Muslimin? Nicht hauptberuflich!

Userkommentar1. April 2015, 14:26
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Die Neubewertung der Rolle der Frau im Islam könnte wesentliche Impulse für eine zeitgemäße islamische Theologie liefern

Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat kürzlich entschieden, dass ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen verfassungswidrig ist. Durch die partielle Revidierung des Rechtsspruchs aus dem Jahr 2003 darf sich auch Österreich – mit seiner seit über hundert Jahren bestehenden Islamgesetzgebung – als europäisches Vorbild und Vorreiter in Sachen Gleichstellung der muslimischen Bevölkerung bestätigt sehen. Das in Artikel 14 Absatz 1 des österreichischen Staatsgrundgesetzes von 1867 sowie in Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention verankerte Recht auf Religionsfreiheit erfuhr mit der Einführung des islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen im Jahr 1983 eine zusätzliche Anerkennung auf ganz neuem Niveau.

Es kann gleichwohl kein Zweifel daran bestehen, dass eine rechtliche Verankerung allein kein Garant für ein ungeteiltes, vorbehaltloses Eintreten für die ideellen Grundpfeiler unserer Demokratie ist. Man denke an die wachsenden Ressentiments gegenüber in der Öffentlichkeit verschleierten Musliminnen, die sich insbesondere im erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt geltend machen.

Befreiung aus der "Überislamisierung"

Islam, Islamismus und religiöser Extremismus verschmelzen vermehrt zum Schreckgespenst eines imaginären Widersachers der österreichischen Gesellschaft und ihrer Werte. Diese verzerrte Wahrnehmung und die daraus resultierenden Ängste werden nun pauschal auf Musliminnen projiziert und wachsen sich zu einem regelrechten Bedrohungsszenario für das alltägliche Leben der Gesellschaft aus. Dabei könnte – wie der Erfurter Islamwissenschaftler Jamal Malik bereits im Jahr 2009 in der Tageszeitung "taz" anmerkte – gerade die Befreiung der muslimischen Frau aus der "Überislamisierung", einer Ecke, in die sie die Mehrheitsgesellschaft allzu bereitwillig gedrängt hat, viel zur Auflösung von Falscheindrücken hinsichtlich nicht gesellschaftskonformer Einstellungen leisten. Hierbei ginge es in erster Linie darum, Musliminnen nicht ausschließlich auf ihre Religiosität als zentrales Persönlichkeitsmerkmal zu reduzieren, sondern sie als individuelle, wertvolle und produktive Akteurinnen einer modernen Gesellschaft anzuerkennen.

Weiblich geprägte Theologie

Sicher, dem steht die Tatsache gegenüber, dass die Medien in den islamischen Ländern, aber auch die in den sozialen Medien aktiven eifrigen Kritiker des Umgangs der westlichen Politik mit den Muslimen diese Denkmöglichkeit schlicht verwerfen und stattdessen weiterhin auf Konfrontation setzen – ist die von ihnen konstatierte Unversöhnlichkeit zwischen Islam und Westen doch die Existenzgrundlage ihrer Agitation.

Umso mehr aber könnte die Neubewertung der Rolle der Frau im Islam wesentliche Impulse für eine zeitgemäße islamische Theologie liefern und so einen wichtigen Beitrag zur Entspannung im Zusammenleben von Muslimen und europäischen Mehrheitsgesellschaften leisten. Die seit Jahrhunderten männlich dominierte islamische Wissenschaft mit ihrer Rechtfertigung der weitgehenden Entmündigung der muslimischen Frau würde durch die Herausbildung einer selbstbewussten muslimisch-europäischen Identität aus der Mitte der Gesellschaft einen entscheidenden Perspektivenwechsel erfahren – hin zu einer graduell weiblich geprägten Theologie, die die Lebenswelten der Musliminnen mit all ihren Herausforderungen als Teil einer pluralistischen Gesellschaft entsprechend berücksichtigt.

Religionsfreiheit als gelebte Realität

Mit der Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgerichts lebt denn auch die Hoffnung weiter, dass sich Religionsfreiheit nicht als historisches Relikt der Aufklärung und als bloßes Lippenbekenntnis europäischer Bürgerinnen und Bürger erweist, sondern als das alltägliche Leben durchdringende, gelebte Realität. (Minela Salkic Joldo, Ranja Ebrahim, derStandard.at, 1.4.2015)

Ranja Ebrahim ist Universitätsassistentin an der Universität Wien mit Forschungsgebiet islamische Religionspädagogik. Minela Salkic Joldo ist Dissertantin am Institut für Islamische Studien.

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  • Musliminnen sollen nicht auf ihre Religiosität als zentrales Persönlichkeitsmerkmal reduziert werden. Sie sind individuelle, wertvolle und produktive Akteurinnen einer modernen Gesellschaft.
    foto: reuters/tobias schwarz

    Musliminnen sollen nicht auf ihre Religiosität als zentrales Persönlichkeitsmerkmal reduziert werden. Sie sind individuelle, wertvolle und produktive Akteurinnen einer modernen Gesellschaft.

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