Aus beengten Wohnungen auf die Dächer hinauf

Ansichtssache17. Mai 2016, 09:13
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Wohn- und Architekturprofis über die Nutzung von Dächern

foto: kelz

Christina Kelz, Architektur- und Arbeitspsychologin:

"Aus psychologischer Sicht ist die Nutzung des Daches sicher zu befürworten. Diese Allgemeinflächen dienen einerseits in immer dichter werdenden Städten als Ausweichmöglichkeiten aus beengten Wohnsituationen und können das Entstehen von positiven Bekanntschaften zwischen Hausbewohnern begünstigen. Andererseits dient das Dach auch als Naherholungsoase. Bei der Gestaltung ist es daher wirklich wichtig, auf ausreichend Vegetation zu setzen. Studien belegen nämlich, dass grüne Dächer die positive Wahrnehmung eines Wohnhauses fördern. Selbst wenn es nur das grüne Dach des Nebenhauses ist, auf das man schaut, begünstigt das die Erholungsfähigkeit. Und wenn das Dach einen Gemeinschaftsgarten oder einen Pool bietet, wird dies der Zufriedenheit der Bewohner und der Bildung von Nachbarschaften sicher zuträglich sein. Ganz wichtig: Im Idealfall werden die Bewohner in die Planung der Flächen miteinbezogen, um die Identifikation damit zu stärken."

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foto: jp immobilien

Martin Müller, Geschäftsführer von JP Immobilien:

"Sharing ist die Zukunft, das gilt auch für den Garten und das Wohnhaus. Wo es vorher hieß: Das ist mein Garten, da will ich meine Ruhe haben, da kommt niemand rein, werden in Zukunft Flächen in Wohnhäusern vermehrt gemeinschaftlich genutzt. Das liegt einerseits daran, dass die Wohnungen immer kleiner werden und deshalb vieles auf andere Flächen ausgelagert wird. Andererseits kommt eine jüngere Generation nach, für die beispielsweise auch das Carsharing schon ganz normal ist. Diese jungen Menschen sind offen für neue Modelle des Wohnens. Dennoch muss eine Wohnung nach wie vor einen Mehrwert haben, und auch die Kosten für Gemeinschaftsflächen müssen sich im Rahmen halten. Diese Flächen, wie etwa ein Dachgarten, zahlen sich aber meist erst ab etwa 300 Wohnungen pro Anlage aus. Der Trend geht auf jeden Fall in diese Richtung, allerdings wird er auf dem freien Markt derzeit nicht stark nachgefragt, weil die Menschen diese Wohnform so nicht kennen."

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foto: gruenhoch3

Ulrike Seher, Landschaftsfplanerin und Geschäftsführerin von gruenhoch3:

"Wir bemerken ein wachsendes Interesse an Dachgärten. Flächen am Boden sind rar, während sich auf den Dächern unzählige Möglichkeiten eröffnen. Das wird heute auch bei Dachgeschoßausbauten immer mitgedacht. Wichtig ist, dass man sich frühzeitig Gedanken darüber macht, was man will – bei Whirlpools oder Swimmingpools muss der Dachausbau verstärkt werden. Die Leute wünschen sich heute zunehmend ein Leben im Freien – also nicht mehr nur den klassischen Ess- oder Loungebereich. Das ist mittlerweile Standard. Dazu kommt der Wunsch nach einem Koch- und Wellnessbereich im Freien, mit Dusche oder Badewanne. Selbst wenn nur wenig Platz ist: Wir haben schon Projekte mit fünf bis sieben Quadratmetern umgesetzt, wo wirklich jeder Quadratzentimeter ausgenutzt wurde. Auch Projekte mit 200 Quadratmetern auf mehreren Ebenen haben wir gemacht. Egal, ob klein oder groß: Dahinter steckt der Wunsch, das Leben im Freien zu genießen."

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foto: d. sattmann

Fritz Oettl, Architekt, Gründer von Cofabric und Bewohner von JAspern:

"Unser Haus ist selbstbestimmt organisiert, es gibt immer wieder Veranstaltungen – auch im Garten. Ich bin nicht sicher, ob dieses Modell für alle Menschen infrage kommt. Es gibt bestimmt auch jene, die lieber ihre Ruhe haben möchten und an den gemeinschaftlichen Flächen auch nicht mitzahlen wollen. Das ist sicher eine Einstellungssache. Unser Garten ist in verschiedene Nutzungsbereiche aufgeteilt. Es gibt eine Terrasse zum Grillen, begrünte Flächen mit intensiver Dachbegrünung, und für jede Wohnung ist ein Hochbeet vorgesehen, dort können etwa Blumen, Gemüse oder Kräuter angebaut werden. Ein Dachgarten ist für mich eine Sensation im dichtbebauten Stadtgebiet. Seit ich selber einen nutze, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, ohne zu leben. Für mich ist so ein Garten auf dem Dach unumgänglich geworden. Meiner Meinung nach sollte jeder Wiener einen haben. Wenn Besucher zu uns kommen und unseren Garten auf dem Dach sehen, sind sie immer gleich ganz baff." (bere, zof, 13.5.2016)

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