Die Angst davor, als Nichtjungfrau zu gelten

4. März 2016, 16:03
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Manche Frauen in Bosnien lassen sich Hymen rekonstruieren

Sie hatten bereits seit zwei Jahren Spaß miteinander. Aber er wollte sie einfach nicht heiraten. Da fuhr sie von Bosnien-Herzegowina nach Belgrad und ließ sich von Doktor Dušan Protić das Jungfernhäutchen rekonstruieren. Dann ging sie zu ihrem Freund und sagte: "Und jetzt gibt es erst wieder Sex, nachdem wir geheiratet haben!"

Der Gynäkologe Protić macht seit 40 Jahren Hymenrekonstruktionen, früher sei eher nach Unfällen oder Vergewaltigungen danach gefragt worden, berichtet er. Heute verlören Mädchen ihre Jungfräulichkeit auf Exkursionen, oder sie wollten eine Hymen rekonstruktion, nachdem sie von der ersten Liebe enttäuscht worden waren. Viele Patientinnen erzählten, dass die Schwiegermutter fordere, dass sie vor der Hochzeit zur Überprüfung des Jungfernhäutchens zum Gynäkologen gehen.

Beweis für Gegenteil der Realität

Protićs Patientinnen sind aus allen Religionsgruppen und zwischen 18 und 30 Jahren alt, die älteste war 39. Sie kommen vom gesamten Balkan, aber auch aus Österreich und Deutschland. Die Operation dauere höchstens eine Stunde. Protić hat eine ganze Sammlung von Fotos, die ihm Patientinnen von ihren blutbefleckten Bettlaken nach der Hochzeitsnacht geschickt haben.

Es ist wohl der irrationalste medizinische Eingriff überhaupt – denn die läppische anatomische Veränderung soll eine mythische Vorstellung beweisen, die das Gegenteil der Realität darstellt. Die Schwindelei, die bis zu 3000 Euro kosten kann, dient allein dazu, patriarchale Wünsche zu befriedigen. In Bosnien-Herzegowina werden Frauen, die in streng muslimische Familien "einheiraten", viermal vor der Hochzeit gefragt, ob sie Jungfrauen seien. Oft geht es eigentlich darum, dass der Mann sichergehen will, dass er der erste Sexualpartner ist.

Keine Bestrafungen durch die Glaubensgemeinschaft

Der Jungfräulichkeitskult vor der Ehe hatte ursprünglich damit zu tun, dass die Männer sicher sein wollten, dass die Kinder von ihnen stammen. "Die Jungfräulichkeit wurde in Europa aber durch das Christentum zum wichtigen Identitätskriterium", erklärt die Kulturhistorikerin Anke Bernau, "es ging darum, dass der Staat und die Familie nicht so wichtig sein sollten wie der Glaube." Dies war die Grundlage für den Zölibat der Priester und Nonnen.

Ab dem frühen Mittelalter war die Jungfräulichkeit bei Frauen ein Zeichen von Zugehörigkeit zu einer höheren Schicht. In den USA ist Jungfräulichkeit vor der Ehe nach wie vor wichtig. Im Islam geht man ohnehin davon aus, dass man jungfräulich in die Ehe geht. Außerehelicher Geschlechtsverkehr kann mit 80 Hieben bestraft werden – Voraussetzung für diese Strafe sind aber vier Augenzeugen, die es natürlich nie gibt. Im säkularen Bosnien-Herzegowina sieht die Islamische Glaubensgemeinschaft außerehelichen Sex zwar als Sünde an, Bestrafungen überlässt man aber ohnehin ganz dem Staat.

Verina Wild vom Institut für Biomedizinische Ethik in Zürich betont, dass es immer ein Machtmittel war, "die Jungfräulichkeit so hoch zu hängen". Heute sei die Genitalchirurgie aber ein riesiger Markt, mit der Hymenrekonstruktion würde auch in Westeuropa viel Geld gemacht. Unter Medizinern werde trotzdem nicht viel dar über debattiert.

Blut aufs Laken zaubern

Es sei sehr wichtig, dass Gynäkologen Frauen, die Angst davor haben, als Nichtjungfrauen gebrandmarkt zu werden, Alternativen zur Hymenrekonstruktion aufzeigen. "Niemand kann sehen, ob jemand tatsächlich eine Jungfrau ist, und ein Mann kann das beim Sex gar nicht merken", so Wild. "Außerdem kann man ja das Blut auch anders auf das Laken zaubern." Tricks dafür gebe es bereits seit dem Mittelalter. Abgesehen davon bluten viele Frauen bei der Defloration ohnehin nicht.

Die Sorge, dass ihr genau das passieren würde, brachte eine junge Frau aus dem erzkonservativen südserbischen Sandžak zu Doktor Protić. Sie bat – obwohl sie noch nie Sex hatte – um ein gestrafftes Hymen, das bei der Defloration bluten sollte. Der traurige Hintergrund: Ihre Schwester war in der Hochzeitsnacht vor den Gästen bloßgestellt worden, weil sie nicht geblutet hatte. Sie wurde von ih rem Schwager wieder in die Herkunftsfamilie zurückgebracht. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 4.3.2016)

STANDARD-Schwerpunktausgabe: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016? Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Self-Defloration: Nilbar Güreş befasst sich in  ihrer Arbeit auch mit dem Druck und der Gewalt,  die patriarchale und heteronormative Strukturen ausüben – vor allem auf den weiblichen Körper. 2006 entstand diese "Self-Defloration" betitelte Collage, ein Akt der Selbstermächtigung.
    foto: courtesy the artist; galerie m. janda, wien; rampa, istanbul

    Self-Defloration: Nilbar Güreş befasst sich in ihrer Arbeit auch mit dem Druck und der Gewalt, die patriarchale und heteronormative Strukturen ausüben – vor allem auf den weiblichen Körper. 2006 entstand diese "Self-Defloration" betitelte Collage, ein Akt der Selbstermächtigung.

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