Schönborn: Nicht bei Ärmsten sparen – Keine Differenz zur Caritas

18. März 2018, 17:53
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Der Wiener Erzbischof wendet sich gegen "Österreich zuerst" und bittet die Politik um Großzügigkeit beim humanitären Bleiberecht für Flüchtlinge

Wien – Kardinal Christoph Schönborn, römisch-katholischer Erzbischof von Wien, hat sich am Sonntag für ein generationengerechtes Sparen ausgesprochen, das nicht zulasten der Ärmsten gehen dürfe. Differenzen mit der Caritas in dieser Frage bestritt er in der "Pressestunde" des ORF. Schönborn warnte vor einer Politik der Abschottung. Die Flüchtlingsfrage brauche europäische Solidarität.

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Wenn er auf unterschiedliche Bewertungen der Sparpolitik der Regierung durch ihn und die Caritas angesprochen werde, entlocke ihm dies "ein gewisses Lächeln", so Schönborn. Dass da "überhaupt ein Papier dazwischen Platz hat, kann ich mir nicht vorstellen", meinte er. Die Caritas komme der Kernaufgabe des Evangeliums nach und müsse lästig sein.

"Interne Verstimmung"

Allerdings räumte er "ein wenig interne Verstimmung" ein, weil die kritische Stellungnahme der Caritas textlich nicht abgesprochen gewesen sei. Aber: "Das ist auch keine Katastrophe, weil zwischen Bischöfen und der Caritas besteht ein Grundvertrauen."

Dass er dem Budget der schwarz-blauen Bundesregierung zu voreilig oder gar auf Ersuchen von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) seinen Segen gegeben haben könnte, bestritt Schönborn. "Ich habe klar gesagt, es ist zu begrüßen, dass im Budget die Generationengerechtigkeit wahrgenommen wird." Man könne nicht wie Eltern leben, die auf Schulden ein Haus bauen und diese Last dann ihren Kindern zumuten. Gleichzeitig werde die Kirche aber ihre Stimme erheben, wenn die Gefahr bestehe, dass auf Kosten Ärmsten gespart werde.

Als "Unwort" bezeichnete der Kardinal den Begriff "Sozialschmarotzer", auch "Asyl" dürfe nicht zum Schimpfwort werden. "Meine Mutter hat gesagt, die Sozialschmarotzer sitzen ganz woanders, die sitzen nicht in der 'Gruft'", sagte Schönborn und verwies auf die Steuerfluchtmöglichkeiten jener, die über mächtige Lobbys verfügten.

Rhetorik der Abgrenzung

Beeindruckt zeigte sich Schönborn von der Rede André Hellers anlässlich des "Anschluss"-Jubiläums, in der dieser vom Mitgefühl als Weltmuttersprache gesprochen hatte. "Wenn bei uns zum Beispiel die Rhetorik des 'Österreich zuerst' überhandnimmt", so der Kardinal, "eine Rhetorik der Abgrenzung, der Abschottung, das hielte ich für gefährlich." Bezüglich der Warnungen vor einem Rechtsruck in Österreich meinte er dennoch, man solle wachsam, aber nicht ängstlich sei. Es gelte auch das Spiel der Demokratie zu achten, meinte er zu Schwarz/Türkis-Blau: "Die Regierung ist noch nicht 100 Tage alt, jetzt lassen wir sie regieren."

Bezüglich Asyl und der europäischen Solidarität in dieser Frage zeigte sich Schönborn pessimistisch. So fühle sich etwa Italien von Europa verschaukelt, das habe sich auch im jüngsten Wahlergebnis gezeigt. Wenn man längerfristig denke, müsse man zudem Afrika helfen.

Auch hier zeigte Schönborn Sympathie für den Kurs der aktuellen Bundesregierung: "Ich glaube, es war richtig die Balkanroute zu schließen in diesem Zustrom." Gleichzeitig appellierte er an die politisch Verantwortlichen, differenziert hinzuschauen und gut integrierte Flüchtlinge, die von zivilgesellschaftlich engagierten Menschen, oft in Pfarrern betreut würden, nicht abzuschieben. Es gebe das Instrument des humanitären Bleiberechts."Ich bitte einfach unsere Verantwortlichen, dieses humanitäre Recht großherziger anzuwenden", so Schönborn. (APA, 18.3.2018)

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