Arbeitsverbot für Asylwerber: Die verhinderte Krankenschwester

30. April 2015, 05:33
1442 Postings

Ihre Schwesterausbildung macht Nona A. zur begehrten Arbeitnehmerin. Doch in Österreich darf sie nicht jobben, weil sie als Asylwerberin kam

Wien - Krankenschwestern werden in Österreich dringend gesucht, der Beruf steht auch heuer auf der offiziellen Mangelberufsliste des Sozial- und Innenministeriums. Nona A., diplomierte Krankenschwester aus Georgien, hat trotzdem keine Chance auf einen Job. Die 28-Jährige mit den rötlichen Haaren, dem wachen Blick und den, wie sich im Gespräch zeigt, sehr guten Deutschkenntnissen darf nicht arbeiten. Denn sie ist als Flüchtling nach Österreich gekommen.

Das war 2006, also vor inzwischen neun Jahren. Seither ist Nona A., die in ihrer Heimat eine dreijährige Schwesternausbildung abgeschlossen hat, zwangsweise arbeitslos. Weil Asylwerber keinen freien Zugang zum Arbeitsmarkt haben, woran auch langjährige politische Forderungen von NGOs und Experten nichts geändert haben.

Studie über Jobzugang fertig

Nur Saison- und Erntearbeit ist Schutzsuchenden erlaubt. Eine vom Sozialministerium beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) in Auftrag gegebene Studie über die arbeitsmarktpolitische Auswirkung von mehr Liberalität ist dem Vernehmen nach schon seit Wochen fertig, aber noch unter Verschluss.

Nona A. ist in den Jahren ihres Hierseins trotz Lohnarbeitsverbot nicht untätig geblieben. Unterstützt von der evangelischen Diakonie hat sie Deutschkurse, einen Babysitter- und einen Psychologiekurs besucht und positiv absolviert. "Die Zusatzausbildungen werde ich später als Krankenschwester gut brauchen können", sagt sie optimistisch. Ihr "Luxuswunsch" ist ein Psychologiekurs an der Wiener Sigmund-Freud-Universität. "Zu teuer", sagt sie bedauernd.

Familiengründung in Österreich

In Österreich hat die junge Georgierin auch eine Familie gegründet, mit dem Mann, dem sie mit 19 Jahren hierher folgte - zwei Jahre, nachdem er hier um Asyl ersucht hatte. Pawel A. (Name geändert) wurde in Georgien zum orthodoxen Laienpriester ausgebildet und machte eine Lehre als Fliesenleger. Doch in diesem in Österreich ebenfalls gefragten Beruf darf auch er nicht jobben.

Alles, was es für ihn an bezahlter Arbeit bisher gab, waren geringfügige Beschäftigungen bei der MA 48, der Wiener Müllabfuhr. Sie brachten ihm rund 100 Euro pro Monat ein, was die Grundversorgung auffettete.

Genau dies wurde ihm später als Hinweis auf mangelnde Integration ausgelegt, als es um seinen Verbleib in Österreich ging. Pawel A. sei nicht selbsterhaltungsfähig, wurde ihm beschieden: ein Bleibeausschließungsgrund.

Kein Asyl für Pawel A.

Seine Heimat verließ der Georgier 2004 - aus politischen Gründen, wie er im Asylverfahren vorbrachte. Die österreichischen Behörden glaubten ihm nicht. Auch Lebensgefährtin Nona, die einen eigenen Antrag auf Schutz eingebracht hatte, wurde negativ beschieden.

Also stellte Pawel A. einen Bleiberechtsantrag. Doch die damit befassten Ämter und Gerichte legten wiederholt längere Ermittlungspausen ein. Als der Antrag 2014 schließlich abgewiesen wurde, war das älteste seiner Kinder bereits im Schulalter.

