Die steirischen Slowenen sind die einzige Minderheit, die im Staatsvertrag erwähnt wurde, aber noch immer keine zweisprachige Ortstafel bekommen hat
Wolfgang Gombocz begrüßt sein Gegenüber auf Slowenisch mit "Dobro jutro", obwohl
seine Muttersprache Deutsch ist. An seinen Pullover hat sich der
graubärtige Philosophieprofessor einen roten Ansteckbutton geheftet; "Träumer" steht darauf. Der gebürtige Südsteirer wünscht sich, zweisprachig zu sein, aber die
slowenische Sprache beherrscht der 65-Jährige nur so gut wie ein Kind. "Meine erste Sprache ist leider Deutsch", sagt Gombocz. Sein Vater war Slowene, seine Mutter hatte slowenische Wurzeln, Gombocz selbst wuchs aber hauptsächlich deutschsprachig auf, denn Slowenisch sprach man daheim nur selten. Der Philosophieprofessor fühlt sich jener Minderheit zugehörig, die Österreich
über all die Jahre vergessen hat: der steirischen Slowenen.
Die Burgenlandkroaten bekamen ihre zweisprachigen
Schilder im Sommer 2000, die Kärntner Ortstafelfrage wurde am vergangenen Dienstag gelöst. Seit dieser Woche sind die steirischen Slowenen somit die einzige Minderheit, die bislang noch nicht zu ihrem Recht gekommen ist, obwohl sie ausdrücklich im Staatsvertrag erwähnt wurde.
Kleinste "Staatsvertragsminderheit"
Im Artikel VII des Staatsvertrags heißt es: "Österreichische
Staatsangehörige der slowenischen und kroatischen Minderheiten in
Kärnten,
Burgenland und Steiermark genießen dieselben Rechte auf Grund gleicher
Bedingungen
wie alle anderen österreichischen Staatsangehörigen." Konkret bedeutet das: das Recht auf
Elementarunterricht in der eigenen Sprache, eigene Mittelschulen, die
eigene Sprache als zusätzliche
Amtssprache und
zweisprachige topographische Aufschriften (Ortstafeln).
Bei der Volkszählung 2001 gaben 2195 Steirer
Slowenisch
als ihre Umgangssprache an, 452 davon kamen aus den Grenzbezirken, in
denen sich die drei Siedlungsgebiete der Minderheit befinden:
Radkersburg-Umgebung, Leutschach, Soboth. Die steirischen Slowenen sind die kleinste der drei "Staatsvertragsminderheiten".
Briefbombe von Franz Fuchs
Seit den 80er-Jahren hat Gombocz für die Rechte der Minderheit
gekämpft. 1993 schickte Franz Fuchs dem streitlustigen Professor eine
Briefbombe. Über viele
Jahre saß Gombocz größter Gegner aber nicht in Gralla, wo das Bombenhirn
wohnte, sondern im Grazer Landhaus, wo die steirischen Landespolitiker
tagen. Jahrzehntelang schwiegen die Mandatare die Minderheit tot und
sprachen ihr alle Rechte ab.
Die Geschichte der steirischen Slowenen ist
eine Geschichte über David gegen Goliath, in der David verliert. Im Steirerland gibt es bis heute weder Ortstafel, noch slowenischsprachige Mittelschule, noch ein zweisprachiges Amt. Bis zum Jahr 2001 hatte die Steirische Landesregierung ihre
"Staatsvertragsminderheit" nicht einmal anerkannt. Dass die VP-Regierung
unter Frau Landeshauptmann Waltraud Klasnic die Existenz der Minderheit
nach 45 Jahren Ignoranz schließlich doch akzeptierte, wird
unter den Funktionären des Artikel-VII-Kulturvereins - der einzigen
Organisation der steirischen Slowenen - als bisher größter Erfolg
gefeiert.
"Wenn du nicht brav bist, kommen die Partisanen"
In den Jahren vor der Anerkennung war die Stimmung an der steirisch-slowenischen Grenze frostig; zwei Weltkriege hatten tiefe Spuren in der Grenzregion
hinterlassen. "Österreicher darf nur der sein, der Deutsch spricht", lautete das ungeschriebene Gesetz. "Meine Großmutter hat gesagt: 'Wenn du nicht brav bist, kommen die Partisanen und bringen dich über die Grenze", erzählt Michael Petrowitsch, Mitglied im Artikel-VII-Kulturverein.
Wer Slowenisch sprach, galt im besten Fall als "Jugo", im schlimmsten Fall als feindlicher Partisan. Viele schämten sich für ihre eigene Sprache - und taten alles, um nicht als Slowene abgestempelt zu werden. Eine große Reportage im Monatsmagazin Datum beschreibt, warum viele slowenischsprachige Steirer ihre Herkunft noch bis heute verleugnen.
Privatinitiative gegen Schamgefühl
1988 wollte eine kleine Gruppe von steirischen Slowenen dieses Sich-selbst-Verschweigen ändern. Als sie den Artikel-VII-Verein in einem Gasthaus an der Grenze gründen wollte und der Wirt von den Absichten seiner Gäste erfuhr, wurden sie ausgeladen. "Deshalb haben wir den Verein in Graz gegründet", sagt der Grazer Professor Gombocz, damals eines der Gründungsmitglieder.
"Der Artikel-VII-Kulturverein ist in Wahrheit eine Identitätsfindungsgeschichte", sagt Michael Petrowitsch, der slowenische Wurzeln hat, aber die slowenische Sprache erst an der Grazer Universität erlernte. Über den Verein meint er: "Wir versuchen als Privatinitiative das Schamgefühl der steirischen Slowenen aufzuweichen." Seit Slowenien zur EU gehört, hat sich vieles zum Positiven verändert; an der Grenze weht heute ein freundlicherer Wind. Mittlerweile ist der Kulturverein mit seinem Veranstaltungszentrum - dem Pavelhaus im südsteirischen Laafeld - auch im rauen Grenzland etabliert.
Vielfalt statt Volksgruppe
Seit der Anerkennung der steirischen Minderheit bekommt der Verein nicht nur Geld aus Slowenien, sondern auch aus Wien und Graz. Damit wurde auch die Geschichte des österreichisch-slowenisch-ungarischen Grenzraumes aufgearbeitet, die im Pavelhaus in einer Dauerausstellung zu sehen ist. Sie handelt von fruchtbarer Vielfalt und
wüster Ausgrenzung; von Minderheiten der Deutschen, Juden, Roma, Slowenen und Ungarn. "Ich will ein Bekenntnis zu dem seit dem 6. Jahrhundert gewachsenen Substrat", richtet Petrowitsch dem steirischen Landtag aus. "Das fehlt mir."
Seine Forderungen an die Politik sind milde. Er verlangt gar keine zweisprachigen Ortstafeln, slowenischsprachige Zusatzschilder würden ihm genügen. Die wären schon alleine aus touristischen Gründen vorteilhaft, sagt
Petrowitsch. "Und irgendwann möchte ich auch einen zweisprachigen Kindergarten im Grenzbereich sehen." Es gehe ihm nicht um die Volksgruppe, sondern um kulturelle Vielfalt, in der jeder sein könne, wie er ist. "Volksgruppe ist ein Begriff des 19. Jahrhunderts, von dem man Abstand nehmen sollte. Dieser Wir-sind-Wir-Gedanke ist mir schon immer auf den Keks gegangen." (Benedikt Narodoslawsky, derStandard.at, 29.4.2011)