Political Correctness: US-Unis auf dem Weg zum Streichelzoo?

19. Mai 2016, 07:03
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Political Correctness führt zu bizarren Entwicklungen am US-Campus

Political Correctness (PC), Föderalismus und Pensionen haben eines gemein: Im kleinen Kreis sind alle einig, dass wir damit gegen die Wand fahren, im öffentlichen Raum gibt es wenig dezidierte Gegenstimmen. Kritik an PC hat zudem den Nachteil, dass man allzu leicht in peinlicher Gesellschaft ist. "PC ist ein großes Problem in den USA." Nur 27 Prozent widersprechen dem, 68 Prozent stimmen zu (81 Prozent der Republikaner, 62 Prozent der Demokraten). Donald Trump sagte neulich: "PC ist ein großes Problem in den USA." Da widersprechen 41 Prozent, nur 53 Prozent stimmen zu (80 Prozent der Republikaner, nur mehr 36 Prozent der Demokraten). Wer will schon mit Donald Trump einer Meinung sein?

Intellektueller Mundschutz-Zwang

In Bezug auf PC ereignet sich derzeit Bizarres an den US-Universitäten. Von Studierenden initiiert und von manchen Universitätsleitungen unterstützt, sollen die Campus zu "Safe Spaces" werden, wo kein sensibler Student irritiert wird. Der Hygienewahn greift auf den Diskurs über: intellektueller Mundschutz-Zwang.

Zum Beispiel "Trigger Warnings": Wenn es in Büchern und Kursen um Völkermord, Vergewaltigung oder Folter geht, muss davor explizit gewarnt werden. Sonst könnten posttraumatische Belastungsreaktionen ausgelöst werden. "Trigger Warnings" gibt es mancherorts schon für jede Darstellung von sozialen Konflikten. Studierende wollen auch vor F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby (Frauenfeindlichkeit), Virginia Woolfs Mrs. Dalloway (Anleitung zum Selbstmord) und Ovids Metamorphosen (sexuelle Aggression) gewarnt werden. An manchen Colleges müssen Vortragende explizit begründen, warum sie solch gefährliche Literatur einsetzen. Bald gibt es Warnhinweise auf den Werken der Weltliteratur wie auf Zigarettenpackungen und Lebensmitteln.

Wenn ein Rechtschreibfehler zu viel ist,...

Zum Beispiel "Microaggressions": Schon die Frage nach der Herkunft gilt als Mikroaggression, weil damit die ethnische Zugehörigkeit betont wird. An der University of California wurden Dutzende Aussagen auf eine Blacklist von Mikroaggressionen gestellt, darunter auch: "Amerika ist das Land der Möglichkeiten" und "Die bestqualifizierte Person soll den Job bekommen". An der UCLA soll die Korrektur eines Rechtschreibfehlers als Mikroaggression gegenüber einer Studentin ausgelegt worden sein. In Ithaca wurde ein anonymes "microaggression reporting system" eingeführt.

Unangenehme Folgen

Für Einzelne hat dieser Wahnsinn unangenehme Folgen. In Yale wurde eine Lektorin freigestellt, weil sie die Anordnung, bei Halloween-Verkleidungen auf die politische Korrektheit zu achten, ironisch kommentiert hatte. In Indiana wurde ein Student der rassistischen Beleidigung für schuldig befunden, weil er ein wissenschaftliches Buch las, auf dessen Cover der Ku-Klux-Klan abgebildet war. In Florida meinte ein Lektor scherzhaft nach einer Prüfung: "Hier sieht es ja aus wie nach einem Massaker." Ein Studierender meldete das, der Lektor wurde suspendiert und veranlasst, fachärztlich bestätigen zu lassen, dass er nicht zu Gewalttaten neige. In Minnesota gab es den schrulligen Brauch des "Hump Day" – einmal im Jahr durften die Studierenden auf dem Campus ein Kamel streicheln. Das wurde abgeschafft, weil sich Menschen arabischer Abstammung diskriminiert fühlen könnten. An der University of Michigan verlor ein Student seinen Job, weil er in einer Studentenzeitung einen ironischen Artikel über Mikroaggressionen geschrieben hatte.

Kritische Diskussion in Stanford

Die Debatte ist auch in Stanford angekommen. Hier wird erfreulich kritisch und differenziert diskutiert – und es gibt keine Sympathie für "safe spaces". Anlassfall war ein Studentenvertreter, der wegen einer antisemitischen Aussage zurücktreten musste. Diese war aber auch nach unseren Maßstäben problematisch und hätte überall außerhalb der FPÖ zu einem Rücktritt geführt.

Was sind die Gründe? Greg Lukianoff und Jonathan Haidt vermuten in The Atlantic, dass keine Generation so überbehütet aufwuchs wie die Millennials. Der Rolling Stone sieht einen Zusammenhang mit dem politischen Diskurs: In Ann Arbor und Kansas fühlen sich Studierende allein bei der Erwähnung des Namens von Donald Trump verunsichert – und ersuchen die Uni-Leitung, den Campus Trump-frei zu halten. Die New York Times bemerkt auch, dass sich immer mehr Mächtige als Bullying-Opfer sehen und Betroffenheit klagen.

Teletubbyisierung der Unis

Sich wehleidig, beleidigt und gekränkt zu zeigen ist offenbar stark in Mode. Beruhigend an der US-Kultur ist freilich, dass jeder Missstand zu einer prompten Reaktion der Zivilgesellschaft führt: Fire (thefire.org), die Foundation for Individual Rights in Education, betreibt gezieltes Lobbying gegen die Teletubbyisierung der Unis. Dort kann man auch nachlesen, wie es mit der PC am eigenen Campus bestellt ist. (14.5.2016)

Michael Meyer leitet das Institut für Non-Profit-Management an der WU Wien und berichtet für den STANDARD über seinen Forschungsaufenthalt in Stanford.

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