"Franzosen wollen keinen langen Krieg in Mali"

Interview | Florian Niederndorfer
14. Jänner 2013, 15:59
  • Massive Luftschläge der französischen Luftwaffe in Mali.
    foto: epa/nicolas-nelson richard / ecpad

    Massive Luftschläge der französischen Luftwaffe in Mali.

  • Archivfoto vom August 2012: Islamisten in Timbuktu.
    foto: foto:file/ap/dapd

    Archivfoto vom August 2012: Islamisten in Timbuktu.

  • Im "Hexagone" selbst wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft.
    foto: reuters/eric gaillard

    Im "Hexagone" selbst wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft.

  • Frankreichs Präsident Hollande.
    foto: epa/ian langsdon

    Frankreichs Präsident Hollande.

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  • Asiem El Difraoui.
    foto: www.swp-berlin.org

    Asiem El Difraoui.

Die Militärschläge können den Vormarsch der islamistischen Rebellen zumindest aufhalten, sagt Politologe Asiem El Difraoui

Seit am Wochenende französische Truppen in den Krieg zwischen der malischen Zentralregierung und islamistischen Rebellen eingegriffen haben, geht in Frankreich die Angst vor Vergeltung um. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren in den Gängen der Pariser Métro und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Der Islamismus-Experte Asiem El Difraoui vom Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik hält den Nutzen möglicher militärischer Erfolge Frankreichs in Mali für kurzfristig. Im Gespräch mit derStandard.at erklärt er, warum es eine politische Lösung in dem zerrissenen Land im Westen Afrikas braucht.

derStandard.at: Was kann Frankreich mit Luftangriffen und Spezialtruppen gegen die malischen Rebellen ausrichten?

El Difraoui: Kurzfristig konnten sie den Rebellenvormarsch stoppen. Möglicherweise können sie die Rebellen auch so sehr schwächen, dass es der desolaten malischen Armee gelingt, wieder in den Norden des Landes etwa bis in die besetzte Stadt Timbuktu vorzudringen.

derStandard.at: Und langfristig?

El Difraoui: Die Franzosen werden Mali mit Luftwaffe und Spezialkräften nicht befrieden können. Im Norden des Landes sind nicht nur Dschihadisten am Werk, auch die Tuareg sind schon sehr lange mit der Regierung in Bamako unzufrieden. Falls die Dschihadisten, die zum Teil mit ihnen verbündet sind, nun besiegt werden, werden sich die Tuareg deshalb nicht mit dem Status quo zufriedengeben. Es braucht eine langfristige politische Lösung, die aufgrund der ethnischen Situation sehr schwierig ist.

derStandard.at: Schafft Frankreich das militärisch?

El Difraoui: Die Stärke der malischen Rebellen ist zum Beispiel nicht mit der libyschen Armee unter Muammar al-Gaddafi zu vergleichen. Alleine Frankreichs Luftüberlegenheit kann einen Unterschied machen. Erstaunlicherweise hat Algerien nun den Franzosen den Überflug genehmigt, nachdem die algerische Presse die Militäraktion scharf verurteilt hatte. Die Franzosen wollen aber keinen langen Krieg führen. Was sie tun können, ist, den Afrikanern und den Maliern selbst entscheidende Unterstützung zu geben.

derStandard.at: Wollten die Islamisten tatsächlich die Hauptstadt Bamako erobern?

El Difraoui: Das Risiko war jedenfalls sehr hoch. Die malische Armee ist nach ihrem eigenen Staatsstreich vom vergangenen Jahr nicht mehr in der Lage, überhaupt irgendetwas zu verteidigen. Als die Rebellen Konna eroberten, war der Weg nach Bamako frei. Das war der Schlüsselmoment für die Franzosen, um einzugreifen, ähnlich wie 2011 die Bedrohung der libyschen Stadt Benghazi durch die Gaddafi-Truppen.

derStandard.at: Wie gut sind Frankreichs Geheimdienste in Mali aufgestellt?

