Six Nations: Groß und stark ist nicht mehr schön

Europas Rugby-Elite startet in ihren jährlichen Vergleichskampf. Engländer und Franzosen suchen nach Enttäuschungen Orientierung, Letztere wollen mit einer Rolle rückwärts wieder nach vorne kommen

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4. Februar 2016, 05:30

Wien/Lyon – "Was wir bei der Weltmeisterschaft erlebt haben, war der Tiefpunkt", sagt Philippe Chassaing. Doch er sagt auch, dass all das Schlechte vielleicht auch zu etwas gut war. Nach dem 13:62-Debakel von Frankreichs Rugby-Nationalmannschaft gegen den späteren Champion Neuseeland im WM-Viertelfinale Mitte Oktober kam die unglückliche Ära des Teamchefs Philippe Saint-André zu ihrem unrühmlichen Ende. Der Handlungsbedarf war ein dringlicher, und Frankreich scheint sich nach dem Schock daran zu erinnern, was es einmal war: ein Team mit dem gewissen Etwas. Nun setzt man alle Hoffnung in Guy Novès, den neuen Chef. Er soll der Mann sein, der Frankreichs Selbstfindung anleitet. Eine Rolle rückwärts in die Zukunft sozusagen, zu der bereits bei den am Samstag anhebenden Six Nations angesetzt werden soll. Beim jährlichen Vergleichskampf von Europas Rugby-Elite steigen neben den Franzosen Titelverteidiger Irland, Wales, England, Italien sowie Schottland in den Ring.

Der Auftritt von Les Bleus bei der WM? "Eine Katastrophe".

Es war Frankreichs Crux, in den letzten Jahren die eigene Spielkultur vergessen und damit auch die spezifische Identität des Rugby Marke Gallien aufgegeben zu haben. Im Fokus standen Physis, Fitnesslevels und deren immer weitere Optimierung. Ein regelrechter Götzendienst hatte um sich gegriffen, es schien, als wollte Frankreich sein wie Südafrika. Chassaing, der Informant des STANDARD, schnaubt vernehmlich, hörbar indigniert. In seiner aktiven Karriere hatte er es als Halbprofi immerhin in die zweite Mannschaft des Spitzenklubs Bordeaux Bègles geschafft, darüber hinaus und dank der österreichischen Mama zierte er auch das hiesige Nationalteam.

foto: afp/pavani
Nach 40 Jahren verabschiedet sich Guy Novès aus Toulouse, wo er seine gesamte Karriere als Spieler wie als Coach zubrachte. Mit 61 übernimmt er nun erstmals die Verantwortung für ein Nationalteam.

Saint-André scheiterte in seiner Amtszeit (2012 bis 2015) an der Aufgabe, eine Stammformation zu finden. Einzige Konstanz war stattdessen ein ständiges Probieren und Experimentieren. Zwei Monate vor dem World Cup stand sein Aufgebot nicht etwa auf einem Notizblock, sondern immer noch in den Sternen. Frankreich fehlten Philosophie und ein Spielsystem. Immer wieder hatte man den Eindruck, dass die Spieler verloren wirkten, nicht wussten, was tun. Es gebrach ihnen an Orientierung. "Eine Katastrophe", sagt Chassaing. Keine zwei Passes hintereinander hätten die einst für ihr Flair gerühmten Bleus zusammengebracht. Mit Niederlagen könne das französische Publikum ja leben, solange die eigene XV zumindest Charakter zeige. Wahrscheinlich sogar besser als mit dröge erwurschtelten Siegen. So etwas sei nämlich ein Unding. Chassaing: "Das ist nicht unser Sport."

Doch es gab noch mehr Probleme. Das Verhälnis Saint-Andrés zu seiner Mannschaft (Bilanz: 20 Siege, 23 Niederlagen, 2 Remis) war oft ebenso zerrüttet wie das zur Öffentlichkeit. Immer wieder gab es Berichte über grobe interne Unstimmigkeiten, zuletzt etwa über eine Meuterei gegen den Trainer nach der ernüchternden Niederlage gegen Irland im letzten WM-Gruppenspiel. Saint-André verhielt sich angesichts der harschen Kritik oft wie ein in permanente Selbstverteidigung verstrickter Einzelkämpfer. Mangelnde kommunikative Souveränität spielte ihre Rolle. Nicht einmal vom eigenen Verband kam nennenswerte Unterstützung für den Isolierten. "Er war ein super Spieler", sagt Chassaing. "Der Anzug des Chefcoaches war aber vielleicht zu groß für ihn."

