Arbeit im Uber-Zeitalter

18. Februar 2016, 14:25
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Uberization so weit das Auge reicht, die Heimarbeit feiert fröhliche Urstände, Arbeit verlagert sich zu Unternehmen mit smarten IT-Lösungen

Wer im Silicon Valley ein Taxi bestellen will, macht sich schon ein wenig lächerlich. Taxi ist so etwas von vorgestern – hier fährt man Uber. Über die App am Smartphone schaut man, wo der nächste Uber ist, und dann bestellt man ihn. Herbei kommt ein mehr oder weniger kompetenter Nebenerwerbstaxler.

Auch Hotel ist von gestern, man wohnt Airbnb. Hat man irgendwelche Arbeitsaufträge zu vergeben, platziert man die auf Amazon mturk – das steht für "mechanical turk". Benannt ist die Plattform nach dem "Schachtürken" – jenem vorgeblichen Schachroboter, der vom K.-u.-k.-Hofbeamten Wolfgang von Kempelen 1769 konstruiert wurde, in dem aber ein menschlicher Schachspieler saß. "Mohr im Hemd" ist im Vergleich dazu politisch hochkorrekt.

Nebenjob Wohnung vermieten

Was in den USA der "mechanische Türke" macht, wird auch in Europa auf Plattformen wie Microtask, Clipworker oder Microworkers angeboten. Man kann das aber auch für Befragungen verwenden, in dem man jedem Teilnehmer eine geringe Summe zahlt – damit allerdings jede Menge Probleme in Bezug auf die Stichprobenqualität in Kauf nimmt.

Man kann sich was dazuverdienen am Abend. Offenbar brauchen das immer mehr Menschen, die dann im Nebenjob Taxi fahren, Wohnungen vermieten, Korrektur lesen, Fragebögen ausfüllen. Oft für einen Bettel: Die Uber-Fahrer in New York und in Florida streiken gerade, weil ihnen Uber die Honorare um 15 Prozent gekürzt hat.

Die USA sind in vielen Bereichen ein Niedriglohnland: Die Lohnnebenkosten liegen im Schnitt bei 24 Prozent (EU 28, Österreich 36), in der Praxis noch darunter, weil keine umfassende Sozialversicherungspflicht besteht und die Grenzen zwischen selbstständiger und unselbstständiger Arbeit viel weicher sind.

Das Faszinierende am intellektuellen Feinkostmarkt Stanford ist, dass hier jeden Tag mindestens 50 frei zugängliche Workshops, Seminare und Vorträge stattfinden. Die meisten davon sind für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Immer wieder kommen auch Spitzen aus Politik und Wirtschaft zu Vorträgen nach Stanford, Spitzenforscher sowieso. Da findet sich dann auch etwas zum Thema "Uberization".

Schaffen Computer etwa Jobs?

So verneint der Ökonom Jim Bessen, dass der technische Fortschritt Arbeitsplätze vernichtet. Er zeigt, dass in jenen Berufen mit viel Computereinsatz, egal ob am oberen oder unteren Ende der Einkommenshierarchie, die Anzahl der Arbeitsplätze deutlich zugenommen hat, und zwar zulasten jener Bereiche mit geringerem Computereinsatz. Airbnb und Uber sind dafür gute Beispiele – die Arbeit wird in jene Unternehmen einer Branche verlagert, die die smarteren IT-Lösungen haben.

Absolut weniger Arbeitsplätze gibt es nur dort, wo Jobs komplett in Billiglohnländer ausgelagert werden, oder dort, wo die Arbeit zunehmend vom Kunden übernommen wird, wie bei den Airlines und in den Banken.

Auf einen überraschenden Zusammenhang weist die Soziologin Ann Shola Orloff hin. In Bezug auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen am Arbeitsmarkt zeigt ihr Vergleich Skandinaviens mit den USA zwar, dass Skandinavien den USA deutlich voraus ist, die USA aber ihrerseits wesentlich besser abschneiden als etwa Deutschland und Österreich. Der relevante Indikator ist der von den Müttern erwirtschaftete Anteil am Familieneinkommen: Dieser beträgt in Dänemark 38 Prozent, in den USA 28, in Deutschland magere 18.

Mehr Gendergerechtigkeit

In Skandinavien sind es die öffentlich finanzierten und bereitgestellten Kinderbetreuungseinrichtungen, die den Müttern (und Vätern) eine schnelle Rückkehr in den Beruf ermöglichen und eine stärkere Einkommensdiskriminierung verhindern. Zwei Faktoren sind in den USA entscheidend: Erstens zählten die USA 1967 zu den Pionieren, was das Verbot der Diskriminierung von Frauen am Arbeitsmarkt betrifft.

Zweitens ist es genau jener stark entregulierte und flexible Arbeitsmarkt in Verbindung mit einer laxen Einwanderungspolitik, der dafür sorgt, dass es hier ein viel reichhaltigeres privates Angebot an leistbarer Kinderbetreuung gibt als bei uns. Da kommt die Latina oder Philippinerin ins Haus und passt auf die Kinder auf. Das wiederum trägt auch zur Gendergerechtigkeit bei den Immigranten bei – weil die Frauen wesentlich zum Familieneinkommen beitragen. (Michael Meyer, 18.2.2016)

Zur Person:

Michael Meyer leitet das Institut für Nonprofit Management an der WU Wien und berichtet für den STANDARD exklusiv von seinem Forschungsaufenthalt in Stanford.

Nachlese:

Fünf Gründe, warum Stanford eine Spitzenuni ist

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  • Was, wenn wir alle Uber werden?
    foto: apa/afp/andrew caballero-reynold

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