Auf der Spur eines Klebefehlers

9. September 2016, 18:23
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Der Hersteller der Wahlkarten gilt als erfolgreicher Player in der Druckbranche

Vöcklabruck – Die Firma Kroiss & Bichler ist ein Traditionsunternehmen in Regau, inzwischen unter dem Dach der DPI Data Print Innovation Holding, die ihrerseits aus dem noch traditionelleren, für seine Kassenblocks bekannten Unternehmen Paragon hervorgegangen ist. Die Familien Kroiss und Tautermann-Bichler, Eigentümer der Holding, gelten als hochangesehen in der oberösterreichischen Bezirksstadt Vöcklabruck.

An den Stammtischen dort wundert man sich, "dass denen so etwas passieren konnte".

"So etwas" – das ist ein bisher noch nie aufgetretenes Phänomen: dass sich nämlich die Klebestellen der im Tochterunternehmen kbprintcom.at hergestellten Wahlkartenkuverts scheinbar ohne äußere Einwirkung öffnen – was die darin enthaltenen Stimmen und womöglich den gesamten Wahlvorgang im Oktober ungültig machen kann.

Bundeskriminalamt prüft

Inzwischen prüft das Bundeskriminalamt, was da schiefgelaufen sein könnte. Als wahrscheinlich gilt, dass die Kuverts beim Transport zu warm geworden sind, wodurch der Klebstoff Schaden genommen haben könnte. Das Innenministerium verweist auf die technischen Spezifikationen, die sich allerdings eher auf die Bedruckung als auf die verwendeten Klebstoffe beziehen.

Kein "richtiges" Kuvert

Das Kuvert, in dem die Wahlkarten zurückgeschickt werden, ist allerdings gar kein "richtiges" Kuvert, wie Patrick Grafl von der Österreichischen Kuvertindustrie der APA auseinandergesetzt hat. Bei der Herstellung von Kuverts werden üblicherweise Papiere gefalzt und dann verklebt, so dass eine entsprechende Festigkeit gegeben ist. Für die Überkuverts, um die es bei der Briefwahl geht, werden dagegen nur drei Schichten Papier an den Rändern verklebt.

Am Freitag wurde neben dem Bundeskriminalamt auch ein externes Unternehmen mit der Überprüfung der technischen Panne, die laut Wahlleiter Robert Stein "fünfzehnmal vorher nicht aufgetreten ist", betraut.

Nicht angenehm für das auf Endlospapiere, Bürodrucksachen und eben auch auf Behördendrucksorten spezialisierte Unternehmen, das nach eigenen Angaben rund 7000 Kunden hat. Nur wenige davon sind Behörden – aber seit Tagen ist eben nur ein Druckauftrag im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Bei Ausschreibungen erfolgreich beworben

Denn seit die früher von der damals tatsächlich noch staatlichen Staatsdruckerei besorgte Herstellung von Wahlunterlagen an private Unternehmen ausgelagert wurde, hat sich Kroiss & Bichler mit seiner 2014 in kbprintcom.at Druck+Kommunikation GmbH umbenannten Tochterfirma bei entsprechenden Ausschreibungen immer wieder erfolgreich auch um die Herstellung der Wahlkarten beworben. Auf der Website konnte man noch Donnerstagabend Wahlkarten – 250 Stück zu 493,50 Euro – bestellen; allerdings nur als Leiter einer entsprechenden Behörde.

Die Unternehmensgruppe DPI hat in den vergangenen Jahren erfolgreich den Druckereimarkt konsolidiert, der Bereich Behördendrucksachen wurde infolge der unter Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) beschlossenen und unter Wolfgang Schüssel (ÖVP) umgesetzten Privatisierung der Staatsdruckerei von ihr erworben. Aufgrund des Konkurrenzdrucks wurde überall rationalisiert und Personal abgebaut. (Conrad Seidl, 9.9.2016)

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