Rundschau: Creature Feature

    Ansichtssache21. Juni 2015, 14:06
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    SF-Trips im Roman- und Comic-Format von Stephen Baxter, George R. R. Martin, Enki Bilal, Daryl Gregory und Robert Silverberg

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    coverfoto: orion publishing

    Robert Silverberg: "Downward to the Earth"

    Broschiert, 255 Seiten, Orion Publishing 2015

    Das Schöne an Reihen wie "SF Masterworks" ist, dass sie nicht nur diejenigen Werke eines Autors wiederveröffentlichen, die man bei der Nennung seines Namens sofort runterrasseln könnte. Sondern dazwischen auch solche, die vielleicht nicht ganz so bekannt sind und die man möglicherweise sogar komplett übersehen hatte.

    Ein Urgestein der Science Fiction

    Zum großen US-amerikanischen Autor und Herausgeber Robert Silverberg dürfte den meisten die Reihe "Die Majipoor-Chroniken" einfallen, zu der Silverberg – schriftstellerisch mittlerweile nicht mehr so hochproduktiv wie von den 50ern bis hinein in die 90er – erst 2013 einen weiteren Erzählband herausgegeben hat. Oder "The Book of Skulls" ("Bruderschaft der Unsterblichen"). Oder "To Open the Sky" (auf Deutsch "Das heilige Atom" respektive "Öffnet den Himmel"). Aber auch "Downward to the Earth", das 1973 als "Die Mysterien von Belzagor" auf Deutsch erschien, gehört in diese Reihe. Und hat sich als mein Lieblingsbuch in dieser Rundschau-Ausgabe entpuppt, siehe da. Daran konnte nicht einmal mehr der selbst für Silverberg-Verhältnisse sehr religiöse Schluss etwas ändern.

    Dabei war ich eigentlich hauptsächlich wegen der Elefanten am Cover drauf angesprungen – ich kann Tier-Themen einfach nicht widerstehen. Auch wenn es natürlich keine Elefanten und auch keine Tiere im Sinne von Wesen ohne Verstand sind. Die Unterscheidung zwischen intelligenten und "nichtintelligenten" Wesen ist sogar eines der zentralen Themen des Romans.

    Verlorene Welt

    Im Vorwort dieser Ausgabe spricht Cyberpunk-Autorin Pat Cadigan von einem postkolonialen Roman und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Inspiriert von Afrika-Reisen, übertrug Silverberg seine Eindrücke von unabhängig gewordenen Kolonien ins 23. Jahrhundert und auf einen Planeten, der bis vor einigen Jahren der Menschheit "gehörte". Bis man einfach nicht mehr ignorieren konnte, dass zwei einheimische Spezies – die elefantenähnlichen Nildoror und die zweibeinigen Sulidor – trotz fehlender Technologie fraglos intelligent sind. Als in der menschlichen Gesellschaft der Traum von einem Imperium allmählich aus der Mode kam, wurde schließlich auch der Planet Belzagor in die Unabhängigkeit entlassen.

    Einer, der über den geänderten politischen Zeitgeist so gar nicht froh war, kehrt nun nach Belzagor zurück. Schließlich fungierte Edmund Gundersen zehn Jahre lang als leitender Kolonialbeamter auf Belzagor, als der Planet noch Holman's World hieß. Warum er nun mit 48 noch einmal zurückkehrt, weiß er selbst nicht so recht. Um zu sehen, wie die Nildoror "den Job erledigen", ihre eigene Welt zu verwalten, redet er sich ein. Doch insgeheim sucht er auch nach Vergebung für die nicht immer rühmenswerten Maßnahmen, mit denen er einst die Kolonie am Laufen hielt – buchstäblich auf dem Rücken der Nildoror.

    Und zum Teil ist es wohl auch schlicht und einfach Wehmut. Immerhin verbrachte er hier die wichtigsten Jahre seines Lebens – in einer Welt, die es nun nicht mehr gibt. Nur wenige Menschen sind auf Belzagor zurückgeblieben, um gelegentlich mal ein Touristengrüppchen in Empfang zu nehmen. Die einstige Infrastruktur wird vom Dschungel gefressen – und die Nildoror sind zwar nicht unfreundlich gesinnt, haben aber auch keinerlei Interesse daran, diese instand zu halten. Je eher die letzten Spuren der Besatzung getilgt sind, desto besser. Gundersen ist also auf der Suche nach etwas unwiederbringlich Verlorenem – mag es die Kolonie sein oder auch seine eigene Jugend.

    Vom Kolonialherren ...

