Mit einem Chip unter der Haut die Bürotür öffnen

28. September 2015, 11:16
244 Postings

Selbstoptimierung ist durch Apps messbar geworden. Sie begegnet uns von Arbeit bis Ernährung. Der nächste Schritt: Technik gleich im Körper zu tragen

Das Gesicht des BBC-Reporters verzieht sich, ist schmerzverzerrt. Ein kleiner Schnitt, und schon sitzt ein Mikrochip unter der Haut seines Hautrückens. Mit dem RFID-Chip, der ungefähr die Größe eines Reiskorns hat, kann Rory Cellan-Jones im schwedischen Epizentrum, einem Gebäude für Hightech-Start-ups und Unternehmen, Türen öffnen und den Kopierer bedienen. Später sollen die Nutzer noch viel mehr Möglichkeiten haben – zum Beispiel ihren Kaffee mit dem Handrücken bezahlen. Allen 700 Menschen, die in den Bürokomplex einziehen, wird das Service angeboten, das laut den Entwicklern das Leben so viel einfacher macht. Keine Schlüssel mehr, keine verschiedenen Karten – irgendwann könne man sicher auch Daten darauf speichern und mit Smartphone oder Laptop verknüpfen, seine Arbeitsunterlagen hätte man so immer dabei.

foto: istock

Die Verschmelzung von Körper und Technik für optimiertes Arbeiten wurde in Schweden vom Verein Bionyfiken vorangetrieben. Dabei handelt es sich aber nur um ein Beispiel – überall auf der Welt, auch in Österreich, arbeiten Biohacker an unterschiedlichsten Möglichkeiten, den Körper zu optimieren. Es ist ein riesiger Bogen, der sich von der Selbstvermessung bis zum Basteln an der Unsterblichkeit spannt. Wenn die Konkurrenz durch Algorithmen, Maschinen und künstliche Intelligenz immer größer wird, dann nehmen wir uns doch selbst dieser Weiterentwicklungen an, so die Philosophie vieler Biohacker. In Kellern basteln sie an Messgeräten, experimentieren an sich selbst. Denn der Wettlauf um Patente ist hart, und kleine Biohacking-Vereine wie Bionyfiken wollen vor allem vermeiden, dass große Unternehmen wie Google oder Facebook ein Monopol auf diese Technologien der Zukunft haben.

Aber vom Benutzer einer Produktivitäts-App, die misst, wie fleißig man seine To-do-Listen erledigt, oder dem Anhänger einer Fitness-App, die den eigenen Kalorienverbrauch aufzeichnet, bis zu den Transhumanisten, die sich Technik lieber implantieren, als sie am Handgelenk zu tragen, ist es ein weiter Weg, allerdings mit dem gleichen Ziel: Selbstoptimierung durch technische Hilfsmittel.

Alles messbar machen

Bart de Witte, beim IT-Konzern IBM als Manager für den Gesundheitsmarkt in Zentral- und Osteuropa zuständig, hat den Wiener Ableger der Quantified-Self-Bewegung gegründet. In diesem weltumspannenden Netzwerk finden Menschen Austausch, die mithilfe von Apps, Self-Trackern und Sensortechnik Daten über sich selbst aufzeichnen, analysieren und auswerten. Durch Zahlen wollen sich Anhänger der Bewegung selbstoptimieren.

Der in Belgien geborene IT-Manager hat bereits 2008 mit der Selbstüberwachung begonnen. Auslöser war ein Gentest, der neben der Neigung zur Hauterkrankung Psoriasis ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes ergab. Zuerst nutzte er eine Fitness-App, die beim Laufen Kalorien zählt. Er schaffte eine Waage an, die die Messdaten sofort ans Heimnetzwerk schickt, ließ sein Gewicht automatisch in die Welt hinaustwittern.

foto: mario anzuoni / reuters

18 Kilo habe er verloren. Er weitete die Selbstvermessung aus, sammelt seither Daten per Schlaftracker und Diättagebuch. Heute erhebt de Witte sogar Stoffwechseldaten, indem er sich täglich Bluttropfen abnimmt und zur Auswertung schickt. Er überwacht Produktivität und Prokrastination bei der Nutzung seines Handys. Und er plant, den Service eines Start-ups zu nutzen, das regelmäßig Stuhlproben untersucht.

Für engagierte Mitglieder der Quantified-Self-Bewegung ist es meist nur ein kleiner Schritt zur nächsten Stufe der Selbstoptimierung: dem Einpflanzen der Technologien in den Körper. So war es auch bei Tim Cannon, Mitgründer von Grindhouse Wetware, einem Zusammenschluss von Biohackern, Programmierern, Bastlern und Künstlern. "Es ist vor allem ein psychologischer Unterschied", sagte Cannon der Zeit über den Unterschied zwischen der Technik am Armband und den Sensoren unter der Haut. "Etwas, was du nur trägst, ist kein Teil von dir. Wenn es dagegen in dir steckt, fühlst du dich damit verbunden, und du nutzt es viel intensiver." Seine Ambitionen hat Quantified Self längst überstiegen: Cannon plant, menschliche Körperteile durch künstliche Open-Source-Organe zu ersetzen. Warum solle man warten, bis das eigene Herz schwächer wird oder man einen Infarkt erleidet?

