Expertinnen: Gemeinden stellen sich quer - Doktoratsprogramme für künftige Lehrende sollen 2012 starten
Wien - Mit einem Universitätsstudium auf dem neuesten
Wissensstand sein, in der Gesellschaft Ansehen gewinnen und ein
höheres Gehalt bekommen: Das sind bereits lang gehegte Wünsche von
und für Kindergartenpädagogen, die nun im Rahmen der neuen, alle
Lehrer umfassenden Pädagogen-Ausbildung erfüllt werden sollen. Doch
bis Bachelor und Master als Regelabschlüsse auch für sie kommen,
dauert es noch - weil das Lehrpersonal für Elementarpädagogik erst
ausgebildet werden muss, so Unterrichtsministerin Claudia Schmied.
Und weil sich die Gemeinden, die für die Kindergärten zuständig sind,
ob der künftig höheren Gehälter querstellten, kritisieren Experten
und Betroffene.
Eckpunkte des Modells zur "Pädagoginnenbildung NEU", das von
einer
Vorbereitungsgruppe um den Ex-VP-Bundesrat Andreas Schnider erstellt
wurde: Aufnahmeverfahren, gemeinsame Studieneingangsphase und ein
gemeinsamer Ausbildungskern für alle. Geht es nach der
Vorbereitungsgruppe, sollen noch in diesem Herbst die Vorarbeiten für
die neue gemeinsame Ausbildung für alle Pädagogen - vom Kindergarten
bis zur maturaführenden Schule - beginnen.
Kein Personal für Master-Ausbildung
Im Bereich der Elementarpädagogik, für die im Konzept der
Expertengruppe österreichweit an jeder neu zu schaffenden
Ausbildungsinstitution eine Professor vorgesehen ist, ist der Start
jedoch später angesetzt. Grund: Schmied vermisst vorerst sowohl an
den Unis als auch an den Pädagogischen Hochschulen (PH) Personal für
eine entsprechende akademische Ausbildung. Im Büro der Ministerin
rechnet man auf Anfrage der APA mit etwa zehn Jahren, "bis das Ganze
implementiert ist und alle Voraussetzungen so erfüllt sind, wie wir
das haben wollen".
"Deshalb können wir mit der Ausbildung erst etwas später
beginnen", bestätigt Cornelia Wustmann, österreichweit einzige
Professorin für Elementarpädagogik an der Uni Graz und Mitglied der
Vorbereitungsgruppe. "Es ist nicht so, dass wir niemand
geeigneten in Österreich haben, aber eben nicht auf dem akademischen
Niveau". Um künftige Bachelor- und Masterstudenten in
Elementarpädagogik auszubilden, benötige es Doktoratsprogramme, die
2012 starten sollen, so die Professorin.
"Menschen, die mit dem Uni-Betrieb
vertraut sind"
Ein Schritt, der von der Politik schon viel früher hätte
eingeleitet werden sollen, meint Raphaela Keller, Obfrau der
Berufsgruppe von Kinder- und HortpädagogInnen Wien. "Es gibt genug
Kindergartenpädagogen, die nach ihrer Ausbildung studiert haben und
nun an Bakips unterrichten", meint sie gegenüber der APA. An Bakips,
also Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik, findet derzeit im
Rahmen eines fünfjährigen Oberstufengymnasiums mit Matura und
paralleler Fachausbildung die Ausbildung zum Elementarpädagogen
statt. "Natürlich gehört diese Ausbildung für die tertiäre Ebene
adaptiert, aber es gibt trotz allem Menschen, die mit dem Uni-Betrieb
vertraut sind."
Auswirkungen auf Dienst- und Besoldungsrecht
Auch Heidemarie Lex-Nalis, Bakip-Direktorin i.R. und wie Keller
Mitglied der Plattform EduCare, bezeichnet das Feld österreichweit
als überschaubar. "Wir sind ein so kleines Land, da muss man kein
großer Prophet sein, um zu sagen, wer die in Frage kommenden Menschen
für zukünftige Ausbildungsfunktionen sind." Sowohl Keller als auch
Lex-Nalis sehen neben dem Personal-Mangel auch politische
Hintergründe als Auslöser für den späten Start. "Wenn die Ausbildung
akademisch wird, dann muss auch das Dienst- und Besoldungsrecht den
Lehrern angeglichen werden", so Lex-Nalis.
Laut Keller "wettert" etwa Gemeindebund-Präsident Helmut
Mödlhammer (ÖVP) dagegen, müssten doch die für Kindergärten zuständigen
Gemeinden in weiterer Folge die Kosten für höhere Gehälter tragen.