Monsieur Toulouse

Diesen übernimmt nun Novès. Dem Neuen eilt ein Ruf voraus, er ist der Baumeister von Rekordchampion Toulouse, der allhin anerkannten Referenzgröße im französischen Rugby (und weit darüber hinaus). Er ist eine Persönlichkeit, eine harte Nuss mit durchaus prononcierten Standpunkten, dem aber nicht viel daran liegt, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Der 61-Jährige genießt großen Respekt, hat viel Erfahrung und eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorzuweisen: Zehnmal coachte er Toulouse zur Meisterschaft, viermal zum Sieg im Europacup. 22 Jahre, seine gesamte Karriere als Betreuer, widmete er seinem Herzensverein. Die eigene Karriere als Internationaler endete für Novès früh – und auf eigenes Bestreben. Tödlich beleidigt aufgrund einer Nichtberücksichtigung trat der damals 25-Jährige 1979 nach nur sieben Spielen im Trikot mit dem Hahn zurück.

billy scannell
Andere Zeiten. Cardiff, Arms Park, 1978: Rugby-Spieler sahen aus wie du und ich, der Begriff "Funktionsshirt" musste erst noch erfunden werden, und die Six Nations waren zu fünft, als der Flügelspieler Guy Novès (Nummer elf) mit Frankreich einer legendären walisischen Auswahl mit 7:13 unterlag.

Bei der ersten Zusammenkunft im nationalen Trainigszentrum wurde dem Vernehmen nach kein Rugby gespielt. In aller Ausführlichkeit soll Novès stattdessen dem Kader sein Projekt präsentiert haben. Zentrales Element seiner Vision: Der Ball muss leben. Fluides, passorientiertes Spiel, viel Bewegung: So soll es wieder werden. Eine klare Ansage ist die Einberufung von fünf Neulingen, während der routinierte Mathieu Bastareaud diesmal keine Berücksichtigung fand. Der 125-Kilo-Koloss aus Toulon auf der Allround-Position des Centres passt nicht zum Ansatz des neuen Chefs, bei dem Rasanz und Kreativität gefordert sein werden.

Dass groß und stark (und schwer) nicht mehr dass Maß der Dinge ist, könnte sich in nächster Zeit überhaupt als Megatrend im internationalen Rugby herausstellen. Gemäß dem Motto: freien Raum suchen statt den Kontakt mit dem Gegenspieler. (Was natürlich nichts daran ändert, dass die Cracks auch weiterhin als beeindruckend modellierte Kraftwerke der Konfektionsgröße Kleiderschrank in Erscheinung treten werden.) Leuchtendes Vorbild sind auch hier die neuseeländischen All Blacks, die den Spagat zwischen robuster Physis auf der einen sowie Beweglichkeit und Technik auf der anderen Seite in unerreichter Ausgewogenheit hinbekommen. Österreichs Teamchef Lofty Stevenson hat das dem STANDARD im Vorfeld der WM eindrücklich nähergebracht.

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Österreich-Bezug. Udo Jürgens, genauer: sein "Griechischer Wein", ist in die französische Rugby-Kultur eingegangen. Die Fans des dreifachen Meisters Bayonne haben den Schlager als den ihren adoptiert, hier anlässlich des Derbys gegen Biarritz in beeindruckender Weise intoniert.

Der Titel kann diesmal wohl noch nicht Ziel der Franzosen sein, die auch bei den Six Nations mit drei vierten und einem sechsten Platz zuletzt ja eine eher jämmerliche Figur abgegeben hatten. Novès dürfte sich darauf konzentrieren, seinen Mannen Grundlagen einzubläuen. Einfache Anweisungen für die simplen Dinge, einen Schritt nach dem anderen machen, das wird die Marschrichtung sein. Unterstützung bekommt der Chef von zwei alten Bekannten aus Toulouse. Yannick Bru soll die Forwards auf Vordermann bringen, Jeff Dubois kümmert sich um die Hintermannschaft. Letzterer machte von sich reden, als er einmal über Monate hinweg das Spiel mit dem Fuß gleich ganz untersagte.

