High Noon der Schulentwicklung?

Userkommentar12. November 2015, 10:12
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Am Dienstag wird die dringend erforderliche Bildungsreform präsentiert. Ein Prüfkriterium steht außer Streit: die Verbesserung der Lern- und Arbeitsbedingungen

Wir erleben wieder einmal eine unselige Zuspitzung in der Debatte – dies scheint beinahe ein ehernes Gesetz der politischen Kommunikation zu sein. Für das komplexe Bildungssystem werden einfach kommunizierbare Zielvorstellungen verhandelt, mit denen dann unerfüllbare Heilsversprechungen allzu rasch verknüpft werden.

Die Schulautonomie ist so eine Heilsversprechung. Um gleich einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Ein substanzieller Ausbau der Gestaltungsverantwortung an den Schulen ist erforderlich und sinnvoll, die Reduktion dieser Zielsetzung auf die Freiheit der Direktorinnen und Direktoren, sich ihr Personal auszusuchen, oder darauf, wer die Macht über die Schulverwaltung ausübt, erscheint mir gemessen an den realen Entwicklungserfordernissen an den Schulen aber als unzulässige Reduktion und Verengung der Zielansprüche.

Gegen die Verländerung der Lehrerverwaltung

Ein gut abgestimmtes Paket von Maßnahmen ist dringend notwendig mit dem Ziel, die Lern- und Arbeitskultur an den Schulen grundlegend zu verändern. Dies war auch ein wesentliches Element des Schulreformansatzes von Claudia Schmied, an dessen Umsetzung der Autor dieser Zeilen mitwirken durfte. Vizerektor Josef Oberneder von der PH Oberösterreich wendet sich im STANDARD vom 10. November – aus meiner Sicht völlig zu Recht – gegen die Verländerung der Lehrerverwaltung – noch bedeutsamer erscheint mir aber sein Hinweis auf dringend erforderliche Begleitmaßnahmen.

Das Zusammenwirken wesentlicher Reformelemente wie etwa auch der "PädagogInnenbildung neu" oder der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung durch die Initiative SQA (Schulqualität Allgemeinbildung) einerseits mit den Ansprüchen der Neuen Mittelschule (NMS) an eine neue Lernkultur andererseits, genau dieses abgestimmte Zusammenwirken macht erst eine erfolgversprechende Entwicklung möglich. Dazu aber gehört auch die erforderliche Nachhaltigkeit, also die längerfristige Orientierung an diesen Zielsetzungen, die nicht mit einem politischen Wechsel an der Spitze des Ressorts gleich wieder infrage gestellt werden sollte.

Für eine fundamentale Bildungsreform

Änderungen der Kultur im Bildungsbereich (und nicht nur dort) brauchen einfach auch Zeit, bis sie ihre volle Wirkung entfalten. So freut es mich ganz besonders, dass die jüngste Studie des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie) zur Teamarbeit an den NMS genau diese positive Wirkung konstatiert. Mit dieser gemeinsamen längerfristigen Orientierung der Entwicklungsziele im Bildungsbereich sollten wir in Österreich endlich einen Schritt weiter kommen, damit die angedachte und dringend erforderliche fundamentale Bildungsreform auch endlich erfolgreich verwirklicht werden kann. Hier möchte ich auf die Erkenntnisse aus der neurobiologischen Forschung von Gerald Hüther verweisen (STANDARD, 9. November), die eine grundlegende Veränderung der Lernbedingungen an den Schulen nahelegen.

Die Schule der Zukunft braucht aber nicht nur eine neue Lernkultur (nachzulesen bei Hüther und vielen anderen), sondern, damit diese auch funktionieren kann, eine substanziell neue Kultur der Zusammenarbeit in den Schulen und auch nach außen. Gemeinsame Planung, Reflexion und Arbeitsteilung sehe ich als zentrale Elemente dieser neuen Arbeitskultur. Die professionelle Arbeitsteilung im Bildungsbereich zwischen Lehrpersonen, Psychologen, Sozialarbeitern, Künstlern und viele anderen Professionen ist eine notwendige Voraussetzung für das Gelingen.

Eine Kultur der permanenten Entwicklung

Die Erweiterung der Schulautonomie ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auch da kommt es auf gut abgestimmte Begleitmaßnahmen an, damit die Schulautonomie nicht der kleinste gemeinsame Nenner der aktuellen Schulpolitik bleibt. Schon jetzt ist nämlich ein erhebliches Maß an Gestaltungsmöglichkeiten an Schulen gegeben, welches in vielen Fällen leider gar nicht ausgeschöpft wird.

Wir brauchen dazu eine Kultur der permanenten Entwicklung – wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass die Schule und ihre Rahmenbedingungen im Laufe einer Lebensdienstzeit praktisch unverändert bleiben können. Genau das Gegenteil ist Realität!

Strukturen für Teamarbeit

Zentrales Element der vielbeschworenen "Neuen Lernkultur" ist ja die Individualisierung, die Orientierung des pädagogischen Handelns an den Lernbedürfnissen eines jeden einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin. Individualisierung bedeutet ja, jeden Tag sich aufs Neue im Team darüber zu verständigen, was jeder einzelne Schüler, jede einzelne Schülerin an Unterstützung und Begleitung für das Lernen benötigt.

Damit diese Kultur der gemeinsamen Verantwortung professionell entwickelt und gestützt werden kann, braucht es Strukturen für die Teamarbeit am Standort. Fixe Zeitfenster für diese gemeinsame Planung, Reflexion und kollegiale Arbeitsteilung sind dafür unabdingbar. Auch hier leistet die NMS Pionierarbeit und produziert viele Beispiele guter Praxis.

Ein entscheidendes Prüfkriterium für jede Bildungsreform sollte aus meiner Sicht außer Streit gestellt werden: die Verbesserung der realen Lern- und Arbeitsbedingungen an den Schulen. (Helmut Bachmann, 12.11.2015)

Helmut Bachmann war zuletzt acht Jahre Projektleiter der Neuen Mittelschule im BMBF und davor in verschiedenen Bereichen der Schulentwicklung tätig. Der Userkommentar ist ein Auszug aus der Dankrede des Autors im BMBF anlässlich seiner Pensionierung, angereichert um einige aktuelle Bezüge.

Zum Thema

  • Die Schule der Zukunft braucht eine neue Lernkultur – und eine neue Kultur der Zusammenarbeit.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Die Schule der Zukunft braucht eine neue Lernkultur – und eine neue Kultur der Zusammenarbeit.

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