Irlands "Mission 3" früh am Ende

Video15. Februar 2016, 01:41
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Titelverteidigung nach 9:10-Niederlage in Paris gegen Frankreich außer Reichweite – England Tabellenführer

Paris/Cardiff – Das von Chefcoach Guy Novès in Aussicht gestellte Flair machte sich zwar rar, doch Frankreichs Rugby-Nationalmannschft gewann am Samstag auch ihr zweites Match in den Six Nations 2016. Und das nicht gegen irgend jemanden, sondern gegen den regierenden Champion Irland, der sich am Ende 9:10 geschlagen geben musste. Lange deutete nicht viel darauf hin, denn die Gäste waren seit der 15. Minute ununterbrochen in Führung gelgen, ehe der einzige Try der Partie durch Maxime Medard im Finish den Umschwung brachte (70.).

Es war nicht allzu hübsch anzusehen, was sich im regnerischen Stade de France abspielte. Die Iren hatten im Scrum die Oberhand und kontrollierten so recht kommod das Geschehen. Frankreich kam nicht in die Partie, konnte sich ohne Ballbesitz logischerweise auch nicht entfalten. Die Backs waren kaum involviert, das galt auch für den flamboyanten Flügel Virimi Vakatawa, den Novès aus Frankreichs 7er-Team in seinen Kader gelotst hatte. Zu tief steckten er und seine Kameraden zumeist in ihrer eigenen Spielhälfte fest.

Hart aber fad

Die Blauen hielten mit Härte dagegen, ihre Tacklings schrammten mehrfach sehr knapp an den Grenzen der Regularität entlang. Darüber hinaus ging es zweifellos, als Irlands Spielmacher Johnny Sexton durch Yoann Maestri von hinten zu Boden gebracht wurde und vom Ball weit und breit nichts zu sehen war. Eine Gelbe Karte wäre angebracht gewesen, doch keiner der Referees hatte etwas gesehen. Manchmal roch das alles doch sehr nach einem ungesunden Überfluss von Motivation. Sexton hatte mit drei Penaltykicks für neun Punkte gesorgt (15., 29., 39.), sein Gegenüber Jules Plisson konnte allein mit einem solchen dagegenhalten (32.). Eine weitere Möglichkeit ließ er kurz vor der Pause ungenützt, 3:9 also der Stand.

Frankreich wirkte zwar fokussierter als vor einer Woche gegen Italien, als man am selben Ort mit Ach und Krach ein 23:21 herausgewurschtelt hatte, ein bisschen wuchs die Equipe vielleicht auch mit dem Gegner. Sehenswertes gelang aber allzu selten. Keine schnellen Bälle, stattdessen umso mehr Knock-ons. Das sind Situationen, in denen ein Spieler den Ball nicht kontrollieren kann und dieser nach vorne wegspringt. Sein sofortiger Verlust ist die Folge. All das spielte der irischen Taktik in die Hände, den Gegner zu Fehlern zu zwingen. Die Champions blieben wie erwartet jederzeit diszipliniert und verstopften alle Kanäle für mögliche Offensivaktionen. Allerdings verlor man bereits in den ersten 40 Minuten Sean O'Brien (Oberschenkel) und nach einem weiteren brutalen Tackle Dave Kearney (Schulter) mit Verletzungen.

Die zweite Halbzeit sah zunächst mehr von demselben. Sexton griff nun öfter auf den guten alten Garryowen zurück, einen steil nach oben abgeschickten Kick, unter dem die Angreifer auf die letzten Männer des Gegners zustürmen und versuchen, ihnen ein Fangen des sich wieder senkenden Balles zu verunmöglichen. Gerade bei schmierigen Verhältnissen wie an diesem Nachmittag ist das ein ideales Mittel, um das verteidigende Team gehörig unter Druck zu bringen. Zählbares kam aber nicht dabei heraus. Dann wurde Mike McCarthy nach einem Zusammenprall ausgeknockt, der nächste Aderlass auf Seiten der diesbezüglich bereits schwer in Mitleidenschaft gezogenen Gäste.

Jetzt oder nie

Nach einer Stunde kam Irland erstmals wirklich in Schwierigkeiten, erreichten die Franzosen endlich die irische 22-Meter-Zone, Synonym für: jetzt könnte etwas gehen. Um jeden Zentimeter Fortschritt beinhart kämpfend, näherte man sich langsam aber doch der Trylinie. Ein Haufen Leiber lag schließlich aufeinandergeschichtet genau zwischen den Malstangen, es war nicht zu sehen, ob ein Franzose den Ball irgendwo ganz unten hinter der Linie zu Boden hatte bringen können. Als selbst der Video-Referee w.o.-gegeben hatte, blieb dem Unparteiischen nur eine Entscheidung: Scrum statt Try. Aber es war nun Leben im Stade, ein Funke war übergesprungen, die Crowd versammelte sich endlich hinter ihrem Team. Die Marseillaise schallte durchs Rund. Es war offensichtlich: die entscheidende Phase war angebrochen.

rbs 6 nations

Die Franzosen setzten alles daran, den Versuch zu erzwingen. Nach dem vierten Scrum ergab sich endlich eine Option zu rennen. Schnell war der Ball aus dem Gedränge gekommen, und Medard marschierte nach einem ebenso flotten Pass zur Erlösung. Die Conversion war kein Problem für Plisson, Frankreich führte. Es hatte sich gerächt, dass die Iren ihre Überlegenheit nicht in mehr Punkte umgesetzt, sich stattessen auf das Management ihres Vorsprungs verlegt hatten. Frankreich hingegen profitierte von seiner potenten Ersatzbank, die mit einer Reihe starker Forwards bestückt war. Bereits in der 44 Minute hatte Novès seine Props ausgewechselt, die ihre Gegenüber in der Folge mehr und mehr zermürbten. Sexton erwischte es dann auch noch, erschüttert an Kopf und Genick wankte er vom Feld.

Die Iren, die seit fünf Jahren nicht mehr gegen Frankreich verloren hatten, bekamen nun keinen Zugriff mehr. Unter Chorälen der Ränge brachten die Blauen den zweiten knappen Sieg im zweiten Match der Nations 2016 über die Runden. Doch auch solche bringen zwei Punkte für die Tabelle – und einen massiven Schub für das französische Selbstvertrauen. Schließlich sind Erfolge immer noch der geschmeidigste Katalysator für ein Team im Aufbau. Für Irland hingegen, 2014 wie 2015 die Nummer eins im europäischen Rugbykonzert, scheint der dritte Titel in Folge bereits jetzt unerreichbar. Bereits vor einer Woche beim 16:16 gegen Wales in Dublin hatte man nicht gewonnen.

Schottland leidet weiter, England top

Die Waliser ihrerseits verlängerten im zweiten Spiel des Tages die Niederlagenserie Schottlands mit einem 27:23-Sieg in Cardiff auf nunmehr neun Matches, ein neuer Negativrekord für die Geschichtsbücher. Tries von Jamie Roberts und George North in der zweiten Halbzeit brachten die Entscheidung. Die Schotten konnten lange überraschend gut mithalten, Wales überzeugte erneut nicht wirklich. Immerhin: die Dragons sind ein Mitfavorit, der noch im Rennen ist.

Am Sonntag setzte sich England an die Tabellenspitze, bezwang Italien in Rom am Ende klar mit 40:9 (11:9). 50 Minuten lang konnten die Azzurri die Partie offenhalten, dann aber öffneten sich den Gästen Tür und Tor. Der zweite Try für England durch Jonathan Joseph in der 53. Minute ließ das Match zu einem gänzlich anderen werden, der Centre legte noch zwei weitere Versuche zum Hattrick nach (58., 71.). Am Ende lief alles doch wieder so, wie in den 21 früheren Vergleichen der beiden Nationen, gewonnen allesamt von England. (Michael Robausch, 14.2. 2016)

Link: Tabellenstand

Six Nations, zweite Runde:

Frankreich – Irland 10:9 (3:9)

Frankreich – Try: Maxime Medard (70.)
Conversion: Jules Plisson (71.) Penalty
Goal: Jules Plisson (32.)

Irland – Penalty Goals: Jonathan Sexton (15., 29., 39.)

Wales – Schottland 27:23 (10:13)

Wales – Tries: Gareth Davies (6.), Jamie Roberts (64.), George North (70.)
Conversions: Dan Biggar (7., 64., 71.)
Penalty Goals: Dan Biggar (34., 46.)

Schottland – Tries Tommy Seymour (12.), Duncan Taylor (78.)
Conversions: Greig Laidlaw (13.), Duncan Weir (79.)
Penalty Goals: Greig Laidlaw (30., 40., 54.)

Italien – England 9:40 (9:11)

Italien – Penalty Goals: Carlo Canna (9., 19., 36.)

England – Tries: George Ford (25.), Jonathan Joseph (53., 58., 71.), Owen Farrell (75.) Conversions: Owen Farrell (54., 59., 76.)
Penalty Goals: Owen Farrell (12., 63.), George Ford (17.

  • Ich war's: Frankreichs Maxime Medard sorgte für den einzigen Try in der Partie gegen Irland.
    foto: apa/afp/samson

    Ich war's: Frankreichs Maxime Medard sorgte für den einzigen Try in der Partie gegen Irland.

  • Sean O'Brien war einer von vier irischen Unglücklichen, die in der derben Auseinandersetzung im Stade de France blessiert wurden.
    foto: reuters/boyers

    Sean O'Brien war einer von vier irischen Unglücklichen, die in der derben Auseinandersetzung im Stade de France blessiert wurden.

  • Der walisische Lock Alun Wyn Jones pflückt sich ein Lineout.
    foto: reuters/browne

    Der walisische Lock Alun Wyn Jones pflückt sich ein Lineout.

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