Wenn Erklärungen fehlen

Kommentar27. März 2015, 18:20
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Nach der Flugzeugtragödie werden vorschnell Schlüsse gezogen

Lufthansa-Chef Carsten Spohr brachte es auf den Punkt: "Wenn jemand 149 Menschen mit in den Tod nimmt, dann ist das für mich ein anderes Wort als Selbstmord." Was ist es dann? Erweiterter Selbstmord? Massenmord? Ein Amoklauf in der Luft ohne Waffe? Der erzwungene Absturz eines Passagierflugzeugs durch einen Piloten ist etwas, was das Beschreibbare übersteigt, obwohl dies in der Luftfahrt weltweit bereits neunmal vorgekommen sein soll. Und ob es überhaupt so war, wie es die offiziellen Stellen derzeit beschreiben, wird man erst nach Abschluss der Untersuchungen wissen – und da bleiben womöglich noch Fragen offen.

Es gibt Geschehnisse, die muss man auch nicht in allen Details beschreiben und benennen. Das gilt auch für Medien. Aber es ist eine Gratwanderung: Es gibt ein berechtigtes Informationsbedürfnis und beginnt mit der Frage, ob man den Familiennamen des Copiloten abkürzen soll oder nicht. Schließlich hatte ihn der französische Staatsanwalt in seiner Pressekonferenz sogar buchstabiert. Es geht in diesem Fall aber nicht um den Betroffenen, sondern um seine Angehörigen.

Selbst jemandem, der viele Menschen mit in den Tod genommen hat, stehen posthum Rechte zu: Wie ein Teil der Medien Details "der geheimen Krankenakte des Amok-Piloten" ausschlachtet, ist geschmacklos. Die "Kronen Zeitung" und "Österreich" präsentierten auf dem Titelblatt einen Mann, der nicht der Germanwings-Copilot war, sondern ein Unbeteiligter. Auch die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten ARD und ZDF haben dieses Bild, das in sozialen Medien kursierte, veröffentlicht und das Haus der Eltern gezeigt. Die Wochenzeitung Die Zeit urteilte vorschnell und machte auf der Titelseite die Sparpolitik bei Lufthansa verantwortlich ("Absturz eines Mythos").

Ferndiagnosen

Der Wunsch nach Einordnung, Analyse und Antworten treibt alle nach so einer Tragödie um. Die Frankreich-Korrespondentin des ORF, Eva Twaroch, hat – wie schon bei den Anschlägen auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und das koschere Lebensmittelgeschäft – diese Aufgabe sehr gut gemeistert. Wenn aber in der "ZiB 2" der Psychiater Reinhard Haller aus der Ferne alle möglichen Diagnosen abgeben und ins Blaue spekulieren kann, dient dies nicht der Aufklärung.

Die Behörden haben bisher professionell agiert. Es war richtig, dass der Staatsanwalt erst die Angehörigen und dann Medien von den Erkenntnissen nach der Auswertung des Stimmenrekorders in Kenntnis gesetzt hat. Die Chefs von Lufthansa und Germanwings haben in einer schwierigen Situation die richtigen Worte gefunden und bisher auch nicht den Eindruck erweckt, etwas vertuschen zu wollen. Die Auftritte der Politiker aus Deutschland, Spanien und Frankreich wirkten nicht inszeniert.

Auch wenn es derzeit schwierig ist, sich aufgrund der Gemengelage von Medienspekulationen und Behördeninformationen ein exaktes Bild zu machen, werden bereits Schlussfolgerungen gezogen: Fluglinien kündigten an, wie im angelsächsischen Bereich üblich, das Zwei-Personen-Prinzip im Cockpit vorzuschreiben. Ob sich ein zur Tat Entschlossener aber dadurch abhalten lässt, ist ungewiss. Ärzten vorzuschreiben, Fluguntauglichkeit von Piloten an Airlines zu melden, ist ebenfalls in Diskussion wie mehr psychologische Tests. Nicht vorhersehbare, extreme Reaktionen können auch dadurch nicht verhindert werden. Es bleibt der Risikofaktor Mensch. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 28.3.2015)

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