Grüne kritisieren "Zwei-Klassen-Medizin" bei Kindertherapien

28. Oktober 2010, 13:48
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Vorarlberg bundesweit Vorbild bei institutioneller Versorgung

Wien - Lange Wartelisten, hohe Selbstbehalte: Die Grünen schlugen am Donnerstag im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien Alarm bezüglich der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Psycho-, Ergo- und Physiotherapie sowie Logopädie. Zehn bis 15 Prozent der österreichischen Kinder und Jugendlichen würden im Laufe ihrer Entwicklung eine derartige Behandlung benötigen. Die Lage sei vor allem wegen der sehr konkreten Zeitfenster in der kindlichen Entwicklung fatal, mahnten Gesundheitssprecher Kurt Grünewald und Kinderarzt Rudolf Püspök.

Nach einer parlamentarischen Anfrage der Grünen an den zuständigen Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) vom 21. April 2010 zu der Causa habe sich eine Dimension gezeigt, die "im internationalen Vergleich als beschämend bezeichnet werden müsse". Wer die langen Wartezeiten für eine Behandlung auf Krankenschein nicht hinnehmen kann und will, dem bleibe nur die Möglichkeit, die Kosten privat zu tragen.

Grüne: "Österreich vernachlässigt seine Kinder"

Die Nachfrage übersteige bei weitem das Angebot, derzeit warten beispielsweise 779 Kinder auf einen kostenfreien Therapieplatz in dem sozialpädiatrischen Zentrum Sonnenschein in St. Pölten, so die Primaria des Ambulatoriums Sonja Gobara.  Vorübergehend mussten heuer bereits Aufnahmestopps verhängt werden.  Darüber hinaus benötigen viele Patienten Mehrfachtherapien, die kaum noch angeboten würden.

"Österreich vernachlässigt seine Kinder" resümierten die Grünen. Im Ländle sei die Lage zwar bundesweit zwar vorbildlich, im Vergleich mit anderen Ländern wie etwa Deutschland gebe es aber auch in Vorarlberg durchaus Optimierungsbedarf. So geben die Pflichtversicherungen in Deutschland für die Psychotherapie Unter-18-Jähriger etwa dreimal so viel aus wie die heimischen Versicherungen. Die Gesamtkosten für eine flächendeckende Versorgung in Österreich würden sich auf rund 50 bis 70 Mio Euro jährlich belaufen, schätzt Püspök.

Die aktuellen Defizite würden sich in heute nicht absehbaren Folgekosten niederschlagen; Kostengründe seien also nur sehr bedingt ein schlagendes Argument. Die Grünen forderten einmal mehr die flächendeckende Therapie auf Krankenschein, verbindliche Stufenpläne für die rasche Beseitigung der Versorgungsdefizite, eine Stärkung des ambulanten Bereichs und eine umfassende Erhebung des Status quo. "Wenn da keine Alarmglocken läuten, ist man taub und blind" meinte Grünewald. Stöger sei zwar - im Vergleich zu seinen Amtsvorgängern - interessiert an der Thematik, wolle "aber zuerst mit dem anfangen, was nichts kostet".  (APA)

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