Zurück in die 70er: Das antiquierte Bankensystem der USA

17. März 2016, 05:30
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Ein Leidensbericht: Das US-Geschäftsbankensystem ist unsicher, personalintensiv, teuer und kosten Nerven

1933 haben die USA das Trennbankensystem eingeführt. Das war eine der Konsequenzen der Weltwirtschaftskrise. Damit wurde Einlagen- und Kreditgeschäft strikt vom Wertpapier- und Anlagegeschäft getrennt, um zu verhindern, dass Geschäftsbanken wie vor 1929 zu große Risiken eingehen, zusammenbrechen und die kleinen Sparer alles verlieren. So entstanden Geschäftsbanken und Investmentbanken. Diese Trennung wurde erst 1999 aufgeweicht, ist aber noch immer prägend für das US-Bankensystem.

Die beiden Banken sind noch immer weitgehend getrennt und haben sich historisch unterschiedlich entwickelt. Das konnte nicht verhindern, dass auch Geschäftsbanken vor 2009 zu viel Risiko innerhalb ihres engen Rahmens eingingen – Stichwort: Subprime-Krise – und zu viele Hypothekarkredite für Schuldner mit geringer Kreditwürdigkeit begaben. So lieferte die Washington Mutual Bank 2008 die größte Bankenpleite der USA. Offenbar hat das Trennbankensystem aber auch dazu geführt, dass man sich in den USA in Bezug auf die Standards der Bankdienstleitungen wie im Europa der frühen 1970er-Jahre fühlt.

Überweisung nur mit Pass

Dabei war ich zu Beginn sehr überrascht, als ich problemlos ein Konto mit Debit-Karte und Telebanking bekam – wofür mir auch pro Monat zehn US-Dollar verrechnet werden. Eine ganz simple Überweisung ist aber schon weit jenseits des Machbaren. Dafür gibt es nämlich tägliche und monatliche Höchstbeträge, die viel geringer sind als die Miete, die ich überweisen muss. Außerdem darf man nur auf Konten der eigenen Bank überweisen, und mein Vermieter hat unglücklicherweise eine andere Bankverbindung.

Also fahre ich zur Bank, um ein "Wire" durchzuführen. Dass Überweisungen noch nach dem "Drahten", also dem Telegrafieren benannt sind, sollte einen stutzig machen. Der freundliche Bankangestellte – wie alle der unzähligen Bankangestellten in der Gegend hat er Migrationshintergrund, arbeitet nur Teilzeit und studiert an einem der vielen Colleges im Valley – verlangt meinen Ausweis, ich zeige ihm zwei, leider habe ich den Reisepass nicht dabei. Nur der hätte mich legitimiert, eine Überweisung vorzunehmen. Also nach Hause und den Pass holen, zurück zur Bank und zum nächsten Bankmitarbeiter. In dreißig Minuten haben wir mit vielen Unterschriften die Überweisung geschafft und sind sehr stolz darauf. Die Gebühr dafür beträgt übrigens 30 Dollar.

Unsicher, teuer und antiquiert

Auf meine Bitte, doch gleich die Mietüberweisungen für die nächsten Monate einzurichten, beginnt er mir verschwörerisch zuzuflüstern: Er könne das schon machen, er würde mir aber als Freund davon abraten. Wir bräuchten nämlich sonst noch eine gute Stunde und die Gebühren würden sich verfünffachen. Er würde mir raten, mir an jedem Monatsersten einen Scheck bei ihm zu holen und diesen dann auf die Bank meines Vermieters zu bringen. Mir wurde klarer, warum das Logo meiner US-Bank die Postkutsche ist.

Diese und schlimmere Erfahrungen machen alle Europäer in den USA: Hebt man Geld von einem Automaten ab, der nicht der eigenen Bank gehört, zahlt man eine Gebühr von drei US-Dollar. Alle Anschaffungen, die den Rahmen der Kreditkarte sprengen, stellen das Finanzsystem vor große Herausforderungen. Auch die Chipkarte mit dem PIN-Code beginnt sich erst langsam zu verbreiten, die Bestätigung der Zahlungen erfolgt noch immer mit der Unterschrift. Und der bei uns seit Jahrzehnten ausgestorbene Barscheck ist hier noch weitverbreitet. Das ganze System ist unsicher, personalintensiv, teuer und unglaublich antiquiert.

... Aber warum?

Eine Erklärung für die Rückständigkeit der Geschäftsbanken liegt sicher im Trennbankensystem und in der strikten Regulierung. Dadurch gab es keine Anreize für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder, Zielgruppen und innovativer Bankdienstleitungen. Dann erzeugen auch die geringeren Personalkosten weniger Rationalisierungsdruck als in Europa. Dennoch waren im jüngsten von Ernst & Young durchgeführten "Global Commercial Banking Survey 2014" die US-Bankkunden viel zufriedener sind als die europäischen. Das zeigt zum einen, dass wenige Kunden das jeweils andere System kennen und dass Kundenzufriedenheit oft nichts mit Qualität zu tun hat. Ich selbst gelobe jedenfalls, meine österreichische Bank zumindest ein Jahr lang nur mehr zu loben und zu ehren. (Michael Meyer, 17.3.2016)

Zur Person:

Michael Meyer leitet das Institut für Non-Profit-Management an der WU Wien und berichtet für den STANDARD exklusiv über seinen Forschungsaufenthalt in Stanford.

Frühere Teile:

Wenn Sinn und Selbstverwirklichung wichtiger sind als Gehalt

Österreich vs. Silicon Valley: Unterschiede im Schulsystem

Wer den Betrieb der Eliteuni schaukelt

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  • Dagobert Duck war nicht auf die US-Geschäftsbanken angewiesen,  Michael Meyer beschreibt das teure und alte System.  "Ich selbst gelobe jedenfalls, meine österreichische Bank zumindest ein Jahr lang nur mehr zu loben und zu ehren."
    foto: ho

    Dagobert Duck war nicht auf die US-Geschäftsbanken angewiesen, Michael Meyer beschreibt das teure und alte System. "Ich selbst gelobe jedenfalls, meine österreichische Bank zumindest ein Jahr lang nur mehr zu loben und zu ehren."

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