Rundschau: Im Kosmos der Kondomnauten

    Ansichtssache22. Dezember 2018, 10:00
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    Die letzte Ladung Science Fiction und Fantasy für 2018: Mit Büchern von Dennis E. Taylor, Paolo Bacigalupi, Patrick Ness und George R. R. Martin

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    foto: heyne

    Pierre Bordage: "Arkane"

    Broschiert, 608 Seiten, € 17,50, Heyne 2018 (Original: "Arkane: La Désolation", 2017)

    Killersätze wie "Einzig seine Gabe und sein Wissen können Arkane noch retten" im Klappentext sind für mich normalerweise ein hundertprozentiger Ausschlussgrund, ein Buch zu lesen. Das Fantasy-Ultraklischee von der einen auserwählten Person, an der das Heil der Welt hängt, ist derart bis auf den Knochen abgelutscht, dass ich es wirklich nicht mehr ertragen kann. Allein der Umstand, dass der Franzose Pierre Bordage mit "Die Krieger der Stille" und "Die Sphären" schon einige wirklich originelle SF-Romane abgeliefert hat, hat mich eine Ausnahme machen lassen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. So richtig gesund hat sie nach der Lektüre aber nicht mehr ausgesehen.

    Das Szenario

    Vor langer Zeit wurde die an einem Fluss gelegene Stadt Arkane durch eine Flut verwüstet. Nur sieben Familien wurden von ebensovielen Flussgöttinnen gerettet – die stellen im Arkane der Romangegenwart nun die Adelshäuser, jedes davon nach einem der mythologischen Tiere benannt, die die Göttinnen einst als Retter entsandt haben sollen. Zugleich ist Arkane streng hierarchisch in die Höheren und Niederen Ebenen unterteilt, in denen Adel und Anhang respektive der Pöbel leben. Wie die Stadt dies architektonisch widerspiegelt und wie sie nun tatsächlich aussieht, erschließt sich einem erst im Lauf der Lektüre.

    Diese Faktoren ergeben ein reißbrett- oder auch spielbrettartiges Grundszenario von hoher Symmetrie. Die wird allerdings gestört, als sich sechs der Adelshäuser gegen das (natürlich positiv gezeichnete) Haus des Drachen verschwören und dessen Mitglieder abschlachten. Der Verlust des jahrtausendealten Gleichgewichts ist die erste Stufe einer Verschwörung durch dunkle Kräfte, die vermutlich von außerhalb Arkanes kommen. Weitere Eskalation ist absehbar – und am Ende droht der Untergang der Stadt, wie es allerlei düstere Prophezeiungen bereits vor sich hinmunkeln.

    Im Zentrum des Geschehens

    Die junge Oziel du Drac ist die einzige, die das Massaker am Haus des Drachen überlebt hat. Nur in den Tiefen unter der Stadt soll noch einer ihrer Brüder in der Verbannung leben. Oziel schwört sich, ihn zu finden und Rache an den Mördern zu nehmen. Dieses Vorhaben wird ihr allerdings Ungeahntes abverlangen – unter anderem muss sie sich zwecks Tarnung mit einer entstellenden Krankheit infizieren lassen, das ist mal ein neuer Einfall.

    Fernab von Arkane sieht derweil der Teenager Renn einer ganz anderen Queste entgegen. Er ist ein Bauernbub, den seine Eltern als Lehrling bei einem Magier abgeladen haben, weil sie ihn als unnützen Fresser betrachten. Doch just an dem Tag, an dem Renn bemerkt, dass er tatsächlich über eine Gabe verfügt, muss er seine Lehrstelle verlassen: Orik, ein alter Haudegen aus einem benachbarten Königreich, das von Invasoren überrannt wurde, schnappt ihn sich als landeskundigen Guide. Gemeinsam wollen sie sich nach Arkane durchschlagen, um die Stadt vor den Invasoren zu warnen.

    Oziel und Renn sind zwei jugendliche Fantasyhelden klassischen Typs. Dazu kommen aber noch andere (ebenfalls junge) Protagonisten, die sich nicht ganz so leicht einordnen lassen. So erhält Oziel Unterstützung von Arjo, obwohl der dem Bund der Verwüstung angehört, der doch eigentlich an der Verschwörung in Arkane entscheidend mitbeteiligt ist. Kann man ihm trauen? Noch wesentlich ambivalenter kommt Noy aus dem Haus des Corridan daher. Er schwärmt für Oziel und gerät in Konflikt mit den Machenschaften seiner Familie – strahlender Held ist er allerdings keiner, schon eher ein Fall für #metoo: Dass er in eine Sexfalle tappt, nachdem er reihenweise Dienerinnen missbraucht hat, wirkt nur gerecht – die Zukunft wird zeigen, wohin es mit dieser ungewöhnlichen Figur geht.

    Die Machart

    Gleich auf den ersten Seiten bringt Pierre Bordage so ganz nebenher einige Infos unter, bei denen (US-)Leser, die nicht gerne aus ihrer Komfort-Blase geholt werden, mit Sicherheit sofort nach "Trigger-Warnungen" schreien würden. So erfahren wir etwa, dass den Angehörigen der Adelshäuser im zarten Kindesalter Brandzeichen auf die Geschlechtsteile gedrückt werden. Oder dass Oziel mit einem ihrer Brüder in einem inzestuösen Verhältnis lebte, bei dem sie nur den allerletzten Schritt noch nicht vollzogen hatten. Und das alles, während Oziel durch die Leichenberge ihrer Angehörigen stolpert. Heftige Ladung!

    Andererseits kennen wir derartige Drastik schon. Es gibt sie in der Fantasy seit vielen Jahren, und mit George R. R. Martin ist der ungeschönte Blick auch im Mainstream angekommen. Nicht, dass "Arkane" schlecht wäre, keineswegs – es bietet nur einfach nichts Neues. In Kontrast zur Originalität von Bordages SF-Werken hat man es hier eher mit Sollerfüllung in Sachen Fantasy-Epos zu tun. Wozu auch gehört, dass läppische 600 Seiten selbstverständlich nicht ausreichen, um es zu erzählen. Nach allerlei Mikro-Abenteuern reißt "Arkane" einfach mittendrin ab; die letzten Seiten sind nicht einmal ansatzweise als Abschlussteil gestaltet. Teil 2 ("La Résurrection") ist übrigens erst vor einem Monat auf Französisch erschienen.

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