"Ich spiele nicht russisches Roulette"

Porträt14. Jänner 2015, 13:41
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Der Tiroler Hansjörg Auer liebt, was nicht selten als Spiel mit dem Tod bezeichnet wird. Er klettert auf hohe alpine Felswände, und das am liebsten allein und ohne Seil

"Das war ein totaler Höhenflug, man fühlt sich fast unsterblich. Plötzlich haben sich Türen aufgemacht, die es vorher nicht gegeben hat", berichtet Hansjörg Auer über seinen Meilenstein, der ihn in Bergsportlerkreisen quasi über Nacht berühmt werden ließ. Als der 30-jährige Ötztaler am 29. April 2007 die 37 Seillängen und 1.200 Meter lange Route "Weg durch den Fisch" (Schwierigkeitsgrad 7b+) in der Marmolata-Südwand in den Dolomiten als erster Mensch "free solo", also ohne Seilsicherung, durchstieg, avancierte er quasi über Nacht zu einem Shootingstar des Alpinismus. Dabei sieht Auer in dieser Heldentat nur die "logische Weiterentwicklung dessen, was ich vorher gemacht habe". Das Drumherum, das Medienecho habe er nicht verstanden. "Das Leben hat sich komplett geändert."

foto: heiko wilhlem
Auer auf dem "Weg durch den Fisch": "Wichtig ist, in bestimmten Situationen die Angst beiseitelegen zu können, um sich auf die Aufgabe konzentrieren zu können."

Dieser Tage sehnt Auer die nächsten Abenteuer nach einer Verletzungspause herbei. Im Frühjahr soll es nach Alaska, im Sommer zu einer Kletterexpedition nach Sibirien und im Herbst nach Nepal gehen. Ein 6.000er oder 7.000er ist das Ziel. Zuvor aber muss Auer, der "immer schon gerne mit dem Risiko gespielt" hat und Nervenkitzel sowie Adrenalinkicks schätzt, eine Verletzung auskurieren, die er sich beim Paragleiten im Herbst zugezogen hat. Gleitschirmfliegen hat er sich selbst und ohne Kurs beigebracht. Bei einem exponierten Start hat er sich eine Kniescheibe derart ramponiert, dass er operiert werden musste. Eine Windböe war schuld. Zwangspausen können aber auch vorteilhaft sein. "Man kommt mit viel mehr Motivation zurück. Mir geht die Intensität des Abenteuers ab."

Ob das Klettern ohne Seil nicht einem Spiel mit dem Tod gleiche? "Die Idee, ohne Seil zu klettern, muss von innen heraus kommen, nicht von außen motiviert sein. Die Leute hauen dich in eine Schublade, glauben, du machst das nur wegen der Aufmerksamkeit. Doch darum geht es nicht." Immer wieder verspürt er den Drang, eine tiefe innere Kraft, es zu tun. Und er fühlt auch eine Sicherheit, die ihm sagt, dass es gutgehen wird. Manchmal aber auch schafft er es mittlerweile, Nein zu sagen und von einem Vorhaben abzulassen, weil er sich "viel weniger getrieben fühlt als früher". Er sieht das Free-Solo-Klettern als "nicht so gefährlich" an. "Ich weiß, welche Fähigkeiten ich habe, ich kenne mich selbst sehr gut und spiele nicht russisches Roulette."

Auer ist sehr viel und gern allein unterwegs, "auch wenn ich nie den reinen Solokletterer darstellen wollte. Aber die Intensität ist beim Soloklettern viel größer als in der Gruppe. Die Herausforderung ist viel größer, weil alles an dir hängt. Es gibt kein Backup. Das ist psychologisch ein interessantes Thema."

Seit 2009 kann er vom Klettern leben. "Ich musste nie um Unterstützung von Sponsoren fragen, es hat sich einfach im Laufe der Zeit ergeben. Dabei wollte ich eigentlich nie mit dem Klettern mein Geld verdienen", versichert der Bergführer und gelernte Hauptschullehrer für Mathematik und Sport.

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Trailer zu "The Waiting Game".

Dass Auer Filmangebote abgelehnt hat, überrascht ein wenig. "Mein Bekanntheitsgrad wäre dadurch sicher um ein Mehrfaches gestiegen, aber mir ist eine gewisse Authentizität wichtig". Soll heißen: Während des Solokletterns will er sich in der Regel nicht filmen lassen, das würde stören. "Gewisse Dinge soll man so lassen, wie sie passiert sind. Darum geht es und nicht darum, wie es die Leute sehen wollen. Klar gibt es aber natürlich immer wieder Filmprojekte. Das gehört zum Profigeschäft dazu. Die richtige Balance ist mir wichtig."

Als furchtlos würde er sich nicht bezeichnen. "Ich habe auch Momente der Angst." Wichtig sei, in bestimmten Situationen die Angst beiseitelegen zu können, um sich auf die Aufgabe konzentrieren zu können. Man muss Fragezeichen wahrnehmen, darf sie nicht unterdrücken. Es braucht einen "klaren Kopf, und man muss am Boden bleiben".