Diese - zwei Töchter, ein Sohn - haben in Österreich das Licht der Welt erblickt. Zurzeit besuchen sie Kindergarten respektive Volksschule in Wien. "Keines der drei hat Georgien je gesehen. Die Älteste - sie ist zehn - fängt zu weinen an, wenn wir darüber reden, dass wir aus Österreich vielleicht wegmüssen."

Zwangsrückkehr möglich

All ihre Schulfreunde seien hier, und auch Georgisch beherrsche sie nur rudimentär, beschwere sich das Mädchen. Doch eine Rückkehrentscheidung der Behörden ist laut Anwalt Wilfried Embacher durchaus möglich: Das Bleiberechtsverfahren der Mutter sei noch voll in der Schwebe.

In dieser Drucksituation, so Nona A., halte sie vor allem der Alltag der Kinder auf Trab. "Um sechs stehe ich auf, mache die Kinder weggehfertig. Dann bringen wir die Kleinen in den Kindergarten. Ich kaufe ein, koche, dann holen wir die Kinder wieder ab. Am Nachmittag versuche ich, der Ältesten bei den Schulaufgaben zu helfen", schildert sie.

Kein Hortplatz

Letzteres sei gar nicht einfach, denn in den engen zwei Zimmern, die die Familie in einem Diakonie-Flüchtlingshaus bewohnt, fehle oft die Konzentration. Weit besser lernen würde die Tochter in einem Hort. Doch: "Einen Gratisplatz in einem städtischen Hort bekommen in Wien nur jene Kinder, deren Eltern einen richtigen Job haben." (Irene Brickner, DER STANDARD, 30.4.2015)

Nachlese zur Serie "Menschen auf der Flucht":

Vom Kinderarbeiter im Iran zum Zeltbewohner in Traiskirchen

Begegnungen machen das Einleben leichter

Von Vushtri nach Oberndorf und zurück

Gelebte Integration im Mühlviertel: Neuanfang beim Schnitzelwirt

Politmandat als Ergebnis gelungener Integration

Wie ein 14-Jähriger allein dem IS-Terror entkam

Ein Kinderflüchtling in den Mühlen der Asylbürokratie

Vom Asylwerber zur möglichen Olympiahoffnung

Im Dorf integriert, vom Staat nicht erwünscht

Mit 18 Jahren plötzlich auf sich allein gestellt

Keine Zusammenführung der Familie: Vier Kinder warten auf ihre Mutter

Mit schwangerer Frau und Baby fünf Tage auf dem Boot



Editorial: Flüchtlinge sichtbar machen

Flüchtlinge sind derzeit ein Thema in den Medien – Anlass ist das Drama im Mittelmeer. Diese Berichte verschwinden wieder, wenn eine andere Katastrophe an einem anderen Ort passiert. DER STANDARD berichtet seit Jahren über Flüchtlingsschicksale. Wir schreiben über Fehler im System und über den Streit um die Aufteilung innerhalb Österreichs und der EU. Das ist wichtig, aber häufig auch sehr abstrakt.

Viele kennen keinen Flüchtling persönlich. Das schafft auch Ängste. Wir wollen die Geschichten von Menschen auf der Flucht schildern und auch ihre Probleme bei der Integration in Österreich. Wir machen dies schwerpunktmäßig in den nächsten Ausgaben und im Rahmen einer Porträtserie in den nächsten Monaten, damit diese Menschen und ihre Geschichten nicht aus unserem Blick entschwinden.

Alexandra Föderl-Schmid
Chefredakteurin


  • Nona A. lebt seit inzwischen neun Jahren in Österreich, hat hier eine Familie gegründet. Doch sicher, ob sie bleiben dürfen, sind sie und die Ihren immer noch nicht.
    foto: christian fischer

    Nona A. lebt seit inzwischen neun Jahren in Österreich, hat hier eine Familie gegründet. Doch sicher, ob sie bleiben dürfen, sind sie und die Ihren immer noch nicht.

Share if you care.