    Silverberg versteht es sehr gut, Gundersen als vielschichtige Persönlichkeit zu zeichnen. Gundersen zeigt alleine schon wegen seiner langjährigen Erfahrungen vor Ort sehr viel mehr Verständnis für die Kultur der Nildoror als die trampeligen TouristInnen, mit denen er angekommen ist. Aber auch in seiner gut gemeinten neuen Aufgeschlossenheit steckt noch sehr viel an Klischees und Vorurteilen: An intelligent race exempt from the sin of Cain, so sieht er die (vermeintlich) gewaltlosen Nildoror nun. Es ist die klassische Kolonialherrenattitüde gegenüber dem "noblen Wilden" und noch kein wirklicher Fortschritt seit seiner Zeit als Administrator, als er den Einheimischen Gutes tun und sie "erheben" wollte. Aber Gundersen arbeitet an sich. Und als er sich im Licht der fünf Monde einer Gruppe Nildoror in einem ekstatischen Tanz anschließt, beginnt er sich tatsächlich zum ersten Mal zu öffnen.

    ... zum Suchenden

    Gundersen wird sich auf eine persönlichkeitsverändernde Reise begeben. Er will das noch von keinem Außenstehenden beobachtete Ritual der "Wiedergeburt" miterleben, zu dem sich die Nildoror in eine dauerhaft von Nebel verhüllte Zone begeben. Als Gegenleistung für freies Geleit muss er einwilligen, einen Menschen, der eine nicht genannte Freveltat begangen hat, aus der Nebelzone zu den Nildoror zurückzubringen.

    Falls das jetzt jemandem bekannt vorkommt: Ja, Silverberg spielt damit explizit auf Joseph Conrads Kolonialismus-Klassiker "Herz der Finsternis" an (den meisten vermutlich eher in der Stanley-Kubrick-Version "Apocalypse Now" bekannt). Der Mann, den Gundersen suchen soll, heißt zwar nicht Kurtz – aber dafür eine andere Figur, womit Silverberg noch einmal unterstreicht, was ihn zu "Downward to the Earth" inspiriert hat.

    Äußere und innere Reise

    1970 erstmals veröffentlicht, war "Downward to the Earth" einerseits von der in den 60ern aufgekommenen New-Wave-SF beeinflusst. Es steckte aber auch noch ein gehöriges Stück Golden Age drin. Immerhin haben wir es hier mit einem astreinen Planetenabenteuer voller Wunder und Gefahren zu tun. Gundersen wird gewarnt, dass der Planet dazu neigt, Menschen in Besitz zu nehmen. Und tatsächlich findet er unterwegs so manchen körperlich veränderten und von verschiedenen Parasiten oder rätselhaften Phänomenen befallenen Kolonisten.

    Exotische Tiere, ein blauer Dschungel, ein See mit höherem Alkoholgehalt als Brandy, Schlangen, die psychotrope Substanzen absondern, ein kilometerhoher Wasserfall, eine Wüste aus leuchtendem Kristallstaub: All das und noch viel mehr wird hier geboten – wie armselig wirken dagegen die Ideen in "Cibola brennt", wo doch so viel mehr Platz gewesen wäre, eine exotische Welt atemberaubend zu beschreiben.

    Gundersens Walkabout ist aber auch ganz im Sinne der New Wave eine innere Reise: Spiritualität, Drogentrips und Träume, Sex und Ekstase, aber auch neues Verständnis und politisches Umdenken – all das wird Gundersens innere Entwicklung beeinflussen. Und zwangsläufig steht am Ende eine Transformation. "Downward to the Earth" ist eine Entdeckungsreise in ein unbekanntes Land: Für uns, die wir es zum ersten Mal betreten. Und für den Protagonisten, der es zu kennen glaubte, es nun aber erstmals wirklich mit offenen Augen und offenem Geist erlebt.

    Sehr empfehlenswert!

    Wirklich erstaunlich, was in diesem für heutige Verhältnisse kurzen Roman alles drinsteckt. Kein Wunder, dass er im englischsprachigen Raum fest zum Silverberg-Kanon gerechnet wird. Ironischerweise war der Autor selbst mit seinem Werk zunächst höchst unzufrieden. Er hatte auf den Spuren Rudyard Kiplings und Joseph Conrads wandeln und deren Szenarien aus einer zeitgemäßen Perspektive neuinterpretieren wollen. Und er dachte, er wäre damit auf ganzer Linie gescheitert, wie er im Vorwort bekennt. Erst als Lobeshymnen und Nominierungen für Preise einströmten, begann er "Downward to the Earth" in einem positiven Licht zu sehen. Heute hält er den Roman offenbar auch selbst für gelungen. Sympathischer Nachsatz: But, after all, what do I know? I'm only the guy who wrote it.

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