Generationenvertrag wird brüchig, wenn nicht in Kinder investiert wird

    13. Juli 2018, 11:04
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    Eine vom Wiener Demografen Bernhard Hammer geleitete Studie kommt zu dem Schluss, dass das Niveau der Alterssicherung kaum zu halten sein wird

    Wien – Der Generationenvertrag mit seinen Transferleistungen zwischen Jung und Alt ist künftig nicht mehr finanzierbar. Zu diesem Schluss kommen Demografen der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einer Vergleichsstudie mit 16 europäischen Staaten, darunter Österreich. Überall waren die Investitionen in Kinder zu gering, um die derzeitigen Transfers zur älteren Bevölkerung künftig aufrechtzuerhalten.

    Transfers sind demnach die Übertragung von Geld, Gütern oder Dienstleistungen ohne direkte Gegenleistung. Kinder erhalten sie von ihren Eltern aus gekauften oder im Haushalt produzierten Gütern und Dienstleistungen, also im Regelfall unbezahlter Arbeit. Die ältere Bevölkerung wiederum finanziert einen großen Teil ihres Konsums durch staatliche Transfers, vor allem Pensionen, Gesundheits- und Pflegeleistungen.

    Ressourcen für die nächste Generation

    Damit eine Generation im Alter diese Leistungen beziehen kann, muss sie aber zunächst in Kinder und damit künftige Beitragszahler investieren, darauf beruht der sogenannte "Generationenvertrag". Der Deal dabei: Eltern stellen den Kindern Ressourcen zur Verfügung, bis diese selbst Nettobeiträge leisten. Die Kindergeneration wiederum bezahlt einen Teil ihres Einkommens an das staatliche Transfersystem, um der Elterngeneration den Ruhestand zu finanzieren.

    Für ihre im Fachjournal "Intergenerational Justice Review" publizierte Studie untersuchten der Demograf Bernhard Hammer und sein Team nun anhand von Daten aus den Europäischen Nationalen Transferkonten, ob in den einzelnen Ländern die Transfers zu den Kindern und Jugendlichen ausreichen, um jene zur älteren Generation auch in Zukunft zu finanzieren.

    Derzeit hohe Transferleistungen im Alter

    Dazu wurden die Nettotransfers in jeder Lebensphase über alle dazugehörigen Altersgruppen addiert. Im Durchschnitt der 16 untersuchten europäischen Länder entsprachen dabei die in der Kindheit erhaltenen Transfers rund 16 Jahresarbeitseinkommen (Vollzeit). Jene Transfers, die über das Erwerbsleben bezahlt werden, summierten sich auf 15 Jahreseinkommen, die erhaltenen Transfers im Alter auf rund sechs Jahreseinkommen. Österreich ist in diesem Ländersample das Land mit den höchsten staatlichen Transferleistungen im Alter – sie belaufen sich auf netto acht Jahreseinkommen.

    Resultat: Die geleisteten Transfers sind damit wesentlich geringer als die erhaltenen. Das ist eine Konsequenz der Bevölkerungsstruktur mit der Babyboom-Generation im Erwerbsalter: "Die Beiträge für die relativ geringe Anzahl an Kinder und älteren Personen können auf viele Erwerbstätige verteilt werden. Hinsichtlich des Generationenvertrags hat die Elterngeneration der Babyboomer außerordentlich viel in die Kinder investiert, was dieser Generation großzügige Altersleistungen ermöglicht", heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Die Organisation und Höhe intergenerationeller Transfers hänge klar mit der demografischen Struktur zusammen und müsse sich mit dieser ändern.

    Günstige Werte für Schweden und Deutschland

    Anschließend errechneten die Forscher einen aus zwei Teilen bestehenden Indikator für die Ausgeglichenheit der Transfers – also ob ein Gleichgewicht zwischen Transfers zu Kindern, deren Potenzial zur Transferzahlung an die ältere Bevölkerung und den erwarteten Transferleistungen im Alter besteht. Im ersten Teilindikator wurde daher ermittelt, für wie viele Kinder die Transferleistungen im Erwerbsleben "reichen" (sowohl in Österreich als auch im Länderschnitt 0,7). Der zweite Teilindikator misst die Anzahl der nötigen Beitragszahler, um die Altersleistungen für eine Person zu finanzieren (in Österreich 1,4 und im Schnitt 1,5).

    Die Differenz zwischen den beiden Indikatoren dient den Studienautoren als Maß für die Ausgeglichenheit des intergenerationellen Transfersystems – so viele zusätzliche Kinder beziehungsweise Beitragszahler pro Person wären nämlich notwendig, um die Transferleistungen an die ältere Generation auf dem Niveau von 2010 zu finanzieren. Am günstigsten schaut es dabei für Schweden mit einem Wert von 0,4 aus. Bedingt ist das durch die "ausgeglichene Bevölkerungsstruktur, hohe Beiträge zum staatlichen Transfersystem und relativ niedrige Transferleistungen im Alter aufgrund eines wesentlich höheren Pensionsalters".

    Österreich liegt mit einem Wert von 0,7 noch besser als der Länderschnitt (0,9), aber etwas schlechter als Deutschland (0,5) und Italien. Ganz am Schluss findet sich Spanien (1,9). (APA, 13.7.2018)

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