El Difraoui: Natürlich beobachtet besonders Frankreich diese Region sehr genau. Die Situation in Mali beunruhigt viele Staatskanzleien in Europa ja schon seit einigen Monaten. Der Norden, wo die Tuareg leben, ist ein alter Kreuzungspunkt der verschiedensten Schmugglerrouten, von Drogen über Waffen bis zu Menschen. Al-Kaida im Islamischem Maghreb ist für die Tuareg auch deshalb als Alliierter attraktiv, weil es über Schmuggel und Geiselnahmen relativ viel Geld einnimmt und so den Geldstrom aus Libyen aufwiegen kann, der seit dem Tod Gaddafis versiegt ist.

derStandard.at: Worin bestehen Frankreichs Interessen in Mali?

El Difraoui: Einerseits ist der Einsatz eine Fortsetzung der traditionellen französischen Afrikapolitik, in der sich Paris Einflusssphären bei den ehemaligen Kolonien sichern möchte. Zweitens leben sehr viele Franzosen in Mali und den frankophonen Nachbarländern, und Frankreich will verhindern, dass noch mehr Geiseln genommen werden. Außerdem droht durch eine Destabilisierung des Niger ökonomischer Schaden für Frankreich. Französische Atomfirmen, etwa Areva, haben großes Interesse an den nigrischen Uranminen.

Und viertens will Frankreich so wie andere westliche Länder verhindern, dass sich in Mali ein islamisches Emirat breitmacht und Dschihadisten in einem "gescheiterten Staat" offen Fuß fassen. Die Luftangriffe werden jetzt nicht alle Dschihadisten vertreiben, aber sie könnten doch erreichen, dass die Islamisten keine permanenten Basen mehr in Mali errichten können. Das konnte die malische Armee nicht mehr durchsetzen.

derStandard.at: Verhindert oder beschleunigt der französische Einsatz die Auflösung des malischen Staates?

El Difraoui: Die Kernfrage ist: Wie kann man die ethnischen Konflikte im Norden lösen? Wie kann man die zum Teil legitimen Forderungen der Tuareg erfüllen? Früher hat Gaddafi zwischen Bamako und den Tuareg vermittelt und ihnen Geld, Waffen und Beschäftigung gegeben, um sie ruhigzustellen. Nach dem Ende Gaddafis fanden sich die Tuareg politisch und finanziell geschwächt, hatten aber leichten Zugang zu Waffen. Darum haben sie sich dann mit verschiedenen dschihadistischen Bewegungen verbündet. Ohne die Hand zu den verhandlungswilligen ethnischen Gruppen im Norden auszustrecken, lässt sich der Konflikt nicht lösen.

derStandard.at: Wie hoch ist das Risiko für Frankreich?

El Difraoui: Es ist kein Spaziergang. Die Franzosen haben auch schon Leute verloren. Wie gefährlich es wird, hängt davon ab, wie viele Bodentruppen entsandt werden. Auch die Unterstützung durch die westafrikanische Gemeinschaft ECOWAS gehört dazu. Die französische Armee ist Presseberichten zufolge überrascht, über welch moderne Waffen die Rebellen verfügen und wie gut sie trainiert sind. Wir sprechen nicht bloß von ein paar alten Kalaschnikows, sondern von Artillerie und Granaten aus Gaddafis Arsenalen.

derStandard.at: Wie vernetzt ist Ansar Dine in Europa? Wie hoch ist die Gefahr, dass Terroristen in Frankreich Anschläge verüben?

El Difraoui: Die malischen Islamisten scheinen nicht so stark vernetzt zu sein wie Al-Kaida im Islamischen Maghreb, das vor allem aus Algeriern besteht. AKIM wollte schon immer Terroranschläge in Frankreich durchführen, was ihnen aber bisher nicht gelungen ist. Hätten sie die Kapazitäten dafür, hätten sie schon längst zugeschlagen. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 14.1.2013)

Asiem El Difraoui (42) ist Politologe, Volkswirt und Dokumentarfilmer. Von 2010 bis 2012 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, zuvor von 2004 bis 2010 Lehrbeauftragter an der Pariser Universität Sciences Po.