(derStandard.at berichtete) "Solange Kindergärten nicht zur Bundeskompetenz gehören, sind wir ein
Spielball zwischen Bund, Ländern, Gemeinden und Privaten", meint
Keller. "Es scheint offenbar nicht möglich, wirklich kooperativ zu
arbeiten."
Zukunft der Bakips
Was mit den Bakips passiert, sobald die Ausbildung auf tertiärer
Ebene kommt, ist unklar. Aus dem Unterrichtsministerium heißt es,
dass es schlussendlich an den Gemeinden liegt, ob und inwiefern sie
eine höhere Qualifikation für leitende Positionen verlangen und
Bakip-Absolventen beispielsweise künftig als "Assistenzkräfte"
arbeiten. "Letztlich wird der Fortbestand der Bakips davon abhängen,
wie sie sich selbst verhalten", meint indes Cornelia Wustmann zur
APA. Sie sieht vonseiten der Bakips "dringenden Handlungsbedarf in
der Neugestaltung ihrer Ausbildungsinhalte".
"Die Curricula müssen dringend modularisiert und an den
wissenschaftlichen Stand der Forschung angepasst werden", so
Wustmann. Gelinge das nicht, "wird es schwierig für die Absolventen".
"Irgendwann wird die Frage sein: Will ich als Kindergartenpädagogin
nur die Bakip machen oder gegebenenfalls weiterstudieren und einen
anderen gesellschaftlichen Status erreichen." Schmied kündigte vor
zwei Wochen an, als "ersten und wichtigen Schritt" die Lehrenden der
Bakip "speziell" auszubilden und in die Modernisierung zu
investieren.
"Teures Ausbildungssystem"
Eine Investition, die laut Raphela Keller im Sand verläuft.
"Die
Bakip ist ein sehr teures Ausbildungssystem, da nur 20 bis 40 Prozent
der Absolventinnen überhaupt in den Beruf einsteigen." Das Geld, das
die "nicht zeitgemäßen" Bakips kosten bzw. zusätzlich brauchen,
"sollte in eine richtige Reform investiert werden". Bis Bachelor und
Master als Abschlüsse für Elementarpädagogik kommen, sei eine
Umstellung von Bakips auf Kollegstudiengänge sinnvoll. Menschen ab 18
könnten ihren Berufswunsch besser einschätzen, außerdem "fallen die
Maturafächer weg und ich kann mich auf die Praxis konzentrieren".
Hat das Uni-Studium dann erst mal Fuß gefasst, "brauchen wir
die
Bakips in ihrer jetzigen Form nicht mehr", ist sich Keller sicher.
EduCare fordere eine Umwidmung der Schulen in "pädagogisch-soziale
Gymnasien, in denen interessierte Menschen bis zur Matura jene
Berufsfelder, die sie nachher studieren können, kennenlernen".
Fakt ist laut Wustmann: Die Ausbildung an einer Bakip allein
reicht heutzutage nicht, um den Anforderungen gerecht zu werden.
"Eine Elementarpädagogin steht vor der Aufgabe, das gesamte breite
Wissen, das Kinder abfragen, selbst zu beherrschen", so Wustmann zum
Unterschied zu Lehrern, die im Vergleich "zwei bis drei Fächer"
vermitteln. Von sozialen bis zu naturwissenschaftlichen, musischen
und mathematischen Kompetenzen entsteht "eine große Bandbreite
dessen, was man können muss" und viele Pädagogen "eignen sich dieses
Wissen in Fort- und Weiterbildungen an". Laut Lex-Nalis lernen
Pädagogen derzeit nur "Rezepte für Fünfjährige, Achtjährige". "Dabei
wissen wir mittlerweile, dass es für Kinder bereits im Kindergarten
ganz unterschiedliche Voraussetzungen gibt". Hier müssen Pädagogen
"anknüpfen können und über den wissenschaftlichen Hintergrund
verfügen, um zu verstehen, warum ein Kind ist, wie es ist, und um mit
Eltern kooperativ zusammenarbeiten zu können".
"Frauenberuf"
Dass es sich bei der Aufgabe um einen sogenannten "Frauenberuf"
handelt, werde sich laut Wustmann nicht ändern - trotz allem bestehe
die Hoffnung, dass man den Beruf durch das Anheben auf die
universitäre Ebene und die damit verbundene Verbesserung von
gesellschaftlichem Ansehen und Bezahlung dadurch für Männer
attraktiver macht. "In anderen Ländern hat elementare Bildung eine
deutlich höhere Stellung", so Wustmann. "In Norwegen und Dänemark ist
sie gesellschaftlich hoch angesehen - dort gibt es mit zehn Prozent
Männeranteil deutlich mehr Männer in dem Beruf als in Österreich." (APA)