NSU-Prozess: Zschäpe bestreitet Beteiligung an Morden

9. Dezember 2015, 14:04
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Anwalt verliest erste Aussage von mutmaßlicher Neonazi-Terroristin nach zweieinhalb Jahren Prozess

München – Im deutschen NSU-Prozess hat die Hauptangeklagte Beate Zschäpe nach zweieinhalb Jahren ihr Schweigen gebrochen. In ihrer Aussage, die am Mittwoch von ihrem Anwalt Mathias Grasel vor dem Gericht in München verlesenen wurde, wies sie eine direkte Beteiligung an der Mordserie der Neonazi-Terrorgruppe ab. "Ich war weder an den Vorbereitungshandlungen noch an der Tatausführung beteiligt", erklärte sie.

Sie beteuerte, sie habe von den Morden ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt immer erst im Nachhinein erfahren und sei entsetzt gewesen. Sie habe Mundlos und Böhnhardt dennoch nicht verraten. "Die beiden waren meine Familie." Zschäpe bat die NSU-Opfer und deren Angehörigen um Entschuldigung. "Ich weise den Vorwurf, ich sei ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, zurück", schrieb Zschäpe in dem von ihrem Pflichtverteidiger Matthias Grasel verlesen Text. "Ich hatte mit den Morden nichts zu tun." Dennoch fühle sie sich "moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte."

Beziehung zu beiden Hauptverdächtigen

In der Erklärung schilderte Zschäpe ihren Weg von einer trostlosen Kindheit in Jena bis zum Abtauchen der Gruppe in den Untergrund. Mit dem Text brach Zschäpe nach fast 250 Verhandlungstagen ihr Schweigen. Sie ist angeklagt, für zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) mitverantwortlich zu sein. Sie ist die einzige Überlebende des Trios.

Zschäpe schilderte bei der Aussage ihre Zeit als Jugendliche in Jena, Probleme mit der Mutter, das Abdriften in die rechte Szene, die Liebesbeziehungen zu Böhnhardt und Mundlos und das gemeinsame Untertauchen 1998. Zschäpe stellte sich dabei als passiven Part dar. Sie wies den Vorwurf der Anklage zurück, ein gleichgeordnetes Mitglied des NSU gewesen zu sein.

Nach ihrem Untertauchen hätten die drei in ständiger Angst gelebt, entdeckt zu werden, berichtete Zschäpe. Das Geld sei ihnen ausgegangen. Deshalb hätten Mundlos und Böhnhardt mit Überfällen begonnen. Zschäpe bestreitet, daran beteiligt gewesen zu sein. Sie habe diese Überfälle akzeptiert und davon profitiert. Anders sei es mit den Morden gewesen.

Zschäpe will von Taten erst im Nachhinein erfahren haben

Vom ersten Mord an dem türkischen Blumenhändler Enver Simsek am 9. September 2000 habe sie erst drei Monate später erfahren. Sie sei fassungslos gewesen. Bis heute kenne sie das Motiv für den Mord nicht. Sie habe Böhnhardt und Mundlos erklärt, dass sie sich der Polizei stellen wolle. Daraufhin hätten die beiden mit Selbstmord gedroht. Auch von den weiteren Morden und Anschlägen will sie immer erst im Nachhinein gehört haben.

Als sie von dem zweiten und dritten Mord – im Juni 2001 in Nürnberg und Hamburg – erfahren habe, sei ihr klar geworden, "dass ich resigniert hatte". Zschäpe erklärte: "Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Menschen zusammenlebte, denen ein Menschenleben nichts wert war." Sie sei von den Taten abgestoßen gewesen, habe sich aber nach wie vor zu Böhnhardt hinzogen gefühlt. Sie habe sich dem Schicksal hingegeben, weiter mit den beiden Männern zu leben. "Nicht sie brauchten mich, ich brauchte sie."

Viele Fragen um Mord an Polizistin

Zschäpe äußerte sich auch zu dem letzten NSU-Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn, der bis heute viele Fragen aufwirft. Böhnhardt und Mundlos hätten erklärt, es sei ihnen dabei nur um die Pistolen der beiden Polizisten gegangen, auf die sie geschossen hatten. Ein Polizist hatte den Angriff überlebt.

Sie habe versucht, Mundlos und Böhnhardt vom Morden abzuhalten, erklärte Zschäpe. "Ich erinnere mich, dass ich stundenlang auf sie einredete, mit dem Töten aufzuhören." Sie habe immer wieder mit dem Gedanken gespielt, zur Polizei zu gehen und das Leben im Untergrund zu beenden. Doch wegen der Selbstmorddrohung ihrer Freunde sei die Lage für sie unlösbar gewesen.

Gravierende Ermittlungsfehler

Polizei und Geheimdienste waren den drei mutmaßlichen NSU-Terroristen jahrelang nicht auf die Spur gekommen – auch wegen gravierender Ermittlungsfehler. Erst im November 2011 flog das Trio nach einem Banküberfall in Eisenach auf. Zschäpes mutmaßliche Komplizen Mundlos und Böhnhardt töteten sich nach bisherigen Erkenntnissen damals selbst, um einer Festnahme zu entgehen.

Zschäpe gestand, an diesem Tag die letzte Fluchtwohnung der Gruppe in Zwickau in Brand gesetzt zu haben. Vor der Brandstiftung sei sie durchs Haus gegangen, um sicherzustellen, dass sich niemand mehr darin befinde. Anschließend sei sie planlos vier Tage quer durch Deutschland gefahren, bevor sie sich der Polizei gestellt habe.

Seit Mai 2013 steht Zschäpe in München vor Gericht. Seit Prozessbeginn hatte sie bisher beharrlich geschwiegen. Neben ihr sind vier mutmaßliche Unterstützer angeklagt. Der rechten Gruppe werden zwischen den Jahren 2000 und 2007 zehn Morde zur Last gelegt, an neun türkisch- und griechischstämmigen Männern und einer Polizistin. Hinzu kommen zwei Sprengstoffanschläge und mehrere Banküberfälle. (APA, 9.12.2015)

Kommentar von Birgit Baumann:

NSU-Prozess: Zur Kenntnis genommen

  • Beate Zschäpe mit ihren Anwälten Hermann Borchert und Mathias Grasel.
    foto: apa/dpa/hase

    Beate Zschäpe mit ihren Anwälten Hermann Borchert und Mathias Grasel.

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