Ein Kinderflüchtling in den Mühlen der Asylbürokratie

26. Mai 2015, 07:00
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Azim N. verließ mit 14 Jahren Familie und Heimat. In Österreich musste er zwei Jahre auf seine Erstbefragung warten

Im Aufenthaltsraum der Wiener Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge der Caritas, Nuri, hängt ein Boxer-Sandsack. Azim N. lässt sich davor fotografieren: Das Sich-Durchboxen erscheint ihm offenbar als passendes Sinnbild für sein Leben in den vergangenen drei Jahren.

Die ersten zwölf Monate verbrachte der 17-Jährige auf der Flucht. Sie führte ihn durch die halbe Welt, schwarz über Grenzen, als ausgebeuteter Arbeiter auf Baustellen, verprügelt von Polizisten - erzählt er.

Afghanistan, Pakistan, Iran, Türkei, Griechenland, Ungarn, Österreich, so beschreibt er seine Fluchtroute. Was brachte ihn dazu, mit 14 Jahren eigentlich noch ein Kind, in Afghanistan alles zurückzulassen? Seine Familie habe die Existenzgrundlage und Überlebenssicherheit verloren, sagt Azim N. Der Vater, ein Schafbauer aus dem Volk der Hazara, sei im Kampf mit dem Volk der Kutschi um Boden und Vieh getötet, seine Schafe gestohlen worden.

Perspektive im Burgenland

Daraufhin sei ihm, dem zweitjüngsten Sohn, keine andere Wahl geblieben: Er sei nach Pakistan gegangen. Weder dort noch in der späteren Etappen der stückweise selbstfinanzierten Reise habe er für sich eine Perspektive erblickt. Das sei erstmals im Februar 2013 im Burgenland der Fall gewesen, als er einem österreichischen Polizisten gegenübersaß: "Der Mann hat gut mit mir geredet." Der Beamte habe ihn gefragt, ob er, damals 15-jährig, in Österreich bleiben wolle. Er habe Ja gesagt. Nach zwei Wochen im Lager Traiskirchen sei er in die Caritas-WG Nuri gekommen.

Damit hatte Azim N. Glück: Inzwischen sitzen mehr als tausend unbegleitete Minderjährige mangels kinder- und jugendgeeigneter Quartiere in Traiskirchen fest. Obwohl das österreichische Asylsystem in seinem Fall die Wohnfrage meisterte, versagte es im Verfahren. Mit dem Auszug des jungen Afghanen aus Traiskirchen war Schluss mit Behördenkontakten. Keine Vorladung, um ihn zu den Fluchtgründen erstzubefragen: Sendepause, für zwei Jahre.

Rechtlich in der Luft

Azim N. lernte Deutsch, begann, sich auf den Hauptschulabschluss vorzubereiten, plante, eine Tischlerlehre zu machen: In seinem Asylverfahren tat sich nichts. Mit verstreichender Zeit machte ihm das immer mehr Angst. Während er sich in Österreich akklimatisierte, schwebte er rechtlich völlig in der Luft. Das hat sich bis heute nicht geändert. Zwar wurde Azim N. am 5. Februar 2015 endlich erstbefragt, doch auch damit verharrt sein Asylverfahren im Anfangsstadium. Wie ist eine solche Verzögerung möglich? Bei jungen Afghanen ließen sich die Behörden besonders viel Zeit, heißt es beim Wiener Amt für Jugend und Familie. Dieses vertritt Azim N.s Rechte. Noch, denn Ende Juni 2015 wird er 18 Jahre alt: ein Tag, vor dem ihn graut. Ab dann gilt er als Erwachsener und verliert im Asylverfahren den Schutz Minderjähriger.

Damit stehe Azim N. nicht allein da, heißt es beim Jugendamt: Die Zahl verzögerter Asylverfahren bei jugendlichen Flüchtlingen nehme zu. (Irene Brickner, 26.5. 2015)

  • Azim N. hat sich von Afghanistan nach Österreich durchgeboxt.
    foto: regine hendrich

    Azim N. hat sich von Afghanistan nach Österreich durchgeboxt.

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