Nokias letzte Hoffnung: Ein gelbes Windows-Telefon

Sollten die neuen Modelle den Abwärtstrend von Nokia nicht aufhalten können, wird es eng

Nein, ein Steve Jobs ist Stephen Elop wahrlich nicht. Als der Nokia-Chef am Mittwoch in New York die Bühne betritt, um sein neues Handy-Flaggschiff Lumia 920 und das kleinere Lumia 820 vorzustellen, kommt nur verhaltener Applaus von den Journalisten. Es will keine rechte Stimmung aufkommen, auch wenn Elop sich sichtlich bemüht, locker zu erscheinen: in weißem Hemd ohne Krawatte, dunklem Sakko und Jeans.

Die Marktführerschaft ist verloren

Während Apple kurz vor der Präsentation der fünften Generation seines iPhone am 12. September steht und der Großteil der Branche recht erfolgreich auf Googles Android setzt, steckt Nokia in einer tiefen Krise. Die Marktführerschaft ist verloren, hohe Verluste laufen auf, zigtausende Jobs wurden gestrichen. Erfolgsmodelle fehlten bisher.

Der Konzern setzt anders als die breite Masse der Konkurrenten massiv auf das kommende Handy-Betriebssystem Windows Phone 8. Die Finnen sind mit dem Entwickler Microsoft eine enge Partnerschaft eingegangen, während der Großteil der Branche auf Googles Android-System wettet - und damit bisher recht gut fährt. Vor allem Samsung, die neue Nummer eins beim Smartphone-Absatz.

"Haben eine klare Strategie"

Das soll jetzt anders werden mit den ersten Modellen mit dem kommenden Windows-Phone-8-Betriebssystem. Elop verspricht eine Alternative zu den Telefonen der anderen Herstellern, die er "schwarze und graue Platten" nennt, und sagt den Lieblingssatz eines jeden Managers, der in der Klemme sitzt: "Wir haben eine klare Strategie." Nur scheint ihm das die Börse nicht abzunehmen. Kaum sind erste Details des Lumia 920 bekannt, rauscht der Aktienkurs fast acht Prozent nach unten.

Nach neun Minuten überlässt Elop Nokia-Vizepräsidentin Jo Harlow das Feld. Sie hat ein knallgelbes Gerät mit 4,5-Zoll-Display mit leicht gewölbtem Glas in der Hand und kündigt das "innovativste Smartphone der Welt" an.

Offline

Dessen PureView-Kamera soll alles übertreffen, was bisher bei Smartphones möglich ist. Es soll besonders gute Fotos bei schlechtem Licht aufnehmen können. Die bewegliche Linse soll auch besonders stabile HD-Videos aufzeichnen können. In Windows Phone 8 soll Offline-Navigation möglich sein, auch die Karten soll man offline abrufen können - kostenlos. Infos zu öffentlichem Nahverkehr und Indoor-Navigation, zum Beispiel in Busterminals, inklusive.

Augmented-Reality-Anwendung

Außerdem neu: "City Lens", eine Augmented-Reality-Anwendung, die Geschäfte, und Restaurants in der Nähe anzeigt. Auch Nokias Kartendienst Maps soll Augmented Reality bekommen. Punkten soll das Lumia 920 auch mit drahtloser Aufladung via Induktion: Es reicht, das Gerät auf die Ladestation zu legen, um es mit Strom zu versorgen. Die Zuschauer bleiben beunruhigend sprachlos. Besser wird das auch dadurch nicht, dass es das Lumia 920 laut Nokia-Manager Kevin Schield außer in Gelb auch in "Lippenstiftrot", "verführerischem Grau" sowie in Weiss und Schwarz geben soll. Die Aktie fällt weiter, auf minus 13 Prozent.

Kein Beifall auch als Microsoft-Chef Steve Ballmer auf der Bühne erscheint. Er wirbt um Software-Entwickler: Mit 400 Millionen Geräten von Windows 8 und Windows Phone 8, die laut Prognosen pro Jahr verkauft werden dürften, biete sich eine große Chance. 

Pannen

Die Präsentation ist von Pannen begleitet: Bei der Videopräsentation des Lumia 920 bricht der Ton ab, die Bildschirm-Inhalte des Vorzeigehandys lassen sich erst nach dem Eingreifen der Techniker auf die Leinwand projezieren und das Gerät verweigert zunächst die Verbindung zur mitgebrachten Musikanlage.

"Switch to Lumia"

Dabei geht es für Nokia um alles oder nichts. "Switch to Lumia" lautet die fast schon verzweifelt anmutende Botschaft der Finnen, "Wechsle zu Lumia". Denn Altkunden gibt es kaum: Wer heute ein Smartphone besitzt, nutzt ein iPhone, ein Android-Gerät oder vielleicht noch ein Blackberry. Der Marktanteil von Nokias erster Lumia-Baureihe, vorgestellt vor einem Jahr in London und mit Windows Phone 7 ausgestattet, ist vergleichsweise gering.

Im zweiten Quartal kamen alle bisherigen Windows-Phones zusammen auf einen Marktanteil von gerade einmal 2,7 Prozent. Das kommende Betriebssystem Windows Phone 8 soll die Wende bringen. Das Lumia 920 ist eines der ersten Smartphones, die die Technik nutzen. Microsoft-Chef Steve Ballmer lässt es sich nicht nehmen, persönlich zu erscheinen: "Das ist ein sehr wichtiger Meilenstein", sagt er. Es zeige sich hierin die "unglaubliche Kraft der Partnerschaft".

Bei Misserfolg wird es eng für Elop

Der Erfolgsdruck auf Nokia ist gewaltig: Im vergangenen Jahr lief ein Verlust von 1,2 Milliarden Euro auf, im ersten Halbjahr 2012 waren es schon 2,3 Milliarden Euro. Sollten die neuen Modelle den Abwärtstrend nicht aufhalten können, wird es für Nokia-Chef Elop eng. Er hat alles auf die Windows-Karte gesetzt. Die Kunden werden am Ende entscheiden, ob es die richtige Karte war. Erste Besprechungen stellen den neuen Smartphones ein durchaus positives Zeugnis aus. (APA/kat, DER STANDARD, 6.9.2012)

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