Zum Verzweifeln: Bürokratie, made in the USA

Gastkommentar4. Februar 2016, 12:06
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Auch in den USA können Amtsschimmel wiehern. Die Bürokratie ist gewaltig, dafür aber übermenschlich freundlich

Auch die US-amerikanischen Bürokraten sind ganz übermenschlich freundlich – besonders am Konsulat in Wien. Die Visa-Prozedur hat mich vorgewarnt: DS2019, I94, J1, J2, SEVIS I-901, DS 160 – unzählige Formulare und immer wieder Gebühren. Ich ahnte nicht, dass da noch etwas auf uns zukommt, was sich Karl Valentin und Otto Grünmandl nicht skurriler und maliziöser hätten ausdenken können.

Zweite Station: Ich musste für die USA einen Arzttermin vereinbaren. Naiv griff ich in Wien zum Telefon, nachdem eine Internet-Terminvereinbarung mangels amerikanischer Sozialversicherungsnummer gescheitert war. Nach der üblichen halbstündigen Warteschleife musste ich dann zweimal meine Kreditkartennummer und persönlichen Daten durchgeben, dann jene meiner Töchter, für die ich den Termin brauchte. Dann wurde ich weiterverbunden – Warteschleife. Dann musste ich nochmals unsere Daten durchgeben und buchstabieren, und nachdem sich der erste Ansprechpartner trotz Doppelcheck verschrieben hatte, wiederum doppelt – sicher ist sicher.

Dann waren wir glücklich in einer Datenbank gelandet – wie sich später herausstellen sollte, noch immer falsch geschrieben -, und ich wurde an eine weitere Person vermittelt, wieder in die Warteschleife. Nach genau 90 Minuten hatten wir einen Arzttermin. Nicht in Erfahrung bringen konnte ich allerdings, ob die amerikanische Kinderärztin auch einen internationalen Impfausweis bestätigen kann – den brauchten wir nämlich für die Schulanmeldung. Nicht nur diesen ohnehin schon mehrsprachigen Ausweis, sondern auch einen Tuberkulintest – den man dank Flüchtlingswelle jetzt auch in Österreich überall machen kann – und eben die Bestätigung durch eine US-Ärztin.

Von Pontius,...

Was mir in Österreich jede Sprechstundenhilfe in zehn Minuten sagen kann, ist im teuersten Gesundheitssystem der Welt ein Ding der Unmöglichkeit, weil man in den Ärztezentren zu niemandem durchdringt, der die Ärztin kennt und einem sagen kann, was sie macht.

Dritte Station: Weniger Bürokratie führt zu mehr Bürokratie. Das ist eine Erfahrung, die viele Europäer in den USA machen. So kennt das Land der Freiheit kein Meldegesetz. Den Staat hat es nicht zu kümmern, wo seine Bürger wohnen. Es gibt also keinen Meldezettel und damit keine amtliche Bestätigung des Wohnsitzes. Das hat dramatische Folgen. Für die Schulanmeldung und einiges andere braucht man nämlich sehr wohl einen "proof of residence", und nachdem es den amtlich nicht gibt, braucht man mindestens drei private Dokumente, die einander aber teilweise voraussetzen.

So braucht man für den Mietvertrag und den Strom- und Gasvertrag ein Bankkonto, das man aber wieder ohne Mietvertrag schwerlich bekommt. Man kann sich auch ein Auto kaufen und anmelden, auch dafür braucht man auch den Mietvertrag.

... zu Pilatus

Der Mietvertrag allein zählt aber nicht als "proof of residence". Nachdem in unserem Fall Strom und Gas weiter vom Vermieter bezahlt werden, war ich kurz davor, mir aus Verzweiflung ein Auto zu kaufen, nur um einen dritten "proof of residence" zu bekommen. Es ging dann doch mit viel Vermittlung, Freundlichkeit und einem Schreiben der Stanford University, das unseren Wohnsitz bestätigte.

Die vierte Station vertieft die Erfahrung der zweiten. Der Arztbesuch war absolviert, die Impfausweise bestätigt, die freundliche Ärztin hat dafür zehn Minuten gebraucht. Um den Termin überhaupt zu bekommen, musste ich per Kreditkarte pro Tochter 300 Dollar deponieren.

Die zehn Minuten Arztleistung kosteten dann pro Kind doch nur 250 Dollar, also bekam ich zwei Schecks mit je 50 Dollar zugeschickt. Meine Bitte, dass ich dafür eine Rechnung oder Honorarnote brauche, ließ das teuerste Gesundheitssystem der Welt abermals rotieren.

Und endlich Aufatmen

Das bekannte Spiel: zweimal Namen und Geburtsdaten von drei Personen buchstabieren. Dann wusste ich eine Telefonnummer nicht auswendig, was eine Rückfrage bei der Vorgesetzten notwendig machte und mich für zehn Minuten in die Warteschleife verbannte. Dann nochmals – zur Sicherheit – Namen und Adresse buchstabieren, Geburtsdaten bestätigen.

Dann durfte ich aufatmen, weil mir zugesichert wurde, dass ich die Rechnungen per Post bekomme. Eine halbe Stunde am Telefon war vergangen, und ich ahnte langsam, warum zehn Minuten Arztvisite 500 Dollar kosten.

Zur Person:

Michael Meyer leitet das Institut für Nonprofit Management an der WU Wien und berichtet für den STANDARD exklusiv von seinem Forschungsaufenthalt in Stanford.

Nachlese:

Die erstaunliche Willkommenskultur des Silicon Valley

Das grüne Tal: Ist das Silicon Valley nachhaltig?

  • Diese Woche berichtet Michael Meyer mitten aus dem Bürokratiedschungel.
    foto: istock

    Diese Woche berichtet Michael Meyer mitten aus dem Bürokratiedschungel.

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