Erste Kassenfusion kostet allein heuer 10,5 Millionen Euro

    31. Jänner 2019, 14:00
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    Selbstständige und Bauern gehen zusammen, Berater ist der frühere Arbeitgeber des jetzigen SVA-Generaldirektors, der auch am Fusionsgesetz mitgewirkt hat

    Wien – Die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) hat es eilig. Bereits am 13. Dezember, also am gleichen Tag, an dem ÖVP und FPÖ im Nationalrat die Reform der Sozialversicherung beschlossen, beriet der Vorstand der SVA darüber, wie er die vom Gesetzgeber gewünschte Fusion mit der Sozialversicherungsanstalt der Bauern (SVB) am besten über die Bühne bringen könnte.

    Schnell war man einig: Alleine ist das Projekt nicht zu schaffen. Man möchte externe Hilfe in Anspruch nehmen. Dafür wurde ein Rahmen von rund 10,5 Millionen Euro veranschlagt – nur für das erste Jahr. 70 Prozent zahlt die SVA, 30 Prozent die SVB. Weitere Folgekosten sind absehbar. Die SVA rechnet damit, dass fünf bis sieben Jahre bis zur "vollständigen Integration" vergehen werden.

    Auftrag für Ex-Kollegen

    Zum Zug kommen soll vor allem das Beratungsunternehmen Accenture. Für den Generaldirektor der SVA, Hans Aubauer, ist das Unternehmen kein unbekanntes. Bis Ende 2014 war er Geschäftsführer der Tochtergesellschaften Accenture GmbH und Accenture Technology Solutions GmbH. In seiner aktuellen Funktion ist er also dafür mitverantwortlich, dass seine früheren Kollegen einen Großauftrag an Land ziehen konnten.

    Es ist nicht der erste dieser Kategorie. Accenture wurde von der SVA bereits im Jahr 2015 eingeschaltet. Im Oktober des Jahres segnete der SVA-Vorstand – damals war noch Christoph Leitl Obmann – die sogenannte Strategie "SVA 2020" ab. Ziel war es unter anderem, das Service für die Versicherten auszubauen, die Effizienz durch ein "modernes Organisationskonzept" zu erhöhen und eine "Digitalisierungsoffensive" zu starten.

    32 Millionen Euro schon überwiesen

    Dafür veranschlagte man jährliche Investitionen in Höhe von "etwa zehn bis 15 Millionen Euro per anno, verteilt über fünf Jahre". Dass dafür auch auf externe Dienstleister beziehungsweise konkret Accenture zurückgegriffen werden sollte, war dem ersten Vorstandsbeschluss im Oktober 2015 noch nicht zu entnehmen. Es sei aber niemand getäuscht worden, versicherte die SVA in einem STANDARD-Bericht im Jahr 2017. Alle Vorstandsmitglieder seien laufend informiert worden.

    Mittlerweile hat die SVA für die Jahre 2015 bis 2018 mehr als 32 Millionen Euro an Accenture überwiesen. Das geht aus Abrechnungen, die dem STANDARD vorliegen, hervor. SV-intern sorgt die Höhe durchaus für Diskussionen. So hat die Firma etwa für die Ablöse des Datenbanksystems Lotus Notes rund 5,7 Millionen Euro über drei Jahre in Rechnung gestellt. Die Beitragsapplikation "SVA Cockpit" kostete bisher fast sechs Millionen Euro.

    foto: getty
    SVA oder SVB? Für einen Bauern, der Zimmer vermietet, stellt sich diese Frage künftig nicht mehr.

    Mehrere Anläufe gescheitert

    Bis zum Ende des Projekts "SVA 2020" werden, wie erwähnt, noch weitere zehn bis 15 Millionen pro Jahr dazukommen. Und zusätzlich darf sich Accenture jetzt noch um die Fusion mit den Bauern kümmern. Die SVB hat rund 270.000 Versicherte, die SVA knapp 850.000. In der Vergangenheit haben die beiden Anstalten bereits immer wieder über eine Zusammenlegung verhandelt, konnten sich aber letztlich nie einigen. Nun hat Türkis-Blau per Gesetz Fakten geschaffen.

    Politisch ist diese Zusammenlegung nicht ganz so heikel wie jene der neun Gebietskrankenkassen, durch die die roten Funktionäre entmachtet werden. Sowohl die SVA als auch die SVB waren bereits bisher in ÖVP-Hand. SVA-Generaldirektor Aubauer gilt zudem als Befürworter von Fusionen. Er war auf ÖVP-Seite auch in die Verhandlungen mit der FPÖ über die SV-Reform eingebunden. Hat also an jenem Gesetz mitgearbeitet, das er nun umzusetzen hat.

    Wie aus gut informierten Kreisen zu hören ist, hat er sich in diesem Rahmen auch dafür eingesetzt, der SVA gleich die IT-Agenden der gesamten Sozialversicherung zu übertragen, was womöglich weitere Aufträge an externe Berater zur Folge gehabt hätte. Damit konnte er sich letztlich aber nicht durchsetzen.

    "Sondersituation"

    Die SVA sieht in den anfallenden Kosten jedenfalls nichts Verwerfliches. Die Fusion sei eine "Sondersituation, die Zusatzmaßnahmen und -ressourcen erfordert", erklärt eine Sprecherin. Bei einer derartigen Größenordnung – das Gesamtbudget liegt bei acht Milliarden Euro – sei es "unvermeidbar", externe Berater an Bord zu holen. Sie betont auch, dass man nicht nur von Accenture, sondern auch von anderen "spezialisierten Beratungsunternehmen" Unterstützung bekomme. Langfristig würden sich durch den Prozess jedenfalls Einsparungen ergeben.

    Ob man nicht im Rahmen des bestehenden Vertrags mit Accenture umschichten hätte können? Das wäre mit "Nachteilen für unsere Kunden verbunden gewesen", weil man die Strategie 2020 hätte stoppen müssen, verneint die Sprecherin.

    Schiefe Optik?

    In der Tatsache, dass Aubauer früher für Accenture gearbeitet hat, sieht die SVA keine schiefe Optik. Der Generaldirektor habe deren Beauftragung nicht alleine entschieden. Die Vorstände beider Träger hätten sich dafür entschieden. Einstimmig.

    Es werden jedenfalls nicht die letzten Beraterkosten gewesen sein, die anfallen. Die Zusammenlegung der Gebietskrankenkassen beginnt erst im April. Auf wessen Hilfe dafür zurückgegriffen wird, ist noch offen. SV-Experten hatten bereits vor dem Gesetzesbeschluss gewarnt, dass am Anfang massive Mehrkosten anfallen könnten. (Günther Oswald, 31.1.2019)

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