Löhne in Österreich seit 2010 im Sinkflug

28. Juli 2016, 12:59
803 Postings

Inflationsbereinigt ist der Stundenverdienst zwischen 2010 und 2014 gesunken. Die Schere zwischen Frauen und Männern wird nur langsam kleiner

Wien – Österreichische Arbeitnehmer verdienen weniger als noch vor einigen Jahren. Zwischen 2010 und 2014 ging der Bruttostundenverdienst der in der Privatwirtschaft Beschäftigten inflationsbereinigt im Mittel um 1,1 Prozent zurück. Pro Jahr bedeutet das einen Rückgang von 0,3 Prozent. Das ist das Ergebnis einer alle vier Jahre durchgeführten Erhebung der Statistik Austria, die am Donnerstag präsentiert wurde. Zwischen 2006 und 2010 waren die Stundenverdienste demnach noch leicht gestiegen.

Für den Vergleich herangezogen wird der sogenannte Median-Arbeitnehmer: 50 Prozent der Beschäftigten verdienen mehr als er oder sie, 50 Prozent weniger. Dieser mittlere Verdienst lag 2014 bei 13,87 Euro brutto pro Stunde – nach 12,79 Euro im Jahr 2010. In absoluten Zahlen also eine Steigerung, inflationsbereinigt aber eben ein Rückgang.

Der Medianwert ist aussagekräftiger als der Durchschnitt, bei dem Top-Einkommen als statistische Ausreißer die Vergleichbarkeit schmälern. Von der Erhebung ausgenommen sind der öffentliche Dienst sowie Beschäftigte in der Land- und Forstwirtschaft. Grund sind die EU-weit einheitlichen Vorgaben, die einen internationalen Vergleich ermöglichen.

Steuerreformen ausgeklammert

Ausgewiesen sind die Bruttostundenlöhne. Das heißt, Lohnsteuer und Beiträge zur Sozialversicherung müssten abgezogen werden, um das tatsächliche Nettoeinkommen zu ermitteln. Dieses würde zwar die tatsächliche Kaufkraft der Arbeitnehmer realistischer widerspiegeln – je nach Branche und Beschäftigungsart war die Entwicklung in den vergangenen Jahren sehr unterschiedlich. Die Bruttolohnentwicklung ist aber insofern von Interesse, als dadurch Änderung im Steuersystem sowie automatische Vorrückungen in höhere Steuerklassen – Stichwort kalte Progression – ignoriert werden. Die Bruttolöhne zeigen also, wie sich der in der Privatwirtschaft erzielbare Verdienst entwickelt.

Schwache Entwicklung

Konrad Pesendorfer, Chef der Statistik Austria, sprach bei der Präsentation der Zahlen von einer schwachen Lohnentwicklung. "Auch in Branchen, in denen die Reallöhne gestiegen sind, liegen die Zuwächse unter 0,5 Prozent pro Jahr." Am höchsten ist der Verdienst traditionell in den Sektoren Energieversorgung (Median: 22,60 Euro brutto pro Stunde) sowie Banken und Versicherungen (20,40 Euro). Die niedrigsten Löhne werden nach wie vor in der Hotellerie und Gastronomie (8,67 Euro) gezahlt. Wohlgemerkt wurden hier Trinkgelder nicht eingerechnet und nur offiziell gemeldete Löhne und Gehälter berücksichtigt, wie Pesendorfer betont.

Ebenfalls eher niedrig entlohnt ist der beschäftigungsmäßig bedeutende Handel. 12,32 Euro brutto beträgt hier der mittlere Stundenlohn. Allerdings seien im Handel zuletzt gerade für Niedrigverdiener recht ansehnliche Kollektivverträge abgeschlossen worden, so Pesendorfer. Die Reallöhne stiegen daher im Handel zwischen 2010 und 2014 um 0,4 Prozent – nach dem Gründstücks- und Wohnungswesen der größte Zuwachs aller Branchen. Während die Löhne in der Gastronomie stagnierten, gab es in den Bereichen Energieversorgung (minus 0,9 Prozent), Verkehr (minus 1,0 Prozent) und Information und Kommunikation (minus 1,2 Prozent) die größten Einbußen.