Arbeitsrecht für Cyborgs

RFID-Chips, Magnete, Sensoren – großteils ist es die gesundheitliche Verbesserung des eigenen Körpers, die Transhumanisten antreibt. Oder wie Cannon es ausdrückt – die Biologie hinter sich zu lassen. Eine kommerzielle Nutzung in Unternehmen wie in Schweden findet nur vereinzelt statt, wirft aber arbeitsrechtliche Fragen auf und regt schließlich auch zur Auseinandersetzung mit Datenschutz und Datenrecht an.

foto: richard drew / ap

Schon jetzt können Verhaltensmuster, Einkaufverhalten und vieles Weitere durch Chips auf Kreditkarten, Personalausweisen oder durch Daten auf dem Smartphone in einer großen Menge erfasst werden – auf die Verwertung dieser Daten haben die Menschen kaum Einfluss. Mit Chips unter der Haut wäre diese Erfassung noch viel ausgeprägter, das Arbeitnehmerdatenschutzrecht müsste dementsprechend aufgerüstet werden, um solchen Entwicklungen Rechnung zu tragen, meinen Experten. Auch das Einsetzen des Chips selbst ist rechtlich Neuland. Solange dies freiwillig geschieht, werden hier aber auch keine Probleme vermutet.

Wenn Freiwilligkeit zum Zwang wird

Bislang kann der Drucker im Stockholmer Epizentrum noch mit normaler Chipkarte benutzt werden, für den BBC-Reporter auch noch die angenehmere Variante. Man müsse seine Hand unangenehm verbiegen, um das Gerät zu bedienen, schreibt er in seinem Erfahrungsbericht. Allerdings: Bedenklich wird es, wenn eine herkömmliche Bedienung irgendwann nicht mehr möglich ist. Die Freiwilligkeit könnte dann schnell zum Zwang werden.

Die in Schweden organisierten Arbeitnehmervertreter sprechen den zweiten wichtigen Aspekt des "Chippens" an: die Einfachheit, Daten zu sammeln und auch zu missbrauchen. Möglichkeiten gebe es dafür viele.

Auch de Witte hat sich mit den datenschutzrechtlichen Problemen befasst: "Ich hatte selbst eine App eines Unternehmens, das pleitegegangen ist. Ich habe damit jahrelang in der Früh Fragen zur Schlafqualität beantwortet", so der Manager. In den AGBs habe er nachgelesen, dass die persönlichen Daten bei einem Verkauf mitübernommen werden. Viele Kaufsummen von US-Start-ups seien deshalb so hoch, weil nicht die App, sondern der mitgekaufte Datenbestand so wertvoll ist.

Datenrechtliche Fragen

Gerade beim RFID-Chip sei es technisch nicht sehr schwierig, Daten von anderen zu übernehmen, da die Auslesedistanz sehr gering sei. Wie einfach ein solcher Angriff ist, wurde zum Beispiel in einem Versuch auf dem Hamburger Flughafen bewiesen. Mit einem kleinen Lesegerät im Rucksack musste man nur nahe genug am Wachpersonal vorbeigehen, um die Daten zu übernehmen. In diesem Fall konnte die Versuchsperson dann mit dem Lesegerät Sicherheitstüren aufmachen.

Lieber jetzt experimentieren und freiwillig herausfinden, welche Risiken hinter den Chips stecken, als all dies den großen Konzernen überlassen, entgegnen die Befürworter der neuen Technik von Bionyfiken wieder.

Unternehmen Unsterblichkeit

Konzerne haben das neue Geschäftsfeld schon lange erkannt. Google würde am "Unternehmen Unsterblichkeit" arbeiten, kommentierte man den Start von Calico, einem neuen Projekt. Das Zauberwort lautet dabei Big Data. Gibt es einen Algorithmus für das ewige Leben? Kann man aus Millionen Daten die Formel für Krebsheilung finden? Google-CEO Larry Page will mit Calico aber sowieso weiter hinaus: Im Interview mit dem US-amerikanischen Time Magazine sagte er, die Heilung von Krebs sei für die Menschheit nur ein verhältnismäßig kleiner Schritt. Statistisch gesehen würde das die Lebensdauer nur um drei Jahre verlängern. Calico aber soll Menschen gleich mehrere Jahrzehnte länger leben lassen. Mit der Selbstoptimierung aller Lebensbereiche ist gutes Geschäft zu machen, und der Kampf darum hat längst begonnen, wie die Bemühungen der Biohacker in Kellern und Vereinen zeigen.

Wo all das Realität ist

In Dave Eggers' The Circle ist all das schon Realität. Im von vielen Kritikern als "1984 des Internetzeitalters" beschriebenen Buch begleitet man als Leser Mae Holland bei ihrem neuen Job im Superunternehmen The Circle. Transparenz und Selbstoptimierung sind die Rezepte in dieser gar nicht so weit entfernten Welt, die Eggers beschreibt. Zwar trägt Mae ihr Messgerät noch in Form eines Armbands am Handgelenk. Die Vermessung beeinflusst ihren Arbeitsalltag dennoch maßgeblich. Damit die junge Mitarbeiterin produktiver sein kann, hat das Unternehmen ihre Werte ständig im Blick. Ernährt sie sich gesund genug? Schläft sie ausreichend? Stimmt etwas nicht, meldet sich die Betriebsärztin. Und obwohl sich Maes Eltern zunächst über die vom Unternehmen auch für sie bezahlte Krankenversicherung freuen – die permanente Überwachung als Voraussetzung für die Unterstützung macht ihnen im Gegensatz zu ihrer Tochter große Sorgen. Keine Geheimnisse zu haben, sagen die Führungskräfte des Circle, das sei die Lösung für so gut wie alle Probleme. (Lara Hagen, 28.9.2015)

Share if you care.