Mehr Arztbesuche: Gesundheitsreform wird schwieriger

8. April 2008, 14:38
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Die Krankenkassen beobachten auffällige Steigerungen: Mehr Arztbesuche, mehr Folgebesuche beim Arzt und mehr Medikamente

Die Krankenkassen haben ein akutes Mengenproblem, das ihnen zu schaffen macht: Mehr Arztbesuche, mehr verordnete Folgebesuche beim Arzt und immer mehr Medikamente kosten immer mehr Geld

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Wien - "Effizienzsteigerung" ist dieser Tage der am häufigsten verordnete Therapievorschlag für das finanzmarode Gesundheitssystem. Erst wenn alle Effizienzpotenziale, quasi die Selbstheilungskräfte des Systems, ausgeschöpft sind, gibt es frisches Geld aus einer neu zu erfindenden Vermögenszuwachssteuer - für die es aus Sicht von Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (ÖVP) aber "derzeit keine unmittelbare Notwendigkeit" gibt, wie sie am Donnerstag bekräftigte. Auch eine Erhöhung der Versicherungsbeiträge schloss sie aus, nicht aber höhere Selbstbehalte.

SPÖ-Gesundheitssprecherin Sabine Oberhauser hofft ebenfalls auf Einsparungspotenziale, sieht aber "akuten Finanzbedarf" der Kassen, der bis Jahresende in eine strukturelle Reform gegossen werden müsse.

Wie und wo man Effizienzpotenziale zu holen hofft, darüber will der Hauptverband der Sozialversicherungsträger in einem gerade "intensiv erarbeiteten" Konzept übernächste Woche konkrete Angaben machen. Im Gespräch mit dem Standard deutet Erich Laminger, Vorstandsvorsitzender des Hauptverbands, ein paar Problemzonen im Gesundheitssystem an, derer man sich besonders widmen will. Da ist vor allem das "Mengenproblem" - ein "grundsätzliches Problem, das uns 2007 gewaltig erwischt hat. Eigentlich in allen Bereichen. Die Arztfrequenz, die Folgebesuche und die Medikamentenkosten sind in einem Ausmaß gestiegen, das nicht normal erklärbar ist".

"Nicht normal" heißt, dass allfällige Grippe-Epidemien oder sonstige medizinische Ausnahmefälle bereits herausgerechnet seien, und trotzdem bleibe eine deutliche Zunahme, die natürlich entsprechend Geld kostet.

Facharzt für Schnupfen

Konkret ist die Zahl der "Erstkontakte", also wenn Patienten von sich aus in die Ordination gehen, von 2006 auf 2007 um 3,5 Prozent angestiegen. Laminger: "Die Menschen gehen ganz einfach öfter zum Arzt."

Die Zahl der "Folgebesuche", der Wiederbestellungen durch Arzt oder Ärztin, ist binnen eines Jahres um sieben Prozent gestiegen. "Dieser generelle Grundtrend wirft Fragen auf, wo wir in die Tiefe gehen müssen", sagt Laminger und meint nicht nur mögliche "regionale Krankheitshäufungen", sondern auch "tarifliche Gegebenheiten". Will heißen, mögliche unerwünschte Nebenwirkungen in Form vermehrter Vorladungen, die wieder zu honorieren sind.

Phänomen eins, die Steigerung der Patienten-Erstkontakte, will Laminger nicht wie in Deutschland mit einer Ordinationsgebühr regulieren: "Als Sozialversicherung wollen wir nicht, dass medizinische Versorgung vom Einkommen abhängig ist". Sehr wohl aber sei überlegenswert, den "sehr mechanistischen Zugang zum Thema Gesundheit - ich geh zum Arzt, der repariert mich und gibt mir ein Medikament - durch Bewusstseinsänderung und Bewusstmachung der Mitverantwortung für das System zu ändern. Mit einem gemeinen Schnupfen muss man nicht gleich zum HNO-Facharzt." Für solche "Selbstdiagnosen" von Patienten, die sich gleich "heavy duty" verschreiben, also Hochleistungsmedizin, könnte man, so Laminger, "eventuell finanzielle Anreize schaffen".

Phänomen zwei, die deutlich häufiger verordneten Folgebesuche, will Laminger "mit den Ärzten" angehen und "nachdenken, ob man mit einem intelligenteren Honorarsystem eingreifen kann, etwa indem man ein Abweichen vom Idealpfad mit Gebühren vorsieht oder Folgebesuche weniger hoch dotiert als jetzt".

Wildwuchs bei Honoraren

Der Wildwuchs bei den Ärztehonoraren - je nach Kasse verschieden - ist ein Übel, das der Hauptverband "verstärkt angehen" will. Es sei nicht begründbar, warum eine Augendruckmessung in Wien den dreifachen Tarifwert wie in Oberösterreich hat. "Da gehört gegengesteuert." Vorschläge wie diese bringen die Ärztevertreter in Rage. Eine "Entrechtung und Entmachtung" befürchtet Ärztekammer-Präsident Walter Dorner angesichts einer mögliche Neuregelung der Kassenverträge. Im niedergelassenen Bereich sei "nichts mehr drinnen", ist die Ärztekammer überzeugt, mit dieser Debatte würde man nur "Ärzte und Versicherte quälen". Zur Sanierung der Kassen fordern die Ärzte mehr Geld vom Staat, etwa vollen Mehrwertsteuerausgleich auf Medikamente.

Zu viele Medikamente

Der Medikamentenbereich ist das zweite, altbekannte "Mengenproblem", das den Hauptverband quält. Die Kostensteigerung um 8,2 Prozent (plus 230 Millionen Euro) sei zu zwei Drittel Mengen-verursacht. Außerdem gebe es Bereiche, die "Protonenpumpenhemmer" etwa, ein Magenschutz, "wo die Menge eindeutig zu viel ist", sagt Erich Laminger.

Und die Finanzierung des Gesundheitssystems müsse endlich "aus einer Hand" - statt von Sozialversicherung und spitalszuständigen Ländern und Gemeinden - erfolgen, teilt der Hauptverbandsvorstand Ministerin Kdolskys Sicht. Laminger: "Das Hin- und Hergeschiebe kostet auch Geld. Finanzierung aus einer Hand wäre die Voraussetzung für eine echte integrierte Sicht im Gesundheitswesen. Dann sind wir auf weitere Sicht in der Lage, das Potenzial an Effizienzsteigerung zu heben und mit den 10,1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt auch auszukommen". (von Andrea Heigl und Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 28.3.2008)

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    Mehr Arztbesuche, mehr verordnete Folgebesuche beim Arzt und immer mehr Medikamente kosten immer mehr Geld.

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