Rundschau: First We Lose Manhattan

    Ansichtssache4. Februar 2012, 10:21
    112 Postings

    Hervorragend bis schauderhaft schlecht: Neue Bücher von Carol Emshwiller, Iain Banks, Dan Simmons, Steve Alten und Will Elliott

    Bild 10 von 11
    coverfoto: tor books

    Ian Tregillis: "Bitter Seeds"

    Gebundene Ausgabe, 352 Seiten, Tor Books 2010

    Manchmal kann ein Missstand doch noch zum Glücksfall werden: Dieses Buch hat seit mittlerweile eineinhalb Jahren ungelesen in meinem Regal herumgestanden - eine schwärende Wunde -, bis ich endlich Zeit dafür hatte. Dafür dauert jetzt das Warten auf den Nachfolgeband "The Coldest War" nur mehr sechs Monate. Was auch gut so ist, denn "Bitter Seeds" hat sich als echter Pageturner entpuppt. Und auch wenn sich darin ein großer Handlungsbogen schließt, bleiben am Ende doch diverse Fragen offen (inklusive der Identität einer äußerst mysteriösen Nebenfigur). Außerdem steht zu befürchten, dass die Romanfiguren den Teufel mit Beelzebub ausgetrieben haben und ihnen - bzw. der ganzen Welt - noch wesentlich Schlimmeres bevorsteht.

    Im 1920 angesiedelten Prolog seines Romanerstlings lässt uns US-Autor Ian Tregillis einen kurzen Blick auf die Kindheit der späteren ProtagonistInnen werfen. Da wäre zunächst der vaterlose Londoner Bub Raybould Marsh, den ein Geheimdienstoffizier unter seine Fittiche nimmt. Ein Stück davon entfernt, auf einem englischen Landgut, wird William Beauclerk, Enkel eines Herzogs, in die Familiengeheimnisse eingeweiht (Stichwort Hexerei). Und auf dem Kontinent werden Waisenkinder zu einer geheimnisvollen Sammelstelle gekarrt - unter ihnen ein grausames kleines Mädchen und ihr Bruder. Danach springt der Roman ins Jahr 1939 zum Spanischen Bürgerkrieg, um von nun an rings um die erwachsen gewordenen Hauptfiguren als Kriegschronik bis zum Jahr 1941 voranzuschreiten.

    Weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wird der Zweite Weltkrieg auch mit anderen Mitteln als den bekannten ausgetragen: Blutmagie auf der einen Seite, diabolische Technologie auf der anderen. Denn die deutschen Waisenkinder wurden für ein experimentelles Programm rekrutiert: Durch die Götterelektron genannte Erfindung eines skrupellosen Wissenschafters haben sie - genauer gesagt die wenigen, die das Experiment überlebten - übermenschliche Fähigkeiten erlangt. Gretel, besagtes Mädchen, ist Hellseherin, während ihr Bruder Klaus durch Wände gehen kann; andere können sonnenheiße Energie abstrahlen oder Dinge kraft ihres Willens bewegen. Dank dieser Fähigkeiten ist Nazi-Deutschland das Kriegsglück holder als in der realen Historie: Die Evakuierung britischer Truppen aus Dünkirchen scheitert und mündet in ein Massaker, durch Gretels Hinweise spüren die deutschen Bomber zudem die britischen Radarstationen auf und erlangen die Lufthoheit. In der Stunde der Not weiß sich das Königreich nicht anders zu helfen, als auf die Warlocks zu setzen: Zauberer, die durch Verbindung mit metaphysischen Wesen die Naturkräfte beeinflussen können - und so hüllt sich die bedrängte Insel gewissermaßen in die schützenden Nebel von Avalon.

    Polemisch formuliert könnte man den Plot als "Nazi-Cyborgs vs. britische Bluthexer" bezeichnen, aber hier kommt die eigentliche Qualität von "Bitter Seeds" ins Spiel. Denn die Absicht bestimmt den Ton, und Tregillis zielt weder auf Horror noch auf Actionseligkeit ab. Stattdessen ist "Bitter Seeds" ganz einfach ein Kriegsroman, mögen die Rahmenbedingungen auch exotischer wirken als die in unseren Geschichtsbüchern. Krieg bleibt dennoch Krieg. Tregillis blickt auf den Alltag der Menschen, die in solchen Zeiten leben müssen, es geht um Versorgungsengpässe, Evakuierungen und Trennung von Familien. Und ganz besonders um Opfer, die gebracht werden müssen ... oder die man zumindest bringen zu müssen glaubt. Denn die Eidolons, jene Wesen, die die Warlocks um Hilfe rufen, sind alles andere als Freunde der Menschheit. Als Manifestationen des Universums selbst betrachten sie die Menschheit als "Schmutzfleck" im Kosmos und verlangen für ihre Dienste einen hohen Blutzoll. Den die Entscheidungsträger Großbritanniens auch zu zahlen bereit sind - sie arrangieren Unfälle und schieben die Verluste unter der Zivilbevölkerung Nazi-Saboteuren in die Schuhe.

    Hand in Hand mit der Fokussierung auf das Menschliche gehen glaubwürdige Charaktere. Die zudem alle etwas gemeinsam haben: Es steckt mehr in ihnen, als es zunächst den Anschein hat. Marsh führt dies noch in der einfachsten Form vor: Er wirkt auf seine Mitmenschen zunächst grobschlächtig, ist in Wahrheit aber hochintelligent, mitfühlend und ein liebevoller Familienvater ... was in Zeiten wie diesen leider zu Verlust führen kann. Der Schmerz darüber zu Zorn, und der zu noch mehr Leid. William wiederum scheint ganz der verwöhnte Oberschicht-Dandy zu sein, lässt hinter seiner verspielten Ausdrucksweise aber bald charakterliche Tiefe erkennen - er ist es auch, den der Preis, den Großbritannien für seine Strategie zu bezahlen hat, am tiefsten entsetzt. Und dann ist da noch die gänzlich undurchschaubare Gretel. Ist sie nun eiskalt berechnend oder sogar böse? Oder lebt sie nur durch ihre Orakel-Gabe in einem eigenen Wahrnehmungskontinuum, in dem das unveränderliche Zusammenspiel von Ursache und Wirkung jede moralische Bewertung unmöglich macht? In einer Nebenfunktion setzt der Autor sie überdies als Strukturelement ein - Gretels Überblicken von Zeit und Raum stellt Querverbindungen her, die sich dem Leser erst nach und nach erschließen.

    Apropos Vorherbestimmung: So sehr die fiktive Historie auch von der realen abweicht, lässt der Autor es sich doch nicht nehmen, den Geschichtsverlauf immer wieder gleichsam auf Linie zu bringen. Vom Spanischen Bürgerkrieg als "Testlauf" für die Wehrmacht über die Winterkälte als Verbündeten der Sowjetarmee bis hin zur industriellen Massenvernichtung von Menschen fließen mehrfach Meme aus unserem Universum in die Romanwelt hinüber. Was auch so weitergehen dürfte, wenn Tregillis' Variante des Kalten Kriegs ansteht. Man darf auf die Fortsetzung gespannt sein: Mag "Bitter Seeds" im letzten Drittel auch etwas überstürzt wirken - die einzige größere Schwäche des Romans -, bleibt es dennoch ein sehr beachtliches Debüt.

    weiter ›
    Share if you care.