Un/sichtbare Geschlechterverhältnisse

Ansichtssache4. März 2016, 16:01
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Köln: Ein Wort, das zu einer Chiffre für mehr wurde. "Köln". Die Vorfälle in der Silvesternacht mit massiven sexuellen Übergriffen auf zahlreiche Frauen durch Gruppen von Männern vor allem aus dem nordafrikanischen bzw. arabischen Raum nicht nur in dieser einen deutschen Stadt haben den Blick auch auf die Geschlechterverhältnisse gelenkt – auf das Leben und Zusammenleben von Frauen und Männern.

Wer darüber vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie also sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016? Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen? Wo stehen wir heute?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe am 5. März die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.

Illustriert wird diese STANDARD-Schwerpunktausgabe mit Werken der in Istanbul geborenen Künstlerin Nilbar Güreş, die sich in ihrer Arbeit immer wieder auch mit Geschlechterkonstruktionen und Strategien des Zeigens und Verbergens, des Ver- und Enthüllens beschäftigt.

Hier können Sie in einer "Ansichtssache" alle Fotos von Nilbar Güreş sehen, die sich durch die Printausgabe des STANDARD ziehen. Wer mehr wissen möchte über die in Wien und Istanbul arbeitende Künstlerin – hier entlang zum Porträt.

Online können Sie alle Texte aus der STANDARD-Schwerpunktausgabe im Ressort "Geschlechterverhältnisse" gesammelt lesen. (Lisa Nimmervoll, 4.3.2016)

Link:

Porträt der Künstlerin Nilbar Güreş

foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

The Living Room: Stoffe seien für sie "die beste Lektüre", sagt die Künstlerin Nilbar Güreş. Sie verhandelt in ihren Werken immer wieder auch das Thema des Ver- und Enthüllens – vor allem des weiblichen Körpers. Das Bild "The Living Room" aus der Reihe "Çirçir" – entstanden im gleichnamigen Istanbuler Bezirk – zeigt Anwesenheit trotz Unsichtbarkeit, Identitätskonstruktion ohne Worte.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Below Elsewhere’s Palm Trees: Dieses Bild entstand 2012 in New York auf Governors Island. Nilbar Güreş analysiert gesellschaftliche Konstruktionen von Geschlechterrollen und kollektiven Identitäten vor dem sozialen, kulturellen und religiösen Hintergrund. Die Stoffbahn symbolisiert Freiheitseinschränkung für beide Frauen – egal, ob im Minirock oder mit Kopftuch.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; sammlung museum wien

Overhead: Diese Fotografie aus der Werkserie "TrabZONE" – entstanden 2010 in der türkischen Stadt Trabzon am Schwarzen Meer, mit der Nilbar Güreş Kindheitserinnerungen verbindet – symbolisiert einen Kern der noch immer weit verbreiteten Arbeitsteilung zwischen den Geschlechter. Diese Frau scheint den Hausrat – die Hausarbeit – mit Leichtigkeit zu schultern. Aber unübersehbar: der Stapel ist riesig und schwer.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; ozge ozguner, meryem gulduldak

Fatih-Performance: 2008 realisierte Nilbar Güreş in Istanbul, wo sie neben Wien auch lebt und arbeitet, vier Performances unter dem Titel "Unknown Sports". Die Locations waren verschiedene Viertel in Istanbul: Fatih, ein religiöses und konservatives Einkaufsviertel, in dem die Bilder der hier präsentierten Serie entstanden sind; Besiktas, ein Geschäfts- und Wohnviertel; Uskudar, das als traditionell-religiös und konservativ gilt, und Kadıköy, ein säkulares Wohn- und Geschäftsviertel.

Für die Fatih-Performance wählte die Künstlerin einen religiösen Feiertag aus. In einem Brautkleid, das sie über einer Kickboxhose und anderer Sportausrüstung trug, stand sie zuerst auf der Straße und posierte. Dann löste sie das rote Band, das in türkischer Tradition die Jungfräulichkeit symbolisiert.

