Snowden statt Prism: Vielen Journalisten fehlen Wissen und Interesse

Analyse |

Es braucht Zeit, aber vor allem Interesse an der Aufklärung der US-Bespitzelung

"Würden Sie diesen Mann verstecken?", titelt die deutsche Wochenzeitung "Zeit" vom Donnerstag und porträtiert Edward Snowden. "Sein geheimes Leben", heißt es auf Seite 3. Das Interesse am Enthüller des NSA-Überwachungsskandals ist groß - weltweit. Verständlich, denn für viele klingt das Szenario, in das sich Snowden manövriert hat, wie ein spannender Agentenfilm.

Held und Verräter gleichzeitig

Die Verlagerung der Diskussion könnte aber gefährlich werden. Aus dem Enthüller wird ein Held und ein Verräter. Der junge Mann, der sich eigenen Angaben zufolge aus moralischen Gründen und persönlicher Einstellung heraus mit der US-Regierung angelegt hat, wird aktuell vor der gesamten Weltöffentlichkeit zerrissen - im wahrsten Sinne. Auch der "Guardian"-Journalist Glenn Greenwald hat sich mit seiner Recherche zu Prism auf glattes Eis begeben.

In der Vergangenheit wühlen

Greenwald berichtet beispielsweise, dass er von Journalisten der "New York Times" bereits zu seiner Vergangenheit befragt wurde. Man wühlt in der Vergangeheit der Betroffenen, bis man etwas findet. Der Journalist ist selbstbewusst genug, darüber zu sprechen: zwei Rechtsstreits, die mehrere Jahre zurückliegen, und ein Kredit in Studentenjahren. Nichts Ungewöhnliches für einen Juristen, aber offenbar von großem Interesse für viele Medien.

Motivationsforschung

Über Snowden werden Porträts verfasst, die seine intimsten Lebensaspekte hervorholen. Der Boulevard schreibt über seine "hübsche Frau, die er zurückließ", die anderen stürzen sich auf angebliche Reddit-Accounts und Foren, die er besucht haben soll. In all der Aufregung fragen sich alle: "Was hat den Mann bewogen, diesen Schritt zu tun?" Diese Frage beantwortet Snowden selbst und gibt an, dass er nicht in einer verlogenen Welt leben wolle. Ob er tatsächlich aus freien Stücken seine Identität preisgegeben hat oder die NSA ihm ohnehin bereits auf der Spur war, bleibt offen.

Ein Hoax und die richtige Frage

In einem Hoax, der Mittwochnachmittag an die Öffentlichkeit ging, wurde Snowden ein Aufenthalt in Wien herbeigedichtet. Der Artikel befindet sich zwar auf einer Satireseite, im Innenministerium läutete das Telefon dennoch Sturm. Das Interesse ist groß, doch geht es in eine merkwürdige Richtung. Nicht das "Warum hat er enthüllt?" sollte von Bedeutung sein, sondern das "Was hat er enthüllt?".

Dem interessierten Leser reicht das nicht

Auch derStandard.at hat bereits zahlreiche Berichte über Snowdens Aufenthaltsort und die Auslieferungsverhandlungen geschrieben. Es wäre fahrlässig, diese Details auszulassen, denn auch der Umgang mit Whistleblowern ist ein wichtiges, brandaktuelles und politisches Thema. Neben den ohnehin bekannten Details versucht man trotzdem den Datenskandal zu beleuchten - auch auf nationaler Ebene. Politiker werden gedrängt, Anfragen zu stellen, Experten interviewt, technische Details analysiert. Dem interessierten Leser reicht das oftmals aber nicht. Er möchte nicht nur wissen, was Obama und Putin über Snowden denken. Die LeserInnen möchten erfahren, was mit ihren Daten geschieht und was die österreichische Politik dagegen machen möchte.

Es fehlt an Wissen und Interesse

Wolfgang Blau vom "Guardian" schreibt in seinem Facebook-Profil, dass es vielen Journalisten an technischem Wissen fehle, um sich mit dem Datenskandal zu beschäftigen. Das mag zwar bei vielen stimmen, doch die Journalisten in den Tech-Abteilungen fast aller Medien sind technisch bewandert und haben zum Teil sogar Ausbildungen in technischen Gebieten genossen. Was hier fehlt, ist aber das Interesse. Das "Neuland" Internet ist für viele so undurchsichtig und intransparent, dass es zu Resignation und Überforderung führt. Wie soll man Herr der Dinge werden, die einem unverständlich sind?

Verschmelzung von Technik und Politik

Die Verschmelzung des Technischen mit dem Politischen ist auch im Journalismus eine relativ neue Ära. Netzpolitik ist zwar Politik, doch sobald es um Konsequenzen diplomatischer Beziehungen aufgrund des Datenskandals geht oder die bloße Aufklärung gefordert wird, fühlen sich Tech-Journalisten nicht mehr zuständig. Den Politik-Redakteuren fehlt das technische Wissen und vor allem das Interesse. Darum konzentrieren sich viele eher auf den "Agententhriller" um Snowden. Dies ist nicht neu und kann zudem einfacher bewerkstelligt werden.

Es wird noch lange Thema bleiben

Es ist schwierig, all die Flut an Informationen und Falschinformationen zu filtern. Es ist schwierig, Antworten von Politikern zu bekommen - wie der WebStandard aus eigener Erfahrung weiß -, und es ist noch schwieriger zu begreifen, welche Konsequenzen das für den Einzelnen hat. Für die Technologie, die Innovation, die digitale Kultur. Das Internet, wie wir es kennen, wurde mit einem Schlag all seiner scheinbaren Freiheit beraubt.

Die Medien - und das sind auch wir - müssen sich stärker um die Konsequenzen kümmern und dürfen das Thema nicht ruhen lassen. Die Aufdeckung des Skandals ist erst wenige Wochen her. Für tiefgreifende Analysen braucht es Zeit und Interesse. Das Thema muss (netz-)politisch, technisch und juristisch aufgearbeitet werden. Die Mühe und die Zeit, die Medien in diese Recherchen stecken, und die politischen Hintergründe, die sich erst ergeben werden, sollen und müssen auch uns noch lange Zeit beschäftigen. (Iwona Wisniewska, derStandard.at, 27.6.2013)

  • Die Zeit schreibt über Snowdens "geheimes Leben" - ein Beispiel aktueller Berichterstattung
 
    foto: derstandard.at/wisniewska

    Die Zeit schreibt über Snowdens "geheimes Leben" - ein Beispiel aktueller Berichterstattung

     

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