"Meine politische Gesinnung ist zweitrangig"

Interview17. Mai 2012, 18:06
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Der neue Präsident der Wiener Ärztekammer, Thomas Szekeres, will gegen Elga ankämpfen - Wie der rote Arzt zu roten Politikern steht und wen er als österreichischen Kammerpräsidenten möchte

STANDARD: Eines Ihrer ersten Themen als Wiener Ärztekammerpräsident wird die elektronische Gesundheitsakte sein. Sie sind dagegen - in der derzeitigen Form. Was bedeutet das genau?

Szekeres: Es gibt zwei Hauptkritikpunkte - die Datensicherheit und die Unfreiwilligkeit. Dann ist es natürlich auch eine Frage der Kosten. Die meisten Mehrfachuntersuchungen werden nicht aufgrund von Unkenntnis der Befunde, sondern wegen Folgeuntersuchungen durchgeführt. Da wird es keine Einsparungen geben.

STANDARD: Das ist genau die Argumentation, die man vom bisherigen Präsidenten gehört hat.

Szekeres: Ja, und diese Argumente trägt auch die überwiegende Mehrzahl der Kollegenschaft mit. Wir sind nicht grundsätzlich ablehnend neuen Technologien gegenüber, aber man muss extrem aufpassen bei so einem Projekt.

STANDARD: Die Ärztekammer gilt vielen als Blockierer. Wie werden Sie sich positionieren?

Szekeres: Wir möchten unbedingt eine wesentliche Rolle im Gesundheitssystem spielen und da auch Gehör finden. Ich denke, dass das berechtigt ist, weil die Ärzte die wesentlichsten Leistungserbringer des Systems sind. Wenn wir nicht eingebunden werden und der Meinung sind, dass ein Projekt für die Ärzte und Patienten nachteilig ist, werden wir das artikulieren.

STANDARD: Sie sind langjähriges SPÖ-Mitglied. Wie ist Ihr Verhältnis zu Gesundheitsminister Alois Stöger und zur Wiener Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely?

Szekeres: Ich kenne beide, und ich habe zu beiden ein korrektes Verhältnis - weder ein inniges noch ein negatives. Ich bin sicher nicht der verlängerte Arm von irgendwelchen Politikern, primär bin ich Arzt und bin nicht dazu gewählt worden, es irgendjemandem recht zu machen.

STANDARD: Das heißt, im Zweifelsfall gewinnt der Standespolitiker gegen den Genossen?

Szekeres: Ich habe eine politische Gesinnung, zu der ich stehe. Aber die ist zweitrangig.

STANDARD: Es ist für die Ärztekammer relativ ungewöhnlich, dass es eine Koalition gibt gegen die stärkste Fraktion, die VP-nahe Vereinigung. Warum sind Sie nicht zusammengekommen?

Szekeres: Wir möchten Inhalte umsetzen, bei denen wir nicht gesehen haben, dass die Vereinigung mitmacht. Da geht es eher um Interna. Wir möchten die Belastung der Ärzte reduzieren und die Kammer zu einer serviceorientierten Einrichtung umbauen. Das ist mit neuen Leuten eher möglich.

STANDARD: Wie könnte denn eine Reform der Beiträge aussehen?

Szekeres: Wir müssen einen Kassasturz machen und schauen, wo man einsparen könnte, ohne die Leistungsfähigkeit der Ärztekammer zu gefährden. Ein Teil ist der Wohlfahrtsfonds, der Pensionsfonds, in den die Ärzte nicht wenig einzahlen. Da muss man Kollegen, die weniger verdienen, entlasten.

STANDARD: Es hat für Überraschung gesorgt, dass sie Eva Raunig vom Hausärzteverband zu Ihrer Vizepräsidentin machen wollen. Sie hat Ihnen auch zur Mehrheit verholfen. Ist das nicht ein sehr offensichtliches Manöver?

Szekeres: Wir haben die Möglichkeit eines zusätzlichen Vizepräsidenten beschlossen. Die Idee, bei einem Präsidium von drei Männern eine Frau dazuzunehmen, halte ich für gut.

STANDARD: Ist es also ein Zufall, dass Frau Raunig Sie gewählt hat?

Szekeres: Wenn Sie meinen, dass das der Preis war, dann stimmt das nicht. Sie muss außerdem erst gewählt werden bei einer Vollversammlungssitzung. Ich werde sie unterstützen, aber man weiß nie, wie solche Wahlen ausgehen.

STANDARD: Ende Juni steht die Wahl des Österreichischen Ärztekammerpräsidenten an. Streben Sie diesen Posten an?

Szekeres: Ich gehe davon aus, dass es sich zwischen Christoph Reisner aus Niederösterreich und Artur Wechselberger aus Tirol entscheiden wird.

STANDARD: Sie wollen da also nicht in die erste Reihe?

Szekeres: Nein, nicht unbedingt.

STANDARD: Wen würden Sie sich denn wünschen?

Szekeres: Es ist nicht die Frage, wen ich mir wünsche, sondern wer die Mehrheit bekommt. Es ist zu früh, da etwas zu sagen.

STANDARD: Christoph Reisner hat auch in Wien kandidiert und stützt Ihre Koalition. Gibt es einen Deal, demzufolge Sie ihn nun auf Bundesebene wählen?

Szekeres: Doktor Reisner unterstützt mich in Wien, diesen Deal, wie er kolportiert wird, gibt es nicht. Aber natürlich stehe ich ihm nicht kritisch gegenüber, wenn er mich unterstützt. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 18.5.2012)

THOMAS SZEKERES (50) ist Labormediziner und Betriebsrat am AKH. Seine sozialdemokratischen Ärzte waren zweitstärkste Fraktion bei der Kammerwahl.

  • Bestreitet Personaldeals: Wiens Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres.
    foto: standard/hendrich

    Bestreitet Personaldeals: Wiens Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres.

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