So schnappt Ihnen kein Computer den Job weg

19. Oktober 2015, 12:04
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Maschinen übernehmen zunehmend menschliche Aufgaben. Experten stellen fünf Strategien vor, um sich seinen Platz in der Arbeitswelt zu sichern

Automatisierung habe längt auch geistige Tätigkeiten erfasst, schreiben Thomas H. Davenport und Julia Kriby im Harvard Business Manager. Für die Experten aber kein Grund zur Sorge: Es gelte, künstliche Intelligenz für den eigenen Vorteil zu nutzen, anstatt gegen sie anzukämpfen, sagen Davenport und Kirby – und beschreiben fünf Strategien, mit denen es gelingen kann, den eigenen Platz in der Arbeitswelt zu sichern. Sie reichen von einer Spezialisierung bis hin zur Ausbildung neuer Fähigkeiten, über die Computer (noch) nicht verfügen.

1. Der Schritt nach oben

Die wohl beste Strategie würde darin bestehen, "sich auf intellektuell anspruchsvollere Gelände vorzuwagen", so Davenport und Kirby. "Im Prinzip wurde dieser Ansatz seit Beginn der Automatisierung als Strategie empfohlen: Lassen Sie die untergeordneten Aufgaben von Maschinen erledigen und nutzen Sie die Chance dazu, höhere Aufgaben zu übernehmen."

Als Beispiel nennen die Autoren die Erfolgsgeschichte eines US-amerikanischen Start-ups, das Algorithmen dazu nutzt, nach neuen Medikamenten zu suchen. Biochemiker seien dazu ja von den Computern aufgestellte Hypothesen verifizieren. So würden Maschine und Mensch optimal zusammenarbeiten. Auch Investmentbanker und Hedgefondstitanen könnten sie auf derlei Art und Weise nutzen.

Über die Umsetzung schreiben Davenport und Kirby: "Wenn Sie auf den Schritt nach oben setzen wollen, brauchen Sie eine lange Ausbildung. Ein Masterabschluss oder ein Doktorat helfen bei der Bewerbung. Im Unternehmen selbst sollte Ihr Ziel darin bestehen, stets gut informiert zu bleiben und die nötige Kreativität aufzubringen, um Teil der innovativen und strategischen Weiterentwicklung Ihres Unternehmens zu bleiben." Es gelte, Maschinen die intellektuelle Vorarbeit leisten zu lassen, ohne das Wissen über deren Arbeit zu verlieren.

2. Der Schritt zur Seite

Da der "Schritt nach oben" sich nur einem kleinen Teil der Mitarbeiter anbiete, formulieren Davenport und Kirby eine zweite Strategie: Den "Schritt zur Seite". Zur Seite treten bedeute, mentale Stärken zu nutzen. Gemeint sei dabei nicht nur, rational zu denken, sondern vielmehr sich auf die eigenen "interpersonellen" und "intrapersonellen" Intelligenzen zu besinnen.

Eine solche Strategie würden Kreative fahren. "Der britische Comedian Ricky Gervais bringt beispielsweise Menschen mit Witzen zum Lachen, die sich kein Rechner ausdenken könnte." Sie sei aber nicht nur für Künstler geeignet, sondern auch für Juristen, Wirtschaftsprüfer, Architekten, Investmentbanker und Unternehmensberater. Sie alle könnten Computer für Recherche und Speicherung nutzen und sich so besser auf andere Aufgaben konzentrieren.

Um erfolgreich damit zu sein, gelte es, sich eigener Stärken zu besinnen und an ihnen zu arbeiten. "Während Sie das tun, sollten Sie sich Meister der verborgenen Künste suchen und sich ihnen als Lehrling oder Mitarbeiter anschließen", schreiben Davenport und Kirby.

3. Der Schritt nach innen

Computer würden große Mengen von Daten auswerten können, jedoch keineswegs immer die richtigen Entscheidungen treffen. Daher brauche es dringend Menschen, die im Notfall einspringen und das Schlimmste abwenden können, schreiben die Autoren. "Sie müssen Computer beaufsichtigen und steuern können. Vielleicht wird die Steuererklärung zunehmend vom Computer erstellt, aber kluge Buchhalter halten gezielt Ausschau nach den typischen Fehlern von Softwareprogrammen oder deren menschlichen Benutzern."

Notwendig, um die Strategie für den Job umzusetzen, sei eine technische und naturwissenschaftliche Ausbildung, sagen Davenport und Kirby, ebenso wie eine gute Beobachtungsgabe.

