Flüchtlingsdebatte: "Empathie entsteht nicht im Vakuum"

Interview16. Juli 2018, 08:54
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Mitgefühl besitzt jeder Mensch. Die Frage sei, wie viel man davon zulässt, sagt Empathieforscher Claus Lamm

STANDARD: Warum haben wir mit Kindern, die in einer Höhle in Thailand gefangen sind, mitgezittert, und gleichzeitig bleibt es merkwürdig still, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken?

Lamm: Studien zeigen, dass wir für eine abstrakte Masse weniger Empathie empfinden können als für konkrete Personen. Das zeigt sich dann deutlich, wenn diese Masse auch ein Gesicht bekommt: Denken Sie an die Reaktionen, als die Bilder aus dem Jahr 2015 von einem ertrunkenen syrischen Buben, der tot an einen Strand gespült worden war, aufgetaucht sind.

STANDARD: Es braucht also das konkrete Schicksal?

Lamm: Je konkreter es wird, desto stärker reagiert man emotional. Empathie entsteht auch nicht in einem Vakuum, sondern im gesellschaftlichen Umfeld. So traurig es ist, mittlerweile ist es "leichter", für eine eingeschlossene Fußballgruppe in Thailand Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen. Wer die weniger opportune Message vermittelt, er sorge sich um Flüchtlinge, wird selbst im eigenen sozialen Umfeld wohl nicht nur Zustimmung bekommen.

STANDARD: Und die Kinder kommen auch nicht nach Europa.

Lamm: Ja, die bleiben in Thailand, und es war ein klar umgrenztes Problem – in diesem Fall sogar mit einem positiven Ende. Die Flüchtlings-, Migrationsfrage wird uns hingegen noch auf Jahre hinaus beschäftigen. Und sie hat immer auch eine bedrohliche Komponente: Die kommen dann zu uns!

STANDARD: "Ankerzentrum" oder "Anlandeplattformen" – solche Worte schaffen keine Empathie.

Lamm: Ja, das ist eigentlich perfide. Das ist die Strategie der Mächtigen, mit Sprache Realitäten zu schaffen. Solche Sprachformen sorgen für eine technokratische Argumentation, in der Gefühle nicht mehr entstehen sollen. Sage ich wie Innenminister Herbert Kickl, dass ich Flüchtlinge konzentrieren will, ist das etwas ganz anderes. Da ist sofort eine Assoziation da, die zum Emotionalen führt. Das gilt auch, wenn Kriegsflüchtlinge auf einmal nur noch als Migranten oder sogar als Wirtschaftsmigranten bezeichnet werden ...

STANDARD: ... oder "Menschenfleisch", wie es der italienische Innenminister Matteo Salvini nennt, oder "Höhlen- und Erdmenschen", wie ein FPÖler sagte?

Lamm: Das geht natürlich total ins Emotionale. Wir behandeln ja diese Menschen so, als ob sie Nummern oder "abstrakte Elemente" sind – fast wie in einer Fabrik, in der man die Ware trennt. Die Art und Weise, wie derzeit der Dialog öffentlich geführt wird, hat also ganz starke Dehumanisierungstendenzen.

STANDARD: Wird dieser Effekt durch eine Festung Europa verstärkt?

Lamm: Es drückt das weg, aber das Problem bleibt bestehen. Übertragen auf Emotionen heißt das: Eine Emotion, die von einem Menschen unterdrückt wird, ist nicht weg. Die arbeitet irgendwo weiter und bricht woanders auf. Im Grunde gilt das auch hier.

STANDARD: All die Debatten über die Flüchtlingsfrage: Stehen wir hier am Ende der Empathie?

Lamm: Nein, Empathie gibt es immer. Die Frage ist, wie viel man davon zulässt oder vielleicht auch aushält. Letztlich sind Regelwerke wie die Genfer Flüchtlingskonvention eingerichtet worden, damit Einzelne Mitgefühl nicht so einfach aushebeln können. Es ist in Gesetzesmaterie gegossene Empathie. Das ist schon eine Kulturleistung der Menschheit. Umso bedauerlicher sind Entwicklungen, diese Normen aufzuweichen, nennen wir die USA, Ungarn, aber auch Österreich.

STANDARD: Können wir Menschen Empathie einfach "abschalten"?