Worum es beim Klettern generell geht? "Um einen langen Prozess, in dem Emotionen unterdrückt werden, die idealerweise erst am Gipfel herauskommen." Ein positiver Nebeneffekt sei, dass "die Probleme des Alltags durch das Konzentrieren auf die Sache nebensächlich werden". Und Anfänger wie Profis können nebeneinander klettern und jeder für sich seine Herausforderungen suchen und finden.

Es versteht sich von selbst, dass Klettern der Mittelpunkt in Auers Leben ist. "Aber es gibt auch andere Sachen, nur das Klettern wäre mir zu wenig. Ich schreibe auch gerne, verbringe gerne Zeit mit Freunden. Ich bin sehr fanatisch und egoistisch." Eigenschaften, die er mit vielen anderen Größen des Alpinismus teilt.

Hermann Buhls Buch "Kompromisslos nach oben" mit Tagebuchauszügen der Nanga-Parbat-Expedition von 1953 und Aufzeichnungen über extremes Felsklettern hat ihn beeindruckt. So kam es nicht ganz zufällig, dass Auer 2011 auf den Spuren des österreichischen Bergpioniers wandelte, als er die Nordostwand (Cassinführe) des Piz Badile an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien in Graubünden erklomm.

foto: heiko wilhlem
"Hermann Buhl war, ähnlich wie ich, totaler Egoist."

Buhl kletterte diese Wand 1952 solo hinauf, nachdem er tags zuvor mit dem Fahrrad aus dem rund 160 Kilometer entfernten Landeck angereist war und noch am gleichen Wochenende wieder dorthin zurückkehrte. Die Wand galt damals als eine der schwierigsten Routen überhaupt. Einen Geschmack davon vermittelt die Dokumentation "Die großen Nordwände – Piz Badile" aus der Reihe "Bergwelten".

Ziel des Spurenwandelns war, Parallelen herauszufinden. "Wie man im Kopf tickt", sagt Auer. Ergebnis: "Buhl war, ähnlich wie ich, totaler Egoist. Und er hat einen hohen Partnerverschleiß gehabt."

Die Liebe zum Fels hat ihren Ursprung in der Kindheit, früh ging Auer schon auf die Berge. Richtig begonnen aber hat sein Abenteuer mit zwölf Jahren bei einem Kletterkurs des Alpenvereins. Nachdem die Kletterhallen rasch langweilig wurden, packte er mit seinem Bruder Matthias hohe alpine Wände an. Zum Beispiel die Eiger-Nordwand. Dann zündete die Mutter wie immer, wenn er steil hinaufwollte, in der Kapelle oberhalb von Umhausen eine Kerze an. Als er Jahre später von der Marmolata-Südwand zurückkam, "haben mich die Eltern zusammengeschissen, zuerst nicht gratuliert. Heute haben sie Verständnis, dass ich das brauche."

the north face europe
Eine neue Route in der Marmolata: "Bruderliebe".

Die Liste der bewältigten Touren des 1,82 Meter langen und 67 Kilo wiegenden Tirolers kann sich sehen lassen. Er schaffte Routen wie "Steps across the Border" (X) an der Marmolata-Südwand, die bohrhakenfreie Erstbegehung von "Silberschrei" (IX) am Heiligkreuzkofel, die erste Rotpunkt-Begehung der "Vogelfrei" an der Schüsselkarspitze und die erste Wiederholung der "Pan Aroma" (X+) an der Westlichen Zinne.

Ihm gelangen Erstbegehungen in Patagonien, im Oman und im pakistanischen Karakorum-Gebirge. Oder auch die freie Begehung der "Hallucinogen Wall" an der North Chasm View Wall im Black Canyon. Eine Tour in einer Wand, die lange als eine der abenteuerlichsten Bigwalls Nordamerikas galt.

Als seine persönlichen Highlights bezeichnet Auer den "Fisch" und die Erstbesteigung der Ostwand des Kunyang Chhish im Karakorum im Juli 2013. Davon gibt es auch einen Film, der "praktisch nichts gekostet" hat, weil kein eigener Kameramann dabei war. Beim Filmfest in St. Anton gewann der Film die Jurywertung, und in Graz wurde er zum besten Film der Kategorie Alpinismus gekürt.

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Trailer zum Film "First Ascent": Erstbesteigung des Kunyang Chhish East, 7.400 Meter.

Auer ist auch bei seiner liebsten Tätigkeit nicht von Verletzungen verschont geblieben. 2008, als er sich in den kalifornischen Tuolumne Meadows die gleichermaßen legendäre wie gefährliche Route "Bachar-Yerian vornahm, stürzte er rund 20 Meter ab und brach sich das Sprungbein. Vier Monate auf Krücken waren die Folge. "Gut, dass ich gemerkt habe, dass es auch anders sein kann. Das hat mich zurück auf den Boden geholt. Da merkte ich sehr deutlich, dass ich nicht unsterblich bin." (Thomas Hirner, derStandard.at, 14.1.2015)

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