Im Folgenden bat Nilbar Güreş Passantinnen und Passanten, ihr zu helfen, das Brautkleid Teil um Teil auszuziehen. Frauen weigerten sich meistens, Männer und Kinder waren offener, schildert sie ihre Erfahrungen. Sie kommunizierten mit ihr und halfen mit.

Es war schließlich ein etwa zwölfjähriger Bub von der Straße, der ihren Hochzeitshandschuh auszog und danach laut schrie: "Freiheit für Frauen!" Nilbar Güreş trug nur noch kurze Hose und T-Shirt.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; ozge ozguner, meryem gulduldak
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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; ozge ozguner, meryem gulduldak
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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; ozge ozguner, meryem gulduldak
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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; ozge ozguner, meryem gulduldak
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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; ozge ozguner, meryem gulduldak
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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; ozge ozguner, meryem gulduldak
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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; ozge ozguner, meryem gulduldak
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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Worship: Das Foto aus der "TrabZONE"-Serie 2010 zeigt eine Anbetungsszene, die es so gar nicht geben dürfte. Zwei Frauen knien auf dem Teppich der leeren Moschee in der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer – im Erdgeschoss, das Männern vorbehalten ist. Nilbar Güreş wollte das Bild bewusst in einer religiös besonders rigiden Umgebung machen, im Wissen, dass dieser Tabubruch da noch gefährlicher war als anderswo.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; sammlung lentos kunstmuseum wien

The Front Balcony: Dieses Foto gehört zu einer Werkserie von Nilbar Güreş, die 2010 im Istanbuler Bezirk Çirçir, in dem die Künstlerin einen Teil ihrer Kindheit verbrachte, entstanden ist. Es zeigt eine verschworen-surreale Szenerie weiblicher Befreiung und Solidarität. Die ältere Frau mit Kopftuch beobachtet die zwei jungen Frauen bei ihrem Tun draußen auf dem Balkon wie eine wohlwollende Komplizin.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Clothier-Backstage: Nilbar Güreş arbeitete auch im kurdischen Heimatdorf ihres Vaters. Dort entstand 2011 dieses nächtliche Foto. Eine Frau verkauft hinter einem Stall Kleidung und Tücher. Sie trägt eine blonde Perücke. Was ist ihre Identität? Kann man Identität kaufen oder verkaufen?

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; landesgalerie linz

Cloth-Skirt: Dieses Bild setzte Nilbar Güreş 2011 in Anatolien in der Türkei in Szene. Die Künstlerin choreografiert Szenen, in denen sie Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt, immer sind Freiheitspotenziale eingebaut – es kann in die eine oder in die andere Richtung gehen. Und doch bleiben unsichtbare Unwägbarkeiten bei der Transformation von Geschlechterrollen, sozialen, kulturellen und religiösen Identitäten.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Rose of Sapatão: Die Skulptur namens "Rose of Sapatão" ist für die 31. São Paulo Biennale im Jahr 2014 entstanden. Sapatão bedeutet "großer Schuh" und ist in Brasilien eine Slangbezeichnung für Lesben. Diese Arbeit von Nilbar Güreş ist im Museum der Moderne Salzburg zu sehen und wurde aus Mitteln der Galerienförderung des Bundes angekauft.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Non-Sex-Belt: Für diese Arbeit für die São Paulo Biennale 2014 hat Künstlerin Nilbar Güreş mit Frauen vor Ort gearbeitet und traditionelle Gegenstände, indigene Objekte und Textilien aus verschiedenen Kulturen für ihre Fotografien und Objekte verwendet. Die Schnur, der "Non-Sex-Belt", wird in einer indigenen Gruppe von den Frauen getragen, wenn sie keinen Sex wollen. Die Transgenderfrau im Bild öffnet ihn, signalisiert offensiv "Ich will Sex" – und widersetzt sich der gesellschaftlichen Erwartung, wonach diese Frauen nur als asexuell akzeptiert werden.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Self-Defloration: Nilbar Güreş befasst sich in ihrer Arbeit auch mit dem Druck und der Gewalt, die patriarchale und heteronormative Strukturen ausüben – auch und vor allem auf den weiblichen Körper. 2006 entstand diese "Self Defloration" betitelte Collage – ein Akt der Selbstermächtigung.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Rivers of Heaven: In dieser Textilarbeit aus dem Jahr 2011 setzt die Künstlerin Nilbar Güreş den transzendentalen Paradiesvorstellungen, die sich in verschiedenster Form in den unterschiedlichen Religionen finden und in denen lebensspendende Flüsse immer eine Rolle spielen, einen geschlechtlich expliziten, lebensnahen Gegenentwurf entgegen. Warum auf ein unsicheres Jenseits warten? Warum nicht den Himmel auf die Erde holen und sich ein eigenes Paradies schaffen – und sei es nur für Momente?

