Hansjörg Auer: "Werde das Leuchten in Gerrys Augen nicht vergessen"

Interview12. November 2015, 11:43
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Der Tiroler Hansjörg Auer über den tödlichen Unfall seines Bergkameraden und Freundes Gerhard Fiegl im Himalaya

Am Nationalfeiertag verunglückte der 27-jährige Tiroler Gerhard Fiegl im Himalaya tödlich. Gemeinsam mit Hansjörg Auer (31) und Alexander Blümel (28) hatte er zuvor den 6.839 Meter hohen Nilgiri in der Annapurna-Region über die noch unbezwungene Südwand erklettert. Beim Abstieg kam es zu einer Tragödie, als Auers langjähriger Freund vor den Augen seiner Bergkameraden in den Tod stürzte. Im Interview mit dem STANDARD spricht Auer über die Herausforderungen im heutigen Alpinismus und die Umstände des Unfalls.

STANDARD: Sie haben mit der Besteigung des Nilgiri Außergewöhnliches geleistet. Haben Sie die Strapazen unter den widrigen Bedingungen als grenzwertig empfunden?

Hansjörg Auer: Schwierige Klettereien in großer Höhe sind immer grenzwertig. Der "heutige Alpinismus" lebt hauptsächlich von der Reduktion: Klettern im Alpinstil ohne Fixseile, schnell, leicht und mit einem Minimum an Ausrüstung. Alle noch offenen Projekte im Himalaya sind nicht vergleichbar mit Normalwegen auf Achttausendern und sind keine einfachen, sonst wären sie ja bereits vor vielen Jahren geklettert worden.

STANDARD: Haben Sie eine Idee, warum sich der Zustand von Gerhard Fiegl so rasch und plötzlich verschlechtert hat?

Auer: Es sind viele Kleinigkeiten zusammengekommen, die schlussendlich zum tödlichen Absturz geführt haben. Die Höhe war natürlich der Hauptfaktor.

STANDARD: Hat es zuvor überhaupt keine Anzeichen einer bevorstehenden Erschöpfung gegeben? Hat er diese vielleicht verdrängt?

Auer: Es ist eine Frage der Wahrnehmung, und man kann sie erst verstehen, wenn man selbst einmal in großer Höhe auf einer schwierigen Route unterwegs war.

STANDARD: Hätte Fiegl beim Aufstieg alleine zurückbleiben und warten können, bis Sie wieder hinunterkommen, oder wären Sie in dem Fall gleich alle abgestiegen und um Ihren Erfolg umgefallen?

Auer: Niemand wird alleine zurückgelassen, und schon gar nicht auf hohen Bergen.

STANDARD: Wie geht man mit der heiklen Frage um, ob und wann man umdrehen soll? Spricht man unterwegs darüber?

Auer: Bereits bevor wir in die Südwand eingestiegen sind, war klar, dass wir über die Aufstiegsroute nicht mehr zurückkönnen. Zu kompliziert, zu aufwendig, zu schwierig. Wir mussten den Berg überschreiten und über den etwas leichteren Südwestgrat abklettern.

STANDARD: Wie sah die medizinische Versorgung am Berg aus?

Auer: Wie üblich. Minimalistisches Notfallpaket.

STANDARD: Hatten Sie etwas dabei, um der Schwächung entgegenzuwirken?

Auer: Nein.

STANDARD: Wie kalt war es, und wie stark war der Wind?

Auer: Es war sehr kalt, an die minus 25 °C, und sehr windig mit prognostizierten 75 km/h am Unfalltag.

STANDARD: Warum war Fiegl im Moment des Unfalls nicht angeseilt?

Auer: Ständiges Klettern am Seil ist im Alpinstil nicht möglich und nicht üblich. Der Absturz passierte an einer vermeintlich leichteren Stelle.

STANDARD: Welche Lehren ziehen Sie aus dieser schlimmen Erfahrung?

Auer: Wenn ein langjähriger Freund vor deinen Augen in den Tod stürzt, verliert in diesem Moment alles andere an Bedeutung. Ich hoffe, dass ich das nicht noch einmal erleben muss.

STANDARD: Welche Auswirkungen hat der Vorfall auf künftige Projekte wie jenes mit David Lama auf dem Masherbrum?

Auer: Ich denke im Moment noch nicht an den Masherbrum. Doch ich werde auch in Zukunft zu Expeditionen aufbrechen.

STANDARD: Werden Sie mit Vorwürfen konfrontiert, etwas falsch gemacht zu haben, nicht früher umgedreht zu haben, und machen Sie sich selbst welche?

Auer: Nein.

STANDARD: Ist es ein schwacher Trost, dass Fiegl seinen Traum gelebt hat und bei etwas gestorben ist, das ihm vermutlich mehr Spaß machte als alles andere?

Auer: Ich werde das Leuchten in Gerrys Augen nicht vergessen, als wir den Gipfel erreicht hatten. Er war am höchsten Punkt seiner wohl schwierigsten und abenteuerlichsten Route, eine ganz große Erstbegehung im Himalaya. (Thomas Hirner, 12.11.2015)

Hansjörg Auer (31) ist ein Profikletterer aus dem Ötztal, er ist außerdem ausgebildeter Lehrer für Mathematik und Sport, übt diese Tätigkeit allerdings seit 2008 nicht mehr aus. Zu seinen persönlichen Highlights zählen die Erstbesteigung des Kunyang Chhish (7.400 Meter) im Karakorum (2013) über die 2.700 Meter hohe Südwestflanke und die Free-Solo-Begehung der Route "Weg durch den Fisch" (7b+/850 Meter) in der Marmolata-Südwand in den Dolomiten 2007.

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Hansjörg Auer

Gerhard Fiegl

Alexander Blümel

  • Hansjörg Auer: "Wenn ein langjähriger Freund vor deinen Augen in den Tod stürzt, verliert in diesem Moment alles andere an Bedeutung."
    foto: heiko wilhelm

    Hansjörg Auer: "Wenn ein langjähriger Freund vor deinen Augen in den Tod stürzt, verliert in diesem Moment alles andere an Bedeutung."

  • Die Auf- und Abstiegsroute auf dem Nilgiri.
    foto: hansjörg auer

    Die Auf- und Abstiegsroute auf dem Nilgiri.

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