Bildungsreform-Kritiker vermissen "großen Wurf"

18. November 2015, 18:14
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Zu kurz gegriffen. Zu stark ideologisch geprägt. Und vor allem zu wenig auf das Wohl der Kinder ausgerichtet. Das sagen die Kritiker aus unterschiedlichen Lagern

Wien – Bildungsexpertin Christa Koenne hält Modellregionen zur Gesamtschule für nicht mehr nötig und eine der großen Schwachstellen der am Dienstag angekündigten Bildungsreform. Die Gesamtschule für zehn Jahre in Modellregionen zu testen sei "ein Trauerspiel". Im STANDARD-Chat sagte Koenne: "Es liegen genug Daten vor, die die Notwendigkeit einer gemeinsamen Schule unterstützen. Alle wissenschaftliche Erkenntnis spricht dafür, dass alle Schüler und Schülerinnen in der schulpflichtigen Zeit in eine gemeinsame Schule gehen, die dann für innere Differenzierung sorgt."

Koennes Kritik deckt sich in einem Punkt mit der anderer Kritiker: Grundsätzlich sei die Reform kein großer Wurf.

Eher eine Verwaltungsreform

"Die vorgestellten Punkte der Bildungsreform haben noch weniger als erwartet das Kind und die Pädagogik im Fokus", bedauert Astrid Ebenberger, Vizepräsidentin des Katholischen Familienverbandes und Kritikerin des Gesamtschulprojektes. Sie sieht mehr eine "Verwaltungsreform als eine echte Bildungsreform".

Das kam auch bei einer Diskussion im "Neos-Lab" zum Ausdruck. Durchwegs positiv bewertet wurden lediglich der Ausbau von Highspeed-Internet und WLAN in allen Schulen, der verbesserte Datenaustausch zwischen Kindergarten und Volksschule sowie die Einführung des zweiten verpflichtenden Kindergartenjahres.

Schulpartner nicht eingebunden

Größter Kritikpunkt war die fehlende Einbindung der Schulpartner und der Oppositionsparteien in die Verhandlungen zur Schulreform. "Wie auf so eine Art und Weise tragfähige und von der Breite mitgetragene Lösungen erarbeitet werden sollen, ist mir unverständlich", kritisierte der Neos-Abgeordnete Niki Scherak.

Elisabeth Rosenberger vom Verband der Elternvereine an den höheren und mittleren Schulen Wiens ergänzte: "Dass gerade jene Menschen keine Mitgestaltungsmöglichkeit haben, die es am meisten betrifft, zeigt, wie hier mit Schülern, Lehrern und Eltern umgegangen wird."

Rosenberger stößt sich vor allem daran, dass die Schulpartner nicht gefragt werden sollen, bevor Gesamtschulen eingerichtet werden.

Innovationshysterie der Koalition

Paul Kimberger, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Pflichtschullehrer, kritisierte die Planlosigkeit der Regierung: "In den letzten Jahren hat geradezu eine Innovationshysterie stattgefunden. Die Kraft der Weiterentwicklung liegt in den Schulen nicht bei der Politik. Die Lehrerinnen und Lehrer sind da oftmals schon viel weiter."

Partner im Parlament notwendig

Für die Zweidrittelmehrheit, die die Koalition im Parlament brauchen wird, müsste sie jedenfalls Grüne oder FPÖ einbinden – das ist insbesondere für die Einrichtung der Bildungsdirektionen und für die Modellversuche zur Gesamtschule notwendig. Grünen-Bildungssprecher Harald Walser hat erklärt: "Wir sind bereit, auch Dinge mitzutragen, die nicht unsere 100-prozentige Zustimmung haben" – entscheidend sei aber das "Gesamtpaket".

Dass Gesamtschulversuche maximal 15 Prozent der Schulen eines Bundeslandes erfassen sollen, ist den Grünen zu wenig. Insbesondere bei kleinen Bundesländern wie Vorarlberg, wo die Landesregierung ein Modellprojekt starten möchte, reiche das nicht aus. Außerdem fordert Walser die "Entpolitisierung" der Schulverwaltung, ein Jahresarbeitszeitmodell für Lehrer statt der "Erbsenzählerei" bei den gehaltenen Stunden und die Abschaffung der schulautonomen Tage.

Parallel zur gestärkten Schulautonomie müsse es auch mehr Mittel geben, etwa für Schwerpunktsetzungen: "Wenn Schulautonomie zur Mängelverwaltung verkommt, werden wir nicht zustimmen können."

Vorsichtige Zustimmung

Für die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich, Gerda Schaffelhofer, stimmt bezüglich der Schulautonomie die Richtung in einigen Teilbereichen. Dass nun aber jeder Schuldirektor ohne zusätzliche Ausbildung schnell zum fähigen "Schulmanager" mutiert, sei nicht zu erwarten.

Vom Team Stronach dagegen kam eine völlige Ablehnung: "In ihrer ideologischen Verblendung setzt Ministerin Heinisch-Hosek unsere Kinder wie weiße Mäuse ein und schafft mit ihrem Bildungsexperiment eine verlorene Generation", warnte Klubobmann Robert Lugar. (red, APA, 19.11.2015)

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