Rundschau: First We Lose Manhattan

    Ansichtssache4. Februar 2012, 10:21
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    Hervorragend bis schauderhaft schlecht: Neue Bücher von Carol Emshwiller, Iain Banks, Dan Simmons, Steve Alten und Will Elliott

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    coverfoto: ps publishing

    Carol Emshwiller: "In the Time of War" & "Master of the Road to Nowhere"

    Gebundene Ausgabe, 294 Seiten, PS Publishing 2011

    Das hier sind nicht etwa zwei Bücher, sondern Vorder- und Rückseite desselben. Soll heißen: Hat man sich bis zur Mitte durchgelesen, stößt man nach ein paar leeren Seiten plötzlich auf Schrift, die auf dem Kopf steht - also umdrehen und zurück zum "anderen Anfang" bitte. Das trennt nicht nur die beiden hier enthaltenen Storysammlungen, von denen eine in Zeiten des Krieges und die andere in denen "relativen Friedens" angesiedelt ist. Es handelt sich bei diesem "Doubleheader", wie der Verlag PS Publishing es nennt, auch um ein einst beliebtes und mittlerweile lange vergessenes Format: Eine nette Hommage an eine Veteranin des Genres, die seit mittlerweile über einem halben Jahrhundert aktiv ist.

    Und doch ist die US-Amerikanerin Carol Emshwiller nie so ganz in die Liga der Berühmtheiten aufgestiegen (außerhalb des Phantastik-Geschäfts zumindest, innerhalb stellt sie eine wichtige Referenzgröße dar). Auf Deutsch ist meines Wissens außer der einen oder anderen Kurzgeschichte nie etwas von ihr erschienen, und selbst die sonst so zuverlässige Wikipedia lässt ihre Bibliografie erst in den 70ern einsetzen, obwohl Emshwiller die ersten Kurzgeschichten bereits in den 50ern veröffentlichte. Im Vorwort zur "kriegerischen" Buchhälfte "In the Time of War and Other Stories of Conflict" bringt niemand Geringeres als Ursula K. Le Guin die Hoffnung zum Ausdruck, dass Emshwiller dieselbe Ehre zuteil werden möge wie einst Philip K. Dick. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass auch der einmal beinahe in Vergessenheit geraten wäre. Spät käme der Erfolg für die 90-Jährige in jedem Fall, aber verdient hätte sie ihn ohne Frage.

    Emshwiller stammt aus derselben Generation wie die 1987 verstorbene und ungleich berühmtere Alice Bradley Sheldon alias "James Tiptree Jr.". Beide Autorinnen hegten eine Vorliebe für das kurze Format, beide setzten stark auf eine menschliche Note und beide waren bzw. sind auch Meisterinnen in der Darstellung des Fremden. "They're not our kind" ist ein Satz, der hier in dieser oder einer ähnlichen Form öfter fallen wird. In der großartigen Titelgeschichte "Master of the Road to Nowhere" sind es Nomaden, die am Rande der übrigen menschlichen Gesellschaft leben und eine Sozialstruktur ähnlich einer Herde oder einem Rudel haben. In ihrem matriarchalisch geführten Verband wird stets nur ein einziger erwachsener Mann zugelassen - der muss sich nicht nur gegenüber zuwandernden Herausforderern behaupten, sondern auch alle Frauen der Gruppe gleichermaßen befriedigen. Als sich Our Big Man Janeson verbotenerweise in eine der Frauen "exklusiv" verliebt, müssen die beiden fliehen. Und auch wenn hier keine Aliens oder sonstwie anderen Spezies vorkommen, gelingt Emshwiller die Darstellung von fremdartigem Denken in beeindruckender Weise - die Geschichte gehört zum Besten, was ich in letzter Zeit gelesen habe.

    "Master of the Road to Nowhere" wird aus zwei Blickwinkeln erzählt: Aus der Ich- und der Wir-Perspektive, letzteres ein auffallend oft verwendetes Element. Die ProtagonistInnen der einzelnen Geschichten sehen sich nicht nur als Individuen, sondern auch als VertreterInnen ihrer Art. Das können eher komische Alien-Invasoren sein ("The Perfect Infestation") oder Kinder, die sich in den Bergen verstecken, weil sie nicht ganz menschlich sind ("Quill"). Oder auch - in der melancholischen Parabel "All of us can almost ..." - riesenhafte Raubvögel, die noch von ihrem alten Ruf zehren, in Wahrheit aber längst zu plump zum Fliegen geworden sind. Das Wir kann aber auch in Konflikt mit dem Ich treten: Eben in der Titelgeschichte oder in "The New and Perfect Man". Hier haben Eltern Umgebung und Erziehungsplan ihres Babys derart "optimiert", dass dessen Heranwachsen einem Labor-Experiment ähnelt ... und das Ergebnis zwangsläufig ein geistiges Alien ist. Formal auf die Spitze getrieben wird der verinnerlichte Konflikt zwischen Individuum und Kollektiv in "Repository", wo es an einer Stelle heißt: We will try to stop me.

    Elf "Tales of the Fantastic" stehen neun "Stories of Conflict" gegenüber (alle hier versammelten Geschichten stammen übrigens aus den Nullerjahren) - und ich würde empfehlen, letztere verteilt zwischen den anderen zu lesen, denn in aller Regel münden sie nicht in ein Happy End. Eher schon in einen echten Magenschwinger. Wie "Killers", in dem ein Kriegsgefangener Zwangsarbeit in einem Dorf verrichten muss, das nur noch von Frauen und Kindern bewohnt wird. Das Grundmuster wiederholt sich in fast allen Geschichten: Jemand von der einen Seite der Front gelangt - durch welche Umstände auch immer - zu Menschen auf der anderen Seite, erlebt eine kurze Zeit des Friedens und wird letztlich doch vom Krieg eingeholt. Das kann ein harmloser Stotterer sein ("The Bird Painter in Time of War"), ein indoktrinierter Lehrer, der seine Schüler beim Front-Schauen verliert ("Logicist"), oder ein Psychiatrie-Patient, der von den Eroberern seiner Heimat aus einem letzten Widerstandsnest geholt wurde ("The Assassin, or Being the Loved One"). In "The General" ist es ein flüchtiger Offizier, und wenn sich seine Häscher über seine "Undankbarkeit" ereifern, dann kommt darin dasselbe Unverständnis des Wir für das Ich zum Ausdruck, wie es bei den fehlgeleiteten Eltern in "The New and Perfect Man" der Fall war.

    "Who is the enemy? And more importantly, who are we?" Es ist ein anonymer Krieg, vor dem sich diese Episoden ereignen. Er ist kein Ereignis mehr, sondern ein Zustand; aus ihm zu flüchten gelingt (bis auf zwei Ausnahmen) nur kurzfristig, und zaghafte Versuche, ihn zu beenden, scheitern. Ausgetragen wird dieser ewige Krieg mit Cyborg-Implantaten ebenso wie mit Gewehren oder Schwert und Schild. Emshwiller interessiert sich nicht für fiktive Historien, Herrscher- oder Ländernamen, sondern nur dafür, ob der Krieg den ProtagonistInnen Raum für ihre Sehnsucht nach Glück, Liebe und Freiheit lässt. Meistens ist die Antwort in dieser wirklich beeindruckenden Storysammlung ein Nein.

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