Links

Al Jazeera (englisch): What is France risking in Mali?

Youtube: Video von Start der Rafale-Jets in Frankreich und ihrer Landung im Tschad

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Genau deshalb sollte Österreich bei der Wehrpflicht bleiben

Österreich soll keine Berufssoldaten ins Ausland schicken!

hr. asiem el difraoui weiß das ganz genau. und er weiß auch, dass nur 0.1% von was die araber und ihren vertretern (die arabisiert sind) erzählen glaubhaft ist...
und weil ich sehr genauer bin werde ich nichts glauben von was oben geschrieben steht!

Keinen langen Krieg? Schwachsinn, die Realität sieht anders aus

http://pakhtunkhwa911.wordpress.com/2013/01/1... eue-krieg/

Der Kampf gegen die „bösen Islamisten“ hat wieder einmal begonnen. Dieses Mal konnten es die Franzosen einfach nicht lassen und mussten in Mali, einer ihrer ehemaligen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent, einmarschieren. Vor Kurzem wurden die letzten französischen Soldaten aus Afghanistan abgezogen, nun weiß man auch warum. Präsident Hollande spricht von einer „Notwendigkeit“ und spielt sich ganz à la Napoléon als europäischer Kriegsherr auf.

franzosen beginnen Bodeneinsatz

also wollen sie einen langen Krieg !!...und wie wollen sie die um Unabhängigkeit kämpfenden Tuaregs von den Dschihadisten unterscheiden ?? was der Kriegseinsatz der franzosen jetzt bewirken wird,dass sich auch die restlichen Tuaregs mit den Dschihadisten solidariseren werden und Unterstützung von aussen dazukommen wird. Den Angriff Richtung Süden zu stoppen-war sicherlich notwendig und richtig um den schwarafrikanischen Südteil des landes zu schützen-was jetzt passiert,ist die Wiederholung Afganistans mit begleitender Propaganda,die keine Unterschiede zwischen Islamisten und Tuaregfreiheitskämpfern mehr macht. Wir kennen ja das Schema...oder eigentlich scheinen die meisten poster hier das schema immer wieder zu vergessen oder nicht kapieren

Die Frage ist, warum es zu dem Staatsstreich kam, der das Land destabilisierte, obwohl die Regierung von allen Seiten (auch von afrikanischen Freunden von mir) positiv bewertet wurde.

Ich schließe nicht aus, dass Fankreich da seine Hände im Spiel hatte.

könnte auch die USA sein

immerhin wurde der Putschistenführer Sanogo in den USA militärisch und geheimdienstlich ausgebildet.

Vermurlich gab es einen Staatststreich

weil es von ihnen positiv bewertet wurde. Das liegt doch auf der Hand!

jemand, der sehr mächtig ist, konnte es nicht hinnehmen, dass sie das Land positiv bewerteten.

Die laenge des krieges wird nicht.....

von den franzosen und deren verbuendeten bestimmt, sondern von den jihadisten, denn rebellen sind diese moerder-banden ja nicht.
Dr. Kouchner aeusserte sich waehrend eines kurzen interviews mit CNN sehr skeptisch. Es kam dabei auch zur sprache, dass sich angeblich andere jihadisten gruppen aus afrikanischen laenderen bereits auf den marsch machen um ihren gleichgesinnten im kampf beizustehen.
Laut Dr. Kouchner sei dies vor allem ein afrikanisches problem und sollte auch von den afrikanern geloest werden mit technischer hilfe frankreichs.

Mehr als technische Hilfe leistet Frankreich mit 750 Soldaten auch nicht...

2.500 bald - und was verstehen Sie unter technische Hilfe?

Bombardieren?

