Ein Unwort für Untaten: Asylkritik

Userkommentar3. August 2015, 14:29
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Politische Euphemismen sind problematisch – sie verleihen fremdenfeindlichem Denken und Handeln eine Aura der Legitimität

Manchmal haben Euphemismen ihre Berechtigung. Zum Beispiel kann es sinnvoll sein, in bestimmten Situationen Themen wie Körperausscheidungen, Sexualität oder Tod sprachlich abzumildern.

Gefährlich wären Euphemismen hier nur, wenn sie dazu beitrügen, dass über diese Bereiche grundsätzlich nicht mehr direkt und offen gesprochen werden kann. Wenn Euphemismen aber eingesetzt werden, auf gesellschaftlicher Ebene Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Hass und Gewalt zu verdecken, sind sie in jeder Situation abzulehnen.

Beschönigende Bezeichnungen

Das gilt aktuell für die Wörter "asylkritisch" und "Asylkritiker", die sich in den letzten Jahren vor allem im bundesdeutschen Sprachgebrauch als beschönigende Bezeichnungen für alle möglichen Schattierungen rechten, fremdenfeindlichen und rassistischen Denkens und Handelns etabliert haben.

Erst waren es vor allem rechte Gruppierungen selbst, die die Wörter für sich entdeckt haben, dann breiteten sie sich mit der Berichterstattung über die oft formelhaft als "islam- und asylkritisch" beschriebene Pegida-Bewegung auch in deutschen Medien aus. Ihren endgültigen Durchbruch hatten sie dann in der Berichterstattung um die seit Anfang des Jahres ins öffentliche Bewusstsein gerückten Proteste und Angriffe gegen Flüchtlings- und Asylbewerberheime, zuletzt im sächsischen Freital.

Asymmetrische Undifferenziertheit

Die Wörter "asylkritisch" und "Asylkritiker" bedienen sich eines Wortbildungsmusters, das schon die Euphemismen "israelkritisch" (für "antisemitisch") und "islamkritisch" (für Rassismus und fremdenfeindliche Ressentiments gegen Muslime) hervorgebracht hat. In allen drei Fällen wurden die Wörter zunächst verwendet, um im Wortsinne jeweils kritische Positionen gegenüber der Politik Israels, bestimmten Aspekten des Islams oder islamischer Gesellschaftsordnungen oder Asylgesetzen und deren Umsetzung zu äußern.

Während die Wörter in dieser Verwendung noch nicht direkt euphemistisch wirken, sind sie auch hier schon problematisch in ihrer unauffällig asymmetrischen Undifferenziertheit. Das wird deutlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass Wörter wie etwa "Amerikakritiker", "Christentumkritiker" und "Steuerkritiker" ungleich seltener bis nie vorkommen, obwohl ja auch die Politik der USA, das Christentum und die Steuergesetzgebung ausgiebig kritisiert werden.

Aus drei Gründen problematisch

Mit der Übertragung auf Individuen und Gruppierungen, die keinerlei sachliche oder in irgendeiner Weise begründete Kritik üben, sondern stattdessen hetzerische Parolen skandieren – im Falle der "Asylkritiker" besonders gern vor den Flüchtlingsunterkünften selbst –, werden die Wörter dann aber zu klassischen politischen Euphemismen, die aus drei Gründen problematisch sind.

Aura der Legitimität

Erstens verleihen sie fremdenfeindlichem und rassistischem Denken und Handeln eine Aura der Legitimität. Kritik darf man nicht nur üben, man zeigt damit sogar, was für ein nachdenklicher Zeitgenosse man ist. Es fällt ohnehin auf, dass Menschen, die mit rechtem Gedankengut sympathisieren, sich häufig selbst als "Querdenker" oder "Freigeister" bezeichnen oder stolz für sich in Anspruch nehmen "selbst zu denken" (statt etwa der "Lügenpresse" zu glauben). Diese Phantasien bestärkt das Wort "Asylkritiker" sowohl gegenüber den so Bezeichneten als auch gegenüber dem Rest der Gesellschaft.

Verdeckt gesellschaftliches Problem

Zweitens verdecken diese Euphemismen ein drängendes gesellschaftliches Problem. Angesichts inzwischen täglicher Angriffe auf Flüchtlings- und Asylbewerberheime müsste längst klar sein, dass Deutschland ein virulentes Problem mit rechten Ideologien hat. Hier wäre dringend politisches Handeln auf vielen Ebenen nötig – von einer zielstrebigen Verfolgung der Täter und einem effektiven Schutz der Betroffenen über eine intensive politische Bildungsarbeit bis zur Etablierung der in Sonntagsreden gern beschworenen "Wilkommenskultur".

Wörter wie "asylkritisch" helfen, sich und anderen einzureden, dass hier eben nur ein paar nachdenkliche (gerne auch: "besorgte") Bürgerinnen und Bürger Gesprächsbedarf bezüglich asylpolitischer Detailfragen haben.

Wer deutliche Worte findet, muss sich rechtfertigen

Drittens führt die Gewöhnung an den euphemistischen Sprachgebrauch dazu, dass diejenigen, die deutlichere Worte finden – wie eben "rassistisch", "rechtsradikal" oder auch nur das eigentlich selbst schon recht abmildernde "fremdenfeindlich" – als rhetorisch unangemessen hochgerüstet dastehen und sich dafür rechtfertigen müssen, "besorgte" und "kritische" Menschen pauschal verunglimpft zu haben.

Das spiegelt im Übrigen die ungute Angewohnheit staatlicher Akteure wider, es zunächst ausschließlich der Zivilgesellschaft zu überlassen, Gegendemonstrationen zu organisieren, die Gegendemonstranten dann aber als "linke Chaoten" zu bezeichnen und zu behandeln.

Und in Österreich?

Im österreichischen medialen Sprachgebrauch finden sich die Wörter "israelkritisch", "islamkritisch" und "asylkritisch" interessanterweise viel seltener als im bundesdeutschen. Woran das liegt, ist für mich von außen schwer zu sagen. Es wäre zu hoffen, dass österreichische Medien einfach weniger zögerlich sind, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus beim Namen zu nennen.

Vielleicht berichten sie aber auch nur weniger intensiv über Vorfälle, bei denen diese Euphemismen zur Anwendung kommen könnten, oder sie haben ihre eigenen euphemistischen Sprachregelungen gefunden. (Anatol Stefanowitsch, 3.8.2015)

Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin und bloggt im Sprachlog unter anderem über politische Sprache und Sprachpolitik. Dort ist der Beitrag auch in einer längeren Version erschienen.

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  • Wörter wie "asylkritisch" helfen, sich und anderen einzureden, dass eben nur ein paar nachdenkliche (gerne auch: "besorgte") Bürgerinnen und Bürger Gesprächsbedarf bezüglich asylpolitischer Detailfragen haben.
    foto: ap / bernd von jutrczenka

    Wörter wie "asylkritisch" helfen, sich und anderen einzureden, dass eben nur ein paar nachdenkliche (gerne auch: "besorgte") Bürgerinnen und Bürger Gesprächsbedarf bezüglich asylpolitischer Detailfragen haben.

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