4. Der Schritt auf der Stelle

"Bei dieser Strategie bewegen Sie sich nicht weit. Sie bleiben bei Ihrer herkömmlichen Tätigkeit, aber Sie suchen nach einer Spezialisierung, die nicht auf wirtschaftliche Weise automatisiert werden kann", sagen die Experten. Sie berichten von einer Frau, deren Ambition darin bestehe, so viel über Papier zu wissen wie andere über Wein. "Ihre Fähigkeit, Herkunft und Alter eines Blattes Papier anhand von Konsistenz, Haptik und Faserqualität zu ermitteln, ist für Historiker und Kunstexperten sehr wertvoll."

Sich dieser Strategie zu bedienen, bedeute, "bei sich selbst verborgene Nischen und Gänge zu finden. Sie sind sozusagen die Igel in einer Welt der Füchse." Die Autoren raten dazu, Erfahrung in einem bestimmten Gebiet zu sammeln und sich den Ruf zu erwerben, sich tief in Dinge hinein arbeiten zu können. "In professioneller Hinsicht sind Sie eine extrem spezielle Marke."

5. Der Schritt nach vorne

Noch ein möglicher Weg: Die nächste Generation von Computern und Instrumenten künstlicher Intelligenz mit zu entwickeln. Denn auch an den neuesten Technologien würden Menschen arbeiten. Davenport und Kirby: "Irgendjemand entwickelt die neueste Softwarelösung für Banken, ein anderer erkennt die Notwendigkeit für Verbesserungen, noch ein anderer findet heraus, welche Teile davon in einem Softwarecode formuliert werden können, wieder ein anderer schreibt dann das Programm, noch ein anderer entscheidet, wann und wo genau es verwendet wird."

Und was sind die Voraussetzungen? Informatikkenntnisse und gute analytische Fähigkeiten. Außerdem: "Wenn Sie mit dieser Strategie an die Spitze kommen wollen, müssen Sie Querdenker sein, Sie müssen die Defizite der Computer von heute erkennen und die nötige Fantasie für die Werkzeuge von morgen haben." Vielleicht würde zwar irgendwann auch die Softwareentwicklung automatisiert werden, bemerken die Autoren lakonisch, momentan zumindest könnten sich Programmierer aber noch in relativer Jobsicherheit wähnen.

Kombination Mensch-Maschine

Um ihr fünf-Strategien-Modell auf seine Umsetzbarkeit zu prüfen, sprachen Davenport und Kirby mit Vertretern unterschiedlichster Professionen, darunter Radiologen, Finanzberater, Dozenten, Architekten, Journalisten, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer. "Sie alle haben uns bestätigt, dass in ihrer jeweiligen Branche jeder unserer Schritte möglich ist."

"Wir glauben, dass Mitarbeiter wie Arbeitgeber ein neues Denken brauchen", so ihr Fazit. So sollten Maschinen für Menschen als Partner und Mitarbeiter dienen, die ihnen bei der kreativen Problemlösung helfen. "In einer Zeit der Innovationen stehen die Vorteile menschlicher Arbeit im Vordergrund – es sind die Menschen, die die Ideen der nächsten Generationen entwickeln. Und sie sind der Faktor, der von konkurrierenden Unternehmen am schwersten kopiert werden kann. Und wenn Sie den Menschen Illoyalität vorwerfen wollen, dann ist Ihnen vielleicht nur noch nicht aufgefallen, wie schnell neue Software auch bei Ihren Mitbewerbern auftaucht." (lib, 19.10.2015)

Thomas H. Davenport ist Professor für Informationstechnologie und Management am Babson College in Massachusetts, Director of Research am MIT Center for Digital Business und bei Deloitte Analytics als Senior-Berater tätig. Davenport arbeitet gemeinsam mit HBR-Journalistin Julia Kirby an einem Buch über die Automatisierung von Wissensarbeit.

Nachlese:

Mit einem Chip unter der Haut die Bürotür öffnen

  • Davenport und Kirby plädieren dafür, Maschinen und Menschen als Partner und Kollegen zu betrachten: "Wir sollen uns fragen: Welche neuen Leistungen könnten Menschen mit Unterstützung besser denkender Maschinen erbringen?"
    foto: reuters/susana vera

    Davenport und Kirby plädieren dafür, Maschinen und Menschen als Partner und Kollegen zu betrachten: "Wir sollen uns fragen: Welche neuen Leistungen könnten Menschen mit Unterstützung besser denkender Maschinen erbringen?"

  • "Natürlich sind Menschen unbeständig und unberechenbar, sie können egoistisch, gelangweilt oder unehrlich sein, sie sind selten aufmerksam und schnell abgelenkt", schreiben die Experten, "Aber sie unterscheiden Sie von Mitbewerbern."
    foto: reuters/aly song

    "Natürlich sind Menschen unbeständig und unberechenbar, sie können egoistisch, gelangweilt oder unehrlich sein, sie sind selten aufmerksam und schnell abgelenkt", schreiben die Experten, "Aber sie unterscheiden Sie von Mitbewerbern."

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