Rundschau: Die Wahrheit ist hier drinnen

Ansichtssache15. November 2014, 10:00
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coverfoto: simon & schuster

Gillian Anderson & Jeff Rovin: "A Vision of Fire"

Gebundene Ausgabe, 292 Seiten, Simon & Schuster 2014

War das ein Aufsehen! Gillian Anderson alias Special Agent Dana Scully, deren Poster in den 90er Jahren in jedem Nerd-Jugendzimmer hing, "kehrt zu ihren Wurzeln zurück": Der "Akte X"-Star schreibt jetzt Science-Fiction-Romane! Potzblitz. Rückblickend muss man sagen, dass der New Yorker Verlag Simon & Schuster alles richtig gemacht hat, als er schon Anfang des Jahres verkündete, wer da seine im Herbst startende neue SF-Schiene eröffnen würde. Ein Publicity-Coup, von dem auch das jetzt endlich vorliegende Buch zehrt: Auf dem Umschlag, wo normalerweise die Blurbs derer prangen, die ein Vorab-Exemplar zum Rezensieren bekamen, dreht sich mehrheitlich immer noch alles um Andersons "Heimkehr" ins Genre, weniger um den Roman selbst.

Der Plot

Vor einiger Zeit habe ich einen interessanten Artikel darüber gelesen, wie "Katherine" - Hepburn sei's gedankt - quasi zur Default-Einstellung für die Namen intelligenter und selbstständiger Roman- und Filmheldinnen wurde. Diverse etymologische Abwandlungen inklusive - zuletzt etwa Katniss in den "Tributen von Panem". In "A Vision of Fire" nun ist es eine Caitlin, O'Hara der Nachname, ihres Zeichens Kinderpsychiaterin in New York. Dass Caitlin aufgrund diverser persönlicher und beruflicher Connections zur erweiterten UNO-Blase gehört, wird ihr unter anderem dabei helfen, mal eben nach Haiti oder gar in den Iran zu jetten. Vor allem aber beschert es ihr einen Fall, der sie an die Grenzen ihrer Erfahrung bringen und sie - recht rasch übrigens - von der Rationalistin zur Glaubenden machen wird.

Und zwar wird Caitlin vom indischen UNO-Botschafter um Hilfe gebeten. Dessen jugendliche Tochter Maanik wird aus heiterem Himmel von Anfällen geplagt, bei denen sie abwechselnd markerschütternd schreit, mit den Armen fuchtelt und linguistisch nicht identifizierbares Kauderwelsch von sich gibt. Maaniks Familie ist gleichermaßen beschämt (Geisteskrankheiten gelten für sie als Schande) und verzweifelt. Umso mehr, weil die Arbeit von Maaniks Vater dadurch zunehmend beeinträchtigt wird - und das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Die jahrzehntelangen Spannungen zwischen Indien und Pakistan drohen zu einem Atomkrieg zu eskalieren.

Caitlin soll sich also ebenso schnell wie diskret um Maanik kümmern ... merkt aber bald, dass sie es hier nicht mit einem Einzelfall zu tun hat. Auf Haiti zeigt eine junge Frau ganz ähnliche Symptome; im Iran versucht sich ein Junge, der ebenfalls unter apokalyptischen Visionen leidet, selbst zu verbrennen. Und als wäre das noch nicht genug, wartet der Mystery-Plot noch mit anderen Zutaten auf: Tiere beginnen sich seltsam zu verhalten, eine Voodoo-Priesterin beweist ihr Können und eine Geheimgesellschaft sammelt seltsame Artefakte.

Quo vadis, Handlung?

Außerirdische? Eine Regierungsverschwörung? Übernatürliche Phänomene? In welche Richtung das alles führen wird, macht im Grunde schon der Prolog klar. Dennoch staunt man ein bisschen, wenn Anderson hier ein Szenario ansteuert, das sich seit der Ära der Pulp-SF kaum noch ein ernstzunehmender Science-Fiction-Autor anzufassen getraut hätte (allerdings ist es meines Wissens auch nie in "Akte X" vorgekommen). Ich werfe nur kurz einen Namen als Hinweis in den Raum: Piri Reis. Aber "A Vision of Fire" ist ja auch eher Mystery als SF; "new-agey" nennt Caitlin selbst einmal das, was ihr im Verlauf des Romans widerfährt ... und was es mit ihrer Weltsicht macht.

Während Caitlin außerhalb ihres Fachgebiets halsbrecherisch mit wüsten Theorien jongliert, wirkt das beschriebene Know-how in Sachen Kinderpsychologie recht fundiert. Interessant etwa die Hypnosetechniken, die hier zum Einsatz kommen. Am besten haben mir allerdings die Passagen gefallen, die sich um Caitlins Verhältnis zu ihrem Sohn drehen. Mit dem eigentlichen Plot haben sie zwar nichts zu tun, aber sie wirken glaubhaft - das kann man bei weitem nicht über alles in diesem Roman sagen. Wenn Caitlin und ihr Sohn von Zimmer zu Zimmer via Klopfzeichen kommunizieren (ein nächtliches Ritual, mit dem sie einander versichern, dass alles in Ordnung ist), dann ist das für mich der authentischste Moment des ganzen Romans.

Who dunnit?

Stichwort "authentisch": Wie oben zu sehen, hat Gillian Anderson "A Vision of Fire" nicht allein geschrieben. Ihr Partner war Jeff Rovin, ein bekannter und produktiver Autor, der unter anderem gerne als Ghostwriter beschäftigt wird. Bei einer geteilten Autorenschaft ist oft schwer zu sagen, wer wieviel beigetragen hat - wenn einer davon professionell anpassungsfähig und es gewohnt ist, aus der zweiten Reihe zu schreiben, wird das natürlich noch schwieriger.

Wieviel Anderson steckt da nun also wirklich drin? Ein recht langes Video-Interview mit Anderson und Rovin, das im Netz zu finden ist, brachte mir da leider auch keine neuen Aufschlüsse. Wenn, dann hat es mich eher skeptischer gemacht. Die meisten Fragen gab Anderson an Rovin weiter - wenn nicht gleich an eine "Fakten-Rechercheurin", die an dem Projekt offenbar auch noch mit beteiligt war. So richtig lebendig wurde Anderson immer nur dann, wenn es um die Frage einer möglichen Verfilmung ging. Vielleicht ist das ja ihr eigentliches Ziel hinter "A Vision of Fire". Und zugegeben: Gillian Anderson könnte man sich als Caitlin O'Hara sehr gut vorstellen.

To be continued ...

Kurz zusammengefasst: Das Pulver haben Anderson & Rovin nicht erfunden; ausreichend spannend ist "A Vision of Fire" aber allemal. Und da es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt (die "Earthend Saga"), werden auch noch nicht alle Fragen geklärt. Ein Glück, denn bei einer Mystery bringt die Aufklärung eh meistens den großen Absacker.

Wann Teil 2 erscheint, ist noch nicht bekannt; zumindest mir nicht. Dafür sei darauf hingewiesen, dass auch Andersons ehemaliger "Akte X"-Kollege David Duchovny in der Zwischenzeit nicht auf der faulen Haut gelegen hat (soferne er diese nicht gerade bei "Californication" in die Kamera hielt). Kommenden Februar wird nämlich sein erster Roman erscheinen, "Holy Cow" betitelt. Und die Beschreibung klingt ... seltsam.

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