Gender Pay Gap schließt sich nur langsam

Nach wie vor groß ist die Schere zwischen Männern und Frauen. "Die gute Nachricht ist: Der Unterschied wird geringer", so Pesendorfer. Das Tempo sei aber gering. 2014 betrug der Gender Pay Gap bei den Bruttostundenlöhnen 19 Prozent, 2006 waren es 22,7 Prozent. Besonders groß sind die Unterschiede bei Führungskräften. Wo es einen großen Verhandlungsspielraum bei den Gehältern gebe, etwa im Finanzsektor, sei die Schere tendenziell größer, sagt Tamara Geisberger, deren Abteilung die Erhebung betreute.

Wie immer gilt beim Gender Pay Gap auch hier, dass die Zahlen nicht um den Beschäftigungstyp bereinigt sind. So ist für geringere Löhne von Frauen etwa die größere Verbreitung von Teilzeitstellen verantwortlich. Auch Kriterien wie Unternehmensgröße, Region und vor allem der gewählte Beruf spielen eine Rolle. 72 Prozent aller atypisch Beschäftigten sind Frauen, rund jede zweite Frau ist in Teilzeit beschäftigt. Bei den Männern sind es nur zwölf Prozent.

Kaum Zuwachs nach dem ersten Kind

Alle diese Faktoren zusammen erklären jedoch nicht einmal die Hälfte des gesamten Geschlechterunterschieds, wie Geisberger erklärt. Bei Frauen verläuft die Verdienstkurve ab 30 sehr flach, während bei den Männern das Senioritätsprinzip gilt: je höher das Alter, desto höher der Verdienst. Laut Geisberger ist das auch darauf zurückzuführen, dass der Verdienstzuwachs von Frauen nach dem ersten Kind deutlich gebremst wird.

Generell gilt: Die höchsten Chancen auf eine gute Entlohnung haben Sie, wenn Sie männlich, älter als 50, österreichischer Staatsbürger, Hochschulabgänger und in Vorarlberg tätig sind. Tendenziell schlecht sieht es hingegen aus, wenn Sie weiblich, unter 30 und Pflichtschulabgängerin, noch nicht lange im Unternehmen und im Burgenland tätig sind und zudem nicht die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen.

Auf die Frage nach politischen Schlüssen meint Pesendorfer, der leichte Rückgang bei den Löhnen habe in erster Linie mit dem schwachem Wirtschaftswachstum zu tun, "aber auch mit der Verteilung der Gewinne, die aus diesem Wachstum resultieren". Eine unmittelbare Eingriffsmöglichkeit für die Politik sieht Pesendorfer nicht. Entscheidend seien die Lohnabschlüsse. (Simon Moser, 28.7.2016)

Mehr zum Thema

In einer Analyse der Industriestaatenorganisation OECD wurde unlängst ein ähnliches Bild gezeichnet. Darin heißt es, die Reallöhne gingen zwischen 2007 und 2015 zwar nicht zurück, stiegen aber nur geringfügig – um 0,4 Prozent pro Jahr. In den Jahren zuvor (2000 bis 2007) war die Steigerung demnach höher. Die Unterschiede zur Erhebung der Statistik Austria dürften auf unterschiedliche Mess- beziehungsweise Schätzverfahren zurückzuführen sein.

Zum Thema Gender Pay Gap eine Analyse von Andreas Sator: Warum Frauen weniger verdienen als Männer – und sich das nur schwer ändern lässt

  • Beschäftigte im Berich Herstellung von Waren – hier ein Arbeiter in den Magna-Steyr-Werken in Graz – mussten im Mittel in den vergangenen Jahren ebenso einen Lohnrückgang hinnehmen wie Arbeitnehmer in anderen Branchen.
    foto: heribert corn

    Beschäftigte im Berich Herstellung von Waren – hier ein Arbeiter in den Magna-Steyr-Werken in Graz – mussten im Mittel in den vergangenen Jahren ebenso einen Lohnrückgang hinnehmen wie Arbeitnehmer in anderen Branchen.

Share if you care.