Asylanten, Flüchtlinge, Refugees und Vertriebene – eine Sprachkritik

Userkommentar18. September 2015, 18:47
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Welche Wörter im Sprachgebrauch problematisch sind und warum "Migrant" neutral wäre

Nachdem ich mich vor einigen Wochen mit dem Wort "Asylkritiker" und der Frage beschäftigt habe, wie man Menschen besser bezeichnen könnte, die Flüchtlinge und deren Unterkünfte verbal und mit Brandsätzen angreifen, möchte ich heute den aktuellen sprachlichen Umgang mit den Angegriffenen kritisch beleuchten.

"Asylant" – herabwürdigender Beiklang

Beginnen wir mit einem Wort, das sich in der öffentlichen Diskussion kaum noch findet, das sehr abfällige "Asylant". Dessen herabwürdigender Beiklang wird manchmal auf die Nachsilbe "-ant" zurückgeführt, die auch in negativ behafteten Wörtern wie "Bummelant", "Spekulant", "Informant" oder "Querulant" auftaucht. Tatsächlich liegt die Problematik aber nicht in dieser Nachsilbe, die viel häufiger in neutralen und positiven Wörtern wie "Lieferant", "Kommandant", "Fabrikant" und "Intendant" zu finden ist. Stattdessen wurde "Asylant" von Anfang an (seit den 1970er-Jahren) in negativen Zusammenhängen benutzt – nämlich um eine Unterscheidung zu treffen zwischen den ideologisch erwünschten "politischen Flüchtlingen" aus dem Ostblock und dem unerwünschten, kulturell als fremdartig empfundenen Rest. Fast gleichzeitig mit dem Wort "Asylant" wurde das Wort "Scheinasylant" geprägt, eine Assoziation, die bis heute erhalten geblieben ist.

"Flüchtling" – im Großen und Ganzen neutral

Das Wort "Flüchtling" wird dagegen im Großen und Ganzen neutral verwendet. Es ist im Vergleich zu "Asylant" (und auch zum heutigen "Asylbewerber") sogar eher positiv behaftet, vor allem im Kompositum "Kriegsflüchtling" (selbst rechte Parteien beteuern ja oft, nichts gegen "Kriegsflüchtlinge", sondern nur gegen "Asylbetrüger" zu haben). Vor allem in linken Kreisen wird es seit einigen Jahren aber kritisiert. Als Ersatz werden das englische Refugee und verschiedene Eindeutschungen vorgeschlagen. Zum einen wird dies auch hier mit einem negativen Beiklang der Nachsilbe begründet, zum anderen mit der Tatsache, dass das Wort die Aktivität des Flüchtens in den Vordergrund stellt.

Die Nachsilbe "-ling" ist tatsächlich nicht ganz unproblematisch. Anders als "-ant" hat sie eine starke Tendenz zu negativ behafteten Wörtern. Bei Wörtern, die aus Adjektiven abgeleitet sind, finden sich ausschließlich negative Bedeutungen (wie "Fremdling", "Schwächling", "Sonderling", "Primitivling" und "Feigling"). Bei Wörtern, die (wie "Flüchtling") aus Verben abgeleitet sind, finden sich zwar neutrale Beispiele (wie "Prüfling", "Lehrling" oder "Schützling"), aber erstens ist eine Mehrzahl auch hier negativ (zum Beispiel "Häftling", "Sträfling", "Emporkömmling", "Schreiberling"), und zweitens drücken auch viele der neutralen oder positiven Wörter ein Abhängigkeitsverhältnis aus. Meinem eigenen Sprachempfinden nach ist die Nachsilbe "-ling" in "Flüchtling" insgesamt trotzdem nicht problematisch, aber wer es anders sieht, hat zumindest plausible sprachstrukturelle Argumente.

"Refugee" – Zufluchtsort im Vordergrund

Die Nachsilbe ließe sich durch die direkte Nominalisierung des Adjektivs "flüchtig" vermeiden, und in der Fachliteratur (aber nur selten im allgemeinen Sprachgebrauch) findet sich das Ergebnis "Flüchtige" (auch in zusammengesetzten Formen wie "Kriegsflüchtige") durchaus. Es umgeht aber nicht das zweite Problem am Wort "Flüchtling", nämlich den Bedeutungsschwerpunkt auf die Aktivität des Flüchtens. Diesen empfinden manche als problematisch, weil er die Fluchtursachen ausblendet (auf denen zum Beispiel in dem Wort "Vertriebene" der Augenmerk liegt) und/oder weil er den Flüchtling als jemanden darstellt, der nie irgendwo ankommen kann. Das englische "Refugee" stellt dagegen den erreichten und hoffentlich sicheren Zufluchtsort ("refuge") in den Vordergrund.

Durch den englischen Slogan "Refugees welcome", mit dem in Österreich und Deutschland derzeit viele Menschen die Flüchtlinge aus Syrien und anderswo im Sinne einer schon lange geforderten "Willkommenskultur" begrüßen, hat das Wort "Refugee" breite Bekanntheit erlangt, was für die Entlehnung ins Deutsche eine Voraussetzung wäre. Ob es wirklich dazu kommt oder ob sich eher Eindeutschungen wie "Zufluchtsuchende" oder Nachbildungen wie "Geflüchtete" durchsetzen, bleibt aber abzuwarten. Ersteres passt zum bereits etablierten "Asylsuchende" (das übrigens keine künstliche "politisch korrekte" Alternative für "Asylanten" ist, sondern schon vor diesem Wort existierte und verwendet wurde). Letzteres macht (wie "Refugee") deutlich, dass die Flucht in der Vergangenheit liegt und die "Geflüchteten" angekommen sind, und ermöglicht so eine Differenzierung zu den noch auf der Flucht befindlichen "Flüchtenden".

"Vertriebene"?

Das Wort "Vertriebene" schließlich hätte den Vorteil, bereits fest etablierter Bestandteil der deutschen Sprache zu sein. Es ist in der Debatte um eine angemessene Bezeichnung von Flüchtlingen immer wieder vorgeschlagen worden, zuletzt medienwirksam von Sascha Lobo in der Talkshow "Maybrit Illner". Die Reaktion des bayrischen Innenministers Joachim Herrmann zeigt, warum es nie ein neutrales, allgemeines Wort für Flüchtlinge geben kann. Es sei eine Beleidigung für die deutschen Vertriebenen, wenn man sie mit denen gleichsetze, die vom Balkan nach Deutschland drängen.

"Migrant" – für Millionen Menschen anwendbar

Die Beleidigung liegt natürlich nur im Auge des Betrachters, der zwischen legitimen und illegitimen, erwünschten und unerwünschten, zu uns gehörigen und fremden Flüchtlingen unterscheiden möchte. Wir könnten von dieser Unterscheidung ablassen und akzeptieren, dass Menschen das selbstverständliche Recht haben, frei von Angst, Hunger, Krieg und Verfolgung zu leben, und dass sie dieses Recht unter anderem durch Ortswechsel zu erreichen versuchen. Aus dieser Sicht würde es sich vielleicht anbieten, das Wort "Migrant" als neutrale Bezeichnung zurückzuerobern. Das Wort hat zwar auch einen gewissen negativen Beiklang, aber es hat den Vorteil, dass es auf die vielen Millionen Menschen anwendbar wäre, die derzeit weltweit in Bewegung sind, ohne nach deren Gründen zu differenzieren oder auch nur zu fragen. (Anatol Stefanowitsch, 18.9.2015)

Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin und bloggt im Sprachlog unter anderem über politische Sprache und Sprachpolitik.

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