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Unknown Sports: Bei der 11. Istanbul Biennale präsentierte Nilbar Güreş 2009 in ihrer Geburtsstadt eine Serie "unbekannter Sportarten". Frauen in unorthodoxer Sportkleidung führen selbst erfundene Turnübungen unter ironischer Einbeziehung weiblicher Klischees vor. Ein BH sitzt falsch herum, am Barren wird das Bein gewaxt. Private Szenen in einem männlich-codierten öffentlichen Raum – ein Akt der Aneignung.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul
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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Kimlik: Dieses Foto stammt aus einer Videoarbeit von Nilbar Güreş. "Kimlik" bedeutet Identität. Das Sujet verhandelt aber auch das Thema Krieg. Auf einer Straße nahe eines kurdischen Dorfes mit alevitischer Bevölkerung liegt eine zugedeckte Person. Ein Mann? Eine Frau? Ist es vielleicht ein toter Körper? Im Video schiebt diese Person die Stoffe weg, steht auf – und entfernt sich von der Kamera. Sie geht ihren Weg.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Dieses Bild gehört zum Projekt "Open Phone Booth", das Nilbar Güreş 2010 im kurdisch-alevitischen Heimatdorf ihres Vaters realisierte. Wer ist das? Ein Mann? Eine Frau? Ist das wichtig? Da steht ein Mensch in neonfarbener Winterjacke. Und dahinter – verborgen durch einen Teppich – ist noch jemand. Auch von dieser Person erfahren wir nichts, außer dass sie da ist. Sogar der Hund verweigert den Blick.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

A Family Portait – Hidden Women: In der Werkserie "Çirçir" – ein Randbezirk von Istanbul versammelte Nilbar Güreş vor einem ehemaligen Haus ihrer Familie, das mittlerweile einem Tunnel weichen musste, Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, Generationen und mit unterschiedlichen Kleidungsstilen. Aber etwas irritiert. Da sind zu viele Hände auf dem Bild. Hinter der Familienidylle steckt noch mehr.

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul

Cemile is standing: Ein Thema, das sich durch Nilbar Güreş’ künstlerische Arbeit zieht, ist die Frage nach kultureller Identität. In diesem Kontext entstand das Projekt "Open Phone Booth", für das die Künstlerin den Alltag der Menschen im kurdischen Heimatdorf ihres Vaters dokumentierte. Wer in dieser infrastrukturell vernachlässigten Region Kontakt zur Außenwelt oder etwa zu Verwandten aufnehmen will, muss oft lange suchen und hoch in die Berge hinaufklettern, um endlich einen Empfang für das Handy zu bekommen.

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Haydar and His Friends

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Gülten is calling

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foto: courtesy the artist; galerie martin janda, wien; rampa, istanbul; sammlung museum wien

Junction: Die Reihe TrabZONE, aus der dieses Foto von Nilbar Güreş mit dem Titel "Junction" stammt, entstand in Trabzon, einer Hafenstadt am schwarzen Meer, die Ferienort ihrer Kindheit war. In dieser Werkreihe setzt sich die Künstlerin mit Geschlechterrollen, religiösen und nationalen Werten auseinander.

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