Von der Konstruktion des Natürlichen

19. Dezember 2015, 12:00
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Was ist Natürlichkeit, und wie kann man sie darstellen? In einem Projekt der Bruckner-Privatuni Linz soll erkundet werden, in welchem Verhältnis Kunst und Natur auf der Theaterbühne stehen

Linz – Das Natürliche und das Künstliche erscheinen auf den ersten Blick wie klare Gegensätze. Als natürlich wird gemeinhin das verstanden, was nicht vom Menschen geschaffen worden ist – im Gegensatz zum Künstlichen. Bei genauerer Betrachtung werden die Grenzen jedoch mitunter unscharf. Denn was als natürlich angesehen wird, hängt von vielen Faktoren ab – insbesondere von den Werten dessen, der den Begriff verwendet. Was unter Natürlichkeit verstanden werden kann und wie sie sich darstellen lässt, steht im Zentrum eines wissenschaftlich-künstlerischen Forschungsprojekts, das kürzlich an der Linzer Anton-Bruckner-Privatuniversität angelaufen ist.

Transport von Ideologien

Als kulturelles Konstrukt ist das Natürliche äußerst wandelbar. Das gesellschaftlich Erwünschte wird zum Natürlichen stilisiert. Als künstlich wiederum lässt sich vom lächerlich Übertriebenen bis zur ausgefeilten Technologie sehr vieles beschreiben. Der Naturbegriff eignet sich also perfekt zum Transport von Ideen, Ideologien und Überzeugungen.

Diese besondere Eignung wurde von Künstlern und Kulturpolitikern aller Zeiten erkannt und genutzt, so auch von etlichen Komponisten, Librettisten und Mäzenen des ausgehenden Barocks. Sie setzten der überladenen Kunstform des Absolutismus und der Gegenreformation, der die Huldigung an den jeweiligen Herrscher praktisch eingeschrieben war, eine neue Natürlichkeit in der Bühnenkunst entgegen, die mit dem Begriff Naturalezza bezeichnet worden ist.

"Natürlichkeit als Gegenposition zum als manieriert empfundenen Affektsystem des Barock hat das Lebensgefühl und die Kunstästhetik des ausgehenden 18. Jahrhunderts gekennzeichnet", sagt die Musikhistorikerin Vera Grund, sie ist Expertin für das Werk des deutschen Komponisten Christoph Willibald Gluck. "Einerseits subsumierte man darunter die Idee der Naturnachahmung, andererseits das moralische und ästhetische Prinzip der 'edlen Einfalt', das Aspekte wie Unschuld und Tugendhaftigkeit mit einschloss."

Die Figur des sogenannten edlen Wilden beziehungsweise des unverbildeten Naturmenschen war in der Literatur der französischen Aufklärung ein beliebtes Instrument der Gesellschaftskritik. Auch in Wolfgang Amadeus Mozarts Frühwerk Bastien und Bastienne geht es um ein Schäferpaar, dessen Liebesglück durch adelige Nebenbuhler bedroht wird. Erwartungsgemäß triumphiert das einfache Paar aus dem Volk über die höfische Gesellschaft, die den natürlichen Menschen moralisch bei weitem unterlegen ist.

Im Forschungsprojekt der Bruckner-Privatuniversität bezüglich der Rolle von Natur und Natürlichkeit im Musiktheater werden auch Studierende miteinbezogen. "Es geht uns darum, mit den Studierenden das wandelbare Verhältnis von Kunst und Natur zu reflektieren und dessen Bedeutung für die Bühnenpraxis experimentell zu erschließen", sagt Grund, die das Projekt gemeinsam mit der Flötistin und Expertin für historische Aufführungspraxis Claire Genewein leitet.

Zeitlicher Ausgangspunkt für die theoretischen Überlegungen, die zum Projektabschluss von den Studierenden in reales Bühnengeschehen übersetzt werden sollen, ist die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. "Damals", sagt Genewein, "wurde Natürlichkeit als künstlerisches Mittel der Subversion eingesetzt." So war etwa die barocke Darstellung der Unterwelt in der Gluck-Oper Orpheus und Eurydike noch von typisch christlichen Motiven wie Teufelchen und Ähnlichem geprägt. Später entwickelte sich daraus ein eher an der Natur orientiertes Bühnenbild mit Höhlen und anderen Landschaftsmotiven. Auch für Glucks Komposition wurde der Naturalismus zu einem entscheidenden ästhetischen Prinzip.

Natürlichkeit in der Kunst

Erkennbar werde das, so Genewein, etwa in jener Szene, in der Orpheus zu seiner verstorbenen Frau Eurydike in die Unterwelt will und dafür die Furien besänftigen muss. "Die Furien werden hier mit scharfen Posaunenklängen dargestellt, womit Gluck der natürlichen Empfindung von Angst angesichts dieser Schreckensfiguren musikalischen Ausdruck verleiht."

In ihrem Projekt wollen die Wissenschafter, Künstler und Studierenden durch die Analyse des Konstrukts Natürlichkeit im historischen Kontext dessen Konstruktionsprinzipien freilegen. Mit diesem Wissen soll schließlich die Rolle von Natur und Natürlichkeit auch in der aktuellen Bühnenpraxis – vom Bühnenbild über Gesang und Instrumentalmusik bis zum Tanz – erkundet und bewusst gestaltet werden. (Doris Griesser, 19.12.2015)


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Zwischen Begeisterung und Instrumentalisierung
An der Bruckner-Privatuni wird mit künstlerisch-wissenschaftlichen Methoden zu Natürlichkeit geforscht

  • "Orpheus und Eurydike" von Christoph Willibald Gluck ist eine der Opern, die im Rahmen eines künstlerischen Forschungsprojekts der Anton-Bruckner-Privatuniversität analysiert werden. Im Bild zu sehen ist eine Inszenierung im Rahmen der Salzburger Mozartwoche 2014.
    foto: apa / barbara gindl

    "Orpheus und Eurydike" von Christoph Willibald Gluck ist eine der Opern, die im Rahmen eines künstlerischen Forschungsprojekts der Anton-Bruckner-Privatuniversität analysiert werden. Im Bild zu sehen ist eine Inszenierung im Rahmen der Salzburger Mozartwoche 2014.

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