Gesucht: Wohnen ohne Klischees

7. März 2016, 15:39
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Bei immer mehr Wohnprojekten wird mit Rollenklischees gebrochen: Mietverträge etwa dürfen ausschließlich von Frauen unterzeichnet werden

Draußen, auf einer Terrasse, wischt ein Mann gerade einen Gartentisch ab. Drinnen, im Wohnprojekt Kalypso im Kabelwerk in Wien-Meidling, sind Männer weniger präsent: Mietverträge dürfen hier nämlich nur von Frauen unterzeichnet werden. Zwar dürfen diese durchaus mit einem Mann hier wohnen, im Verein ro*sa, der die Entscheidungen im Haus trifft, werden aber nur Frauen aufgenommen. "Wir entscheiden", stellt Ingrid Farag vom Verein ro*sa klar. "Aber dafür bezahlen wir auch."

Und das seit mittlerweile sechseinhalb Jahren. Die ersten Planungen für das Projekt begannen schon 2003. Mittlerweile gibt es zwei weitere Frauenwohnprojekte im zweiten und im elften Bezirk. Die anfängliche Aufregung hat sich mittlerweile ein bisschen gelegt: 2009 entschied die Gleichbehandlungskommission, dass eines der Projekte Männer tatsächlich ausschließen darf. Auch Anfragen, ob es sich bei den Frauenwohnprojekten um ein "Sicherheitsrisiko" handle, musste sich Farag aber schon anhören.

Frauen wohnen anders

"Es ist mir politisch wichtig, Strukturen zu schaffen, bei denen Frauen bestimmen", sagt sie. Männer könnten ja auch ein eigenes Wohnprojekt nur für Männer starten. Zudem seien von den 1000 Wohnungen, die im Kabelwerk entstanden sind, lediglich die 43 Kalypso-Wohnungen (von denen wiederum ein Drittel vom Wiener Wohnservice vergeben wird, nicht nur an Frauen) nur für Frauen konzipiert.

Ein Unterschied im Wohnen von Männern und Frauen offenbart sich für Farag im Gemeinschaftsraum: "In anderen Wohnbauten sind solche Räume in der Regel leer." Nicht so bei ro*sa: Hier gibt es eine Wohnküche, eine Ausziehcouch, einen Fernseher, einen großen Esstisch, viele Stühle, eine Bibliothek der Bewohnerinnen mit viel Frauenliteratur, Sach- und Kinderbüchern. Einmal im Monat findet hier ein Brunch für alle Hausbewohner (auch die Männer) statt. Yoga- und Shiatsu-Kurse werden angeboten, Geburtstagsfeste gefeiert. Das dichte Programm zeigt ein Blick auf den Kalender, der an der Tür hängt. Frauen würden sich in diesem Bereich mehr engagieren: "Das war ja auch ihre traditionelle Rolle."

Unterschiede beim Wohnen

"Frauen legen mehr Wert auf Gemeinschaftsräume", bestätigt auch die Architekturpsychologin Christina Kelz. Sie sieht auch andere Unterschiede im Wohnen: So würden Männer und Frauen beispielsweise unterschiedliche räumliche Distanzen präferieren. Männer leiden daher schneller an Beengungsstress.

Auch die Positionierung der Möbel falle unterschiedlich aus: Frauen sitzen lieber neben ihrem Gesprächspartner, Männer gegenüber. Zudem würden Frauen ihre Wohnung mehr personalisieren.

Ein weiterer Unterschied: "Frauen verbringen mehr Zeit zu Hause", sagt Kelz. Denn Kinder- und Altenbetreuung sind noch immer hauptsächlich Frauensache. Daher würden Frauen eher funktionale Grundrisse bevorzugen.

Besonders viel Mitsprache bei der Planung hatten die künfti- gen Bewohner der Baugruppe que[e]rbau, die derzeit in der Seestadt Aspern baut. In einem Jahr wollen sie einziehen. Im Projekt gehe es darum, binäre Geschlechterrollenbilder aufzubrechen, erklärt der Initiator Andreas Konecny.

Unkonventionelle Wohnformen

"Die Bewohner konnten ihre Wohnungen komplett selbst planen", erzählt er. "Keine Wohnung wird der anderen gleichen." Entstanden seien unkonventionelle Wohnformen wie Wohngemeinschaften und sehr kleine Einheiten. Auch zwei Wohnungen für Asylwerber sind geplant.

Die klassische Vater-Mutter-Kind-Wohnung wiederum sei bei que[e]rbau nicht so stark vertreten, auch wenn drei Familien mit Kindern einziehen werden, die die Freiheiten des Projekts zu schätzen wissen und ihren Kindern ein möglichst buntes Umfeld bieten wollen.

Unten, im Erdgeschoß, wird ein Vereinslokal, das von den Bewohnern betrieben wird, unterschiedliche Veranstaltungen anbieten. Im Unterschied zu anderen Baugruppen stehe bei que[e]rbau aber auch ganz besonders das Individuelle im Vordergrund: "Jeder ist für sich, manches wird zusammen gemacht."

Gemeinschaft bis ins Grab

Wohnformen abseits des Mainstreams wie in der Seestadt oder im Kabelwerk werden immer häufiger. Das zeige einen Wandel in der Gesellschaft auf, sagt Architekturpsychologin Kelz. Das Planen sei früher reine Männerdisziplin gewesen, auf die Nutzungswünsche von Frauen sei daher zu wenig eingegangen worden.

Wohnprojekte wie que[e]rbau würden auf lange Sicht dazu beitragen, die Gesamtgesellschaft offener zu machen. Im kleineren Rahmen hätten Studien wiederum belegt, dass die Wohnzufriedenheit in Siedlungen, die besonders homogen sind, höher ist, weil man unter Gleichgesinnten ist – zumindest bis zu einem gewissen Ausmaß, wie Kelz betont.

Der Bedarf an mehr Projekten für Frauen ist vorhanden, sagt Farag. Sie sucht weiter nach Objekten und Interessentinnen und denkt auch sonst an die Zukunft: "Einige unserer Bewohnerinnen waren bereits schwerkrank." Mittlerweile hat der Verein ein Gemeinschaftsgrab beim unweit des Kabelwerks gelegenen Friedhof am Schöpfwerk organisiert. (Franziska Zoidl, 6.3.2016)

Schwerpunkt: Geschlechterverhältnisse

Wer vorurteilsfrei, aber auch realitätsnah über Vorkommnisse wie etwa die Silvesternacht in Köln nachdenken will, landet in einer komplexen Gemengelage, die Fragen nach Sexismus und Rassismus, aber auch Kulturrelativismus aufwirft. Wie sehen sie aus, die Geschlechterverhältnisse im Jahr 2016?Welche Rolle spielen dabei die sozialen Verhältnisse, welchen Einfluss haben die Religionen und ihre Männer- und Frauenbilder? Wo gilt es, die Errungenschaften der Aufklärung und Emanzipation mit Nachdruck zu verteidigen?

DER STANDARD legt in einer Schwerpunktausgabe, die mit Werken der Künstlerin Nilbar Güres illustriert wird, die Geschlechterverhältnisse unter das journalistische Brennglas und beleuchtet sie aus verschiedensten Perspektiven.
  • Immer mehr Menschen leben lieber ungewöhnlich. Eine Vielfalt an Wohnformen macht auch den Rest der Gesellschaft offener, wie Studien zeigen.

    Immer mehr Menschen leben lieber ungewöhnlich. Eine Vielfalt an Wohnformen macht auch den Rest der Gesellschaft offener, wie Studien zeigen.

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