Jaguar XF vs. Renault Talisman: Gentle- gegen Frenchman

10. April 2016, 10:50
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Beide sind in der gediegenen Mittelklasse zu Hause: Jaguar und Renault bieten mit dem XF und dem Talisman Alternativen zu deutschen und japanischen Limousinen. Mit unterschiedlichen Ansätzen – und zu durchaus unterschiedlichen Preisen.

Wien/Veneto – Wir vergleichen hier zwei Autos, die eigentlich nicht vergleichbar sind: Das zeigt sich schon am Preis, das eine kostet fast doppelt so viel wie das andere. Aber was soll’s, Jaguar gegen Renault, das ist zumindest originell. Wenn auch ein wenig unfair. Also XF gegen Talisman.

foto: guido gluschitsch

Natürlich geht der Jaguar um Klassen besser, aber wir sind hier auch mit dem V6 mit drei Liter Hubraum vorgefahren. 300 PS. Im Vergleich dazu unser Talisman: 160 PS aus einem braven 1,6-Liter-Turbodiesel. Motorisch gesehen also Massenware.

foto: andreas stockinger

Was beide können: Sie sind Mittelklasselimousinen, beide sind keine Deutschen und keine Japaner, fristen ihr Dasein also in einer Nische. In einer durchaus sympathischen Nische, in der sich doch viele Fans von britischem oder französischem Handwerk tummeln. Was für den Franzosen spricht: erst einmal der Preis, keine Frage – der Preis für diesen Platz.

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Die Frage des Namens kann man durchaus kontroversiell diskutieren. XF ist nicht unbedingt originell, aber der Buchstabenabfolge haftet doch etwas Sportliches an.

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Aber Talisman? Eine Minderheit wird das originell finden. Die Mehrheit wird sich fragen, wie man ein Auto Talisman nennen kann. Soll das ein Glücksbringer sein? Und wie spricht man das aus. Bei uns eh klar: Talisman, der Bildungsbürger fügt Nestroy hinzu. Aber auf Französisch? "Talis meaux"? Wir denken an den Brie de meaux. Mit gespitzten Lippen: Meaux. Talismeaux. Also Talismo. Mit kurzem, geschlossenem O.

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Am französischen Interieur merkt man jedenfalls, dass hier versucht wird, anders zu sein. Anders zu sein heißt nicht unbedingt, praktisch zu sein. Der Senderwechsel im Radio gestaltet sich etwa nicht ganz so einfach, wir brauchen Zeit und Geduld, und als es endlich gelungen ist, wissen wir nicht, wie. Während in deutschen und japanischen Fabrikaten alles am gleichen Platz ist und die Handhabung intuitiv geschieht, muss man im Talisman gelegentlich auch nachdenken. Soll ja nicht schlecht sein.

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Was für den Franzosen spricht, ist auch der Verbrauch. Bei 160 PS machen sich durchschnittlich fünf Liter nicht schlecht. Die Leistung ist jedenfalls ausreichend.

Zum Jaguar: Die Leistung ist mehr als ausreichend. 300 PS sind verfügbar, das Drehmoment liegt bei 700 Newtonmeter, das taucht den Wagen schon gewaltig an, wenn man will. Die Einstellungen lassen sich elektronisch wählen: sportlich oder gemütlich oder ausgesprochen schlechtes Wetter.

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Bei sportlicher Fahrweise passt alles gut zusammen: das motorische Engagement mit einem Fahrwerk, das sich noch nicht straff, aber schon ambitioniert sportlich anfühlt, mit den Bremsen, die satt den vorher erreichten Schub reduzieren. Der XF ist ja kein Sportwagen, sondern eine Limousine, dabei aber immer noch ein Jaguar. Über die Dieselmotorisierung bei einem Jaguar lässt sich immer trefflich streiten, in diesem Fall stimmt aber die Leistung. Was letztlich unangenehm auffällt, ist die Geräuschentwicklung. Gerade in der Stadt ist der Diesel deutlicher zu hören, als man sich das wünscht: Das ist mehr Geräusch als Sound, auch wenn man merkt, dass die Ingenieure hier lang an der Balance getüftelt haben. Bei Überlandfahrten reduzieren sich die Motorengeräusche aber hörbar.

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Das Interieur ist in der günstigsten Basisvariante überraschend puristisch, da merkt man von Nobelmarke noch nicht viel, in den gehobenen und teureren Ausstattungsvarianten kann man sich aber wunderbar zu Hause fühlen. Als Reiselimousine ist der XF prachtvoll, man fährt entspannt und steigt auch nach langen Strecken nahezu erholt aus.

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Wer sich beeilt und den Spaßfaktor in den Vordergrund stellt, wird das am Spritverbrauch merken. Wer hingegen sanft unterwegs ist, wird nicht nur den Dank der sich wohlfühlenden Mitreisenden ernten, sondern auch mit einem überraschend niedrigen Verbrauch belohnt werden. Wir kamen auf sechs Liter im Schnitt, das ist – bei 300 PS – ein mehr als akzeptabler Wert.

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Eine Empfehlung zwischen den beiden Fahrzeugen lässt sich nicht abgeben. Da ist zum einen die Preisfrage, zum anderen die Geschmacksfrage. Jaguarfans werden mit dem XF glücklich werden, wer auf Renault steht, findet im Talismeaux eine adäquate Limousine. (Michael Völker, 10.4.2016)

Nachlese:

Jaguar XE: Mehr Masse mit Klasse

Renault Talisman: Das Glück ist ein Vogerl

Toyota Avensis: Mit dem Herzen aus Oberösterreich

Hyundai i40: Gekommen, um zu bleiben

Ford Mondeo Hybrid: Heimlich, still und weise

Link

Jaguar

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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