen ein Bergmassiv der französischen Alpen krachte und zerbarst, fehlt von dem asiatischen Jet trotz intensiver Suche nach Wrackteilen seither jede Spur.

Gedenkgottesdienst in Digne-les-Bains

In der Kirche Notre-Dame-du-Bourg der französischen Gemeinde Digne-les-Bains haben am Samstag Einwohner der Opfer des Flugzeugabsturzes vom Dienstag gedacht. In dem romanischen Bau versammelten sich mehrere Hundert Menschen zur Andacht. Vor dem Altar brannten 150 Kerzen zur Erinnerung an die Opfer.

Digne-les-Bains liegt nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, wo der Germanwings-Airbus am Dienstag abgestürzt war. (APA, Reuters, 28.3.2015)

  • Die Bergungsarbeiten gingen auch am Samstag weiter
    foto: reuters

    Die Bergungsarbeiten gingen auch am Samstag weiter

  • Ein Gendarmerie-Hubschrauber überfliegt das Absturzgebiet
    foto: reuters/emmanuel foudrot

    Ein Gendarmerie-Hubschrauber überfliegt das Absturzgebiet

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