Bombadieren, Technische Hilfe, Ausbildung, Wirtschaftliche Unterstützung und letztenendlich begrenzte Kampfunterstützung.

Die Franzosen wollen sicher keinen Krieg

Irgendwer halt,wie immer...Es muss sich rentieren.
Trotzdem für einen Friedensnobelpreis reicht's allemal.
Ob der Iran, ob irgendwo ein anderer permanenter Kriegsschauplatz ...egal, bei uns scheppert's nicht.
Gibts irgendwo oder hat's irgendwo Militärschädeln gegeben wenn sich's nicht gerechnet hätt'.
Da gab's doch in der Zwischenkriegszeit einen Spruch:
"Stell' dir vor es ist Krieg und keiner geht hin."

Krieg um Rohstoffe?

"Französische Atomfirmen, etwa Areva, haben großes Interesse an den nigrischen Uranminen."

Einsatz eine Fortsetzung der traditionellen französischen Afrikapolitik

"Worin bestehen Frankreichs Interessen in Mali?

El Difraoui: Einerseits ist der Einsatz eine Fortsetzung der traditionellen französischen Afrikapolitik, in der sich Paris Einflusssphären bei den ehemaligen Kolonien sichern möchte."

Tolle Tradition!!
Um welche Rohstoffe geht es denn dabei genau?

Um

Gold und vor allem um Uran fuer die franzoesischen Atomkraftwerke!

Franzosen wollen keinen langen Krieg in Mali

Die Amerikaner wollten auch keinen langen in Afganistan

Die...

wollten auch nicht Verlieren in Vietnam! Doch Wollen und
Koennen sind eben himmelweite Unterschiede! Und Frankreich sollte aufpassen, das es ihnen nicht wie in Algerien geht!

interessant ists schon:

die, die in Libyen oder Syrien willkommen sind/waren, sind es in Mali nicht.
Genau die selben Figuren sind einmal die Guten, die man gegen böse Regime unterstützen muss, das andere Mal die Bösen, die man bekämpfen muss.
Wenn Assad oder einst Gadaffi Islamisten und Dschihadisten oder Extremisten bekämpft, dann ist das böse und ein Verbrechen: wenn aber Frankreich die selben Leute in einem fremden Land bekämpft, dann ist das gut.
Vielleicht hätte man die Verbrecher in Syrien und Libyen nicht unterstützen sollen, was aber schwer ist, weil die auch vom guten Saudi Arabien gefördert werden. Aber die Moral ist halt eine H... der Zeit...
Widerlich.

Die Tuaregs sind Söldner von Gaddafi gewesen.

Wissens das nicht?

Wo...

haben sie denn diesen Schmarrn her?

Das kommt nur einmal und nie wieder vor, aber ich verlinke nun zu einer Webseite, die sie schon mindestens 100 x als absolut zuverlässig bezeichnet haben.

http://julius-hensel.com/2012/02/m... hr-gebiet/

... eine Übersetzung aus der Pravda. LOL

na ja in Syrien sind "dieselben Figuren" beteiligt, aber sie sind nicht "DIE Rebellen", sondern nur eine - allerdings schlagkräftige und destruktive - Minderheit unter den Aufständischen.

In Mali ist die Situation schon anders.

und woher wollen Sie wissen,welchen Anteil die Dschihadisten

in Mali am Aufstand der Tuaregs gegen die Zentralregierung haben ?

Eine...

Minderheit waren sie vielleicht vor 1,5 Jahren. Das hat sich aber nun gewaltig geaendert! Wenn schon die Al-Nusra Front, nur eine von mehreren Al-Khaida Gruppen in Syrien, 5000-7000 Kaempfer hat, dann kommt man sehr schnell auf weit ueber 10000! Und da diese Terroristen, laut Aussage der FSA, auch noch die ""Erfolgreichsten Gruppen"" der FSA sind, ist es klar, wohin Syrien im Falle eines Sieges dieser Terroristen treiben wuerde. In einen 2. Talaiban Staat!!

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