Lamm: Der Mensch braucht eine Form der Emotionskontrolle. Es ist prinzipiell positiv, dass wir unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert sind. Bilder von den Flüchtlingsbooten lösen aber nicht nur Empathie aus, sie bedeuten auch massiven Stress. Und das kann dazu führen, dass ich abschalte – auch im wahrsten Sinne des Wortes: Ich schalte bei derartigen Berichten im Fernsehen weg, lese das nicht mehr in den Zeitungen. Daher ist diese Kontrollfähigkeit wichtig, da ich dann in der Lage bin, auch mit negativen Emotionen umzugehen. Sie kann aber natürlich auch dazu führen, dass ich mich zu sehr "in meine Welt" zurückziehe.

STANDARD: Kommen wir als empathische Wesen auf die Welt?

Lamm: Wir besitzen die Fähigkeit, prinzipiell Empathie für andere zu empfinden. Das muss dann trainiert werden. Da sind die Eltern gefragt, aber auch das gesellschaftliche Umfeld. Dort, wo Empathie nicht als wünschenswert erachtet oder nur auf die Unsrigen eingeschränkt wird, wird das breite Mitgefühl für andere Kulturen, andere Personen gering ausfallen. Entscheidend ist nicht nur das Gefühl, die Frage ist auch, wie es mein Verhalten verändert. Emotionen haben eine Hauptfunktion: uns zu einem Verhalten zu motivieren, zum Handeln zu bewegen.

STANDARD: Wie lernt man Empathie?

Lamm: Hier ist zentral, was die Eltern und das sonstige soziale Umfeld vorleben. Interessant ist dabei, dass nicht die Kinder die empathischsten sind, die empathische Eltern haben. Es sind die Kinder, deren Eltern gut in der Fähigkeit der Emotionskontrolle sind – die also gut in der Lage sind, die eigenen Emotionen positiv zu nutzen. Empathie auf der Ebene des Gehirns bedeutet, die Emotion eines anderen so zu empfinden wie die eigene. Sehe ich jemanden, der Schmerz empfindet, dann aktiviere ich im Hirn diese Bereiche. Dieser Mechanismus könnte erklären, warum Empathie zu Altruismus, zum Helfen führt.

STANDARD: Und den kann man offenbar wieder verlieren.

Lamm: Es gibt in jeder Gesellschaft empathische und weniger empathische Personen. Empathie ist auch nicht für alle gleich. Ich kann hochempathisch sein für meine Familie, für mein Umfeld – und doch gegen Flüchtlinge sein. Empathie ist nicht das einzige Kriterium, sondern auch die moralischen, ethischen Werte, dass alle Menschen gleiche Rechte haben, dass Menschen in Not geholfen wird. Dieser Wertekanon fördert Empathie. Lebe ich nach der Überzeugung, dass alle Menschen gleich behandelt werden sollen, dann kann ich leichter Empathie für einen Flüchtling aufbringen. Dann geht es weniger um Empathie, sondern um gute Lösungen. Was macht man mit einem Wirtschaftsmigranten, der kein Asyl bekommt? Er braucht ein faires, schnelles Verfahren und auch die Möglichkeit, zurückkehren zu können. Jetzt werden alle als Wirtschaftsmigranten dargestellt, die zurückgehören.

STANDARD: Aber das zieht.

Lamm: Das zieht, weil es auch auf ein ganz anderes Motiv abzielt: Wir leben in unserer westlichen Welt sehr privilegiert. Und der Mensch hat so etwas wie eine Verlustaversion in sich. Das bedeutet: Wir wollen nicht nur, dass alles besser wird, wir wollen viel mehr noch, dass nichts schlechter wird. Dieses Bedrohungsszenario, das derzeit ständig an die Wand gemalt wird, zieht mittlerweile ja auch schon bei den humanistischsten Menschen. Es braucht schon Lösungen – die müssen aber unseren Werten entsprechen. Es darf eben nicht egal sein, in welchen Lagern Menschen landen, was mit ihnen passiert – nach dem Motto: Hauptsache, wir haben kein Problem! (Peter Mayr, 16. 7. 2018)

Claus Lamm, geboren 1973 in Lustenau, ist Professor für Biologische Psychologie an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkt sind das menschliche Sozialverhalten, Empathie und Mitgefühl.

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    foto: privat

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