Warum "Basteltanten" an Kindergärten nicht ausreichen

Userkommentar15. Dezember 2015, 14:32
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Die Bildungsreform geht nicht weit genug. Das zweite verpflichtende Kindergartenjahr mit Opt-out-Möglichkeit widerspricht jeder pädagogischen Logik

Die kürzlich präsentierte Bildungsreform löst Entsetzen und Enttäuschung bei Studierenden des Studiengangs Sozialmanagement in der Elementarpädagogik aus. Österreich steht im internationalen Vergleich nicht nur bezüglich der elementarpädagogischen Rahmenbedingungen, sondern auch hinsichtlich der Ausbildung von Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen in keinem guten Licht. Es ist zu befürchten, dass sich dies auch nicht so schnell ändern wird. Denn die Bildungsreform sieht keine Eingliederung des Kindergartenwesens in das Bildungsressort sowie die seit langem geforderten bundesweit gleichen gesetzlichen Rahmenbedingungen vor.

Erste Bildungseinrichtung der Kinder

Einleitend klingen die Ausführungen der Bildungsreform im elementarpädagogischen Bereich vielversprechend. Endlich wurde der Kindergarten als erste Bildungseinrichtung erkannt, in der wesentliche Grundlagen für die Entwicklung der Kinder gelegt werden. Dass es dafür gut ausgebildete und engagierte Pädagoginnen und Pädagogen braucht und entsprechende Rahmenbedingungen notwendig sind, gilt als selbstverständlich. Leider stehen diffuse Maßnahmen dahinter, die weder sinnstiftend noch realistisch sind.

Absurde Opt-out-Möglichkeit

Das zweite verpflichtende Kindergartenjahr mit Opt-out-Möglichkeit etwa widerspricht jeglicher pädagogischer Logik. Die Eingewöhnung in die institutionelle Kinderbetreuung stellt für viele Kinder eine große Belastung dar und verlangt viel Zeit und Geduld. Sie danach wieder zu verabschieden ist schlichtweg absurd. Abgesehen davon würde nicht nur die Gruppenstruktur darunter leiden, sondern ein immenser bürokratischer Aufwand entstehen.

Auch der Bildungskompass im Sinne der Potenzialanalyse erscheint wenig sinnvoll. Bereits jetzt werden Sprachstandsfeststellungen und Entwicklungsdokumentationen in den Einrichtungen durchgeführt. Das erfordert nicht nur zeitliche Ressourcen, sondern auch kompetentes Personal – in der Praxis mangelt es an beidem.

Österreich State of the Art?

Weder die Ausbildung der Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen noch die verfügbaren Rahmenbedingungen entsprechen den internationalen Standards. Mit der Ausnahme Österreich werden die Pädagoginnen und Pädagogen Europas ausschließlich auf Hochschulniveau ausgebildet. In einer österreichischen Standardkindergartengruppe werden von zwei Personen – Pädagogin und Assistentin – bis zu 25 Kinder betreut, während etwa in Schweden der Personalschlüssel bei 1:5 liegt. Man sieht also: Die Differenz ist groß. Auch der Gehaltsvergleich hinterlässt großes Staunen. Wir sind definitiv nicht State of the Art.

"Kinder sind unsere Zukunft", heißt es so schön. Die Fakten sollten jedoch zu denken geben: Etwa zwei Drittel der Absolventinnen und Absolventen der Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (Bakip) steigen nicht ins Berufsleben ein. Dabei ist allein in Wien der Mangel an Pädagoginnen und Pädagogen extrem hoch. Vielfach wird unqualifiziertes Personal eingesetzt. Somit ist zwar der Betreuungsplatz gesichert, eine effiziente Bildungsarbeit allerdings nicht.

Auffällig ist auch das Burn-out bei Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen. Stressfaktoren wie fehlende Vorbereitungsstunden und die hohe Lärmbelastung nehmen großen Einfluss darauf. Der durchschnittliche Lärmpegel in Regelgruppen beträgt etwa 65 bis 85 Dezibel und ist nicht nur mit Baustellenlärm vergleichbar, sondern wirkt sich auch negativ auf die Sprachverständlichkeit aus. Unter diesen Bedingungen ist keine gute Bildungsarbeit mehr möglich.

Professionalisierung notwendig

Rund um die Diskussionen wird schnell eines vergessen: den Fokus auf das Kind zu legen, das letztendlich im Mittelpunkt stehen müsste. Kinder sollen die Möglichkeit haben, gemäß ihrer individuellen Entwicklung gefördert und begleitet zu werden, um zu selbstbewussten, kompetenten, empathischen Persönlichkeiten heranzuwachsen. Und dafür braucht es mehr als "Basteltanten".

Eine der ersten Ausnahmen, die der Notwendigkeit einer Professionalisierung von Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen Folge leistet, bildet die FH Campus Wien, die seit 2014 ein Bachelorstudium für Führungskräfte in Kinderbetreuungseinrichtungen anbietet. Studierende verfassen aktuell ihre Stellungnahme zur Bildungsreform an das zuständige Familienministerium und werden von Lehrenden dabei tatkräftig unterstützt. Sie wollen nicht länger Marionetten der Politik sein, sondern für mehr Rechte und Chancen im Bildungsbereich kämpfen: für eine bessere Zukunft unseres Landes – und nicht zuletzt für unsere Kinder. (Martina Krassnitzer, 15.12.2015)

Martina Krassnitzer (31) ist Kindergartenleiterin, Kindergarten- und Hortpädagogin, Kunsttherapeutin in Wien sowie Studentin der Studiengangs Sozialmanagement in der Elementarpädagogik.

Dieser Beitrag wurde zuerst auf helden-von-heute.at veröffentlicht.

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  • Österreich ist bei der Elementarpädagogik definitiv nicht State of the Art.
    foto: apa/herbert neubauer

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