Er jedenfalls sei sehr optimistisch, was die Zukunft angeht, sagt Chassaing. Auch wenn Novès ein Grundübel nicht wird auflösen können: den Antagonismus zwischen den selbstbewussten französischen Klubs und der Nationalmannschaft. Die Spieler spielen zuerst für die Vereine – und genau darauf bestehen diese auch. Abstellungen für das Team erfolgen widerwillig und so kurz wie möglich. Wer das Gold hat, macht die Regeln. Man kennt das. Trotzdem. "Der Trainer kann viel tun. Die Spieler bringen gute Leistungen für Toulouse oder Clermont. Warum sollten sie das nicht auch im Team bringen?" Einen Vorteil hat das französische Lager immerhin auf seiner Seite: Schlimmer kann es nicht mehr werden.

Ein Australier in England

Auch England hat mit Eddie Jones einen neuen Mann auf der Brücke. Nach dem, nun ja, Desaster bei der Heim-WM, die für die Gastgeber bereits nach der Gruppenphase (Niederlagen gegen Wales und Australien) erledigt war, folgte die übliche Selbstzerfleischung. Chefcoach Stuart Lancaster, dessen Vertrag vor Turnierbeginn sicherheitshalber bis 2020 verlängert worden war, trat zurück.

foto: afp/neal
Die Führung von Englands Rugby-Nationalteam liegt erstmals in ausländischen Händen: Der Australier Eddie Jones soll die Rosen wieder zum Erblühen bringen.

Dem Australier Jones, erster Ausländer im Amt, wurde von der Rugby Football Union (RFU) in bekannt zurückhaltender Manier der Auftrag mit auf den Weg gegeben, Albions Rosen bei der Weltmeisterschaft 2019 ins Endspiel zu führen.

Doch bis dahin fließt noch viel Wasser die Themse hinab, und Jones' Feuertaufe findet zu Murrayfield in Edinburgh statt. Dort wartet im Auftaktspiel der Six Nations Erzrivale Schottland. Auch Jones bleibt nicht viel Zeit zur Vorbereitung, und es ist durchaus denkbar, dass der Vergleich mit Lancaster zunächst ungünstig ausfallen könnte. Unter dem Vorgänger kam England zuletzt immerhin viermal auf Platz zwei, 2014 und 2015 verpasste man jeweils nur aufgrund der schlechteren Punktedifferenz gegenüber Irland den Titel.

Der 55-jährige Jones hatte Japans Nationalteam bei der WM zu beispielloser Glorie geführt. Der 34:32-Triumph des Rugby-Winzlings gegen den zweifachen Champion Südafrika gilt als die größte Sensation in der Geschichte des traditionsreichen Spiels. Wie sie zustande kam, erspielt nämlich statt errungen, beeindruckte besonders. Auch Jones ist ein Jünger des Laufspiels, der seine Schäfchen intelligente Lösungen suchen lässt. Auf internationalem Level gehe es darum, "dass du als Coach so unabhängig bist, dass du das tun kannst, was du tun willst". Jones hat dieses Standing. Es sollte ihm somit gelingen, Druck von außen zu absorbieren und damit den Spielern ein leichteres Leben zu ermöglichen.

Diese Blitzableiterfunktion ist an Relevanz nicht zu unterschätzen, stehen doch sieben Neulinge in Englands Aufgebot. Nur zwei der 33 Mann zählen mehr als 30 Jahre. Man setze auf Spieler mit Perspektive, so Jones. Schließlich sei es das langfristige Ziel, ein Team zu entwickeln, das das beste der Welt sein kann.

Gegen Schottland hat England zuletzt 2008 verloren, gelingt es den Gastgebern jedoch, an die Leistungen bei der Weltmeisterschaft anzuschließen, könnte es wieder einmal so weit sein mit dem Erfolgserlebnis. Denn ausgerechnet die Schotten, bei den Nations 2015 punktelos Letzte, waren es gewesen, die beim World Cup am heftigsten von allen europäischen Teilnehmern am Halbfinale schnupperten. In einer ungemein spannenden Auseinandersetzung mit Australien (34:35) hatte erst ein ungerechtfertigter Penalty in der Schlussphase den Ausschlag zuungunsten des Außenseiters gegeben. So spielt das Leben – und besonders gerne der Sport. Wobei: Das Ende war ja doch wieder ein Klassiker. Unter herzzerreißenden Umständen untergehen, diese Disziplin beherrscht kaum jemand so virtuos wie die Bravehearts.

Nur Schottland und Italien konnten sich zuletzt nicht in die Siegerliste eintragen.

Schon das erste Nations-Wochenende wird das Treffen jener zwei Teams sehen, die sich in den letzten vier Jahren die Titel brüderlich teilten. Irland (Champion 2014 und 2015) empfängt in Dublin Wales (Champion 2012 und 2013). Beide Seiten gelten auch diesmal wieder als heiße Eisen, nicht zuletzt aufgrund einer Qualität namens Kontinuität. Joe Schmidt, Irlands Chefcoach, ist seit 2003 im Amt, davor stand er schon drei Jahre lang bei Leinster in der Verantwortung, dem erfolgreichsten Profi-Outfit des Landes. Warren Gatland dirigiert Rekordsieger Wales (38 Titel) überhaupt bereits seit 2007. Hier wie da werden also gewachsene und entsprechend eingespielte Formationen ins Rennen gehen.

Unter dem Neuseeländer Gatland, der, mit einem noch bis 2019 laufenden Vertrag ausgestattet, aller Zukunftssorgen ledig ist, konnten die Drachen das Turnier bereits dreimal gewinnen. Die Gewitterwolken eines geradezu surrealen Verletzungspechs, das die WM-Kampagne seines Teams überschattete, haben sich merklich verzogen, obwohl mit Leigh Halfpenny und Scott Williams wichtige Spieler weiterhin fehlen. Andere aber kommen zurück, auch Kapitän Sam Warburton sollte rechtzeitig zum Turnierstart wieder fit sein. Man habe sich, so Gatland bei der Präsentation seines Kaders, für Erfahrung entschieden. Und er beeilte sich, dem Titelverteidiger die Favoritenrolle zuzuschreiben. Doch die bereitwillige Vergabe der Poleposition könnte rein taktischer Natur sein. Psychospielchen oder, wie der Neuseeländer so schön sagt: mind games.

Schmidt, ebenfalls Kiwi, schien in Irland bisher überhaupt den Erfolg gepachtet zu haben. Zweimal hintereinander Platz eins in seinen ersten beiden Saisonen auf der Bank – mehr geht nicht. 2015 konnten die Herren in Grün erstmals seit 1949 ihren Titel verteidigen, drei Siege hintereinander wären überhaupt ein Novum in der 132-jährigen Turniergeschichte.

Eine große Leerstelle wird es geben: Paul O'Connell, Kapitän, inspirierendes Vorbild und im Vorjahr als "Player of the Championship" ausgezeichnet, ist abgetreten. Das Ende seiner internationalen Karriere war ein bitteres. Verletzt hatte O'Connell hilflos mitansehen müssen, wie die Kameraden im WM-Viertelfinale von Argentiniens Pumas überrannt wurden.

Doch gerade die Schmidt'sche Philosophie scheint besonders geeignet, den Verlust individueller Qualitäten ohne gröbere Verwerfungen im Räderwerk abfedern zu können. Denn sie basiert auf dem absoluten Primat von Teamwork, Abläufe werden den Spielern bis zu deren Automatisierung eingetrichtert. Geduldiges Phasenspiel, aufbauend auf der Übermacht eines robusten Forward-Packs, eher keine Experimente – so geht Irland. Das ist nicht unbedingt ein von Spektakel sprühender Ansatz, aber zweifellos ein sehr erfolgreicher. Zumindest auf europäischem Terrain.

Bleibt Italien. Die Herausforderung für die Azzurri grüßt jährlich wie das sprichwörtliche Murmeltier: den bitteren Kelch des letzten Platzes vorübergehen lassen. Das gelang in den letzten zehn Jahren nur bei vier Gelegenheiten, dreimal sprangen die Schotten ein, einmal erbarmte sich Frankreich.

Ähnlich wie in England wurde auch im italienischen Lager ein Umbruch eingeleitet, zehn Debütanten hat der französische Trainer Jacques Brunel erwählt. In dieser Situatuation womöglich noch tragender als ohnehin schon: die Rolle von Sergio Parisse. Italien schart sich um seinen grandiosen Kapitän, der in seine bereits zwölften Six Nations geht. 112-mal hat der 32-Jährige das Nationaltrikot getragen, er ist die absolute Führungsfigur des Teams. Hundert Caps würde er geben für einen Siegerpokal bei den Nations, meinte Parisse gegenüber der "Gazzetta dello Sport". Es steht zu befürchten, dass selbst ein solcher Einsatz noch zu gering wäre. (Michael Robausch, 3.2.2016)

Paarungen der ersten Runde:

6. Februar:
Frankreich – Italien (Stade de France, St. Denis)
Schottland – England (Murrayfield, Edinburgh)

7. Februar:
Irland – Wales (Aviva